#ichbinhier
Diese Facebookgruppe stellt sich "Hatern" in den Weg

Unter dem Hashtag #ichbinhier versuchen Menschen die Diskussionskultur im Netz angenehmer zu machen.

Mittwoch, 15.02.2017, 17:02 Uhr

Facebook Symbolbild dpa
Sind die „Hater“ im Netz in der Überzahl? Liest man die Kommentarspalten auf Facebook, kann man diesen Eindruck gewinnen. Doch es gibt Hoffnung. Foto: Oliver Berg/dpa

„Lobbyisten“, „Lügner“, „Fake News“ – es geht hoch her in einer Kommentarspalte unter einem Artikel zu einem Angriff auf Krankenhäuser in Aleppo. Der Beitrag sei „Meinungsmache“ und die Quellen „unglaubwürdig“ und „schlecht recherchiert“.

Und auch auf einer anderen Seite ist die Stimmung aufgeheizt: Es sind Nacktfotos von Sängerin Lena Meyer-Landrut aufgetaucht. „Selbst schuld!“ sagt einer. Und ein anderer ruft dazu auf, ihm die kompromittierenden Bilder weiterzuleiten. 1700 Facebook-Nutzern gefällt das.

Sind normale Umgangsformen im Netz abgeschafft?

Sind die „Hater“ in der Überzahl? Liest man die Kommentarspalten auf Facebook, kann man diesen Eindruck gewinnen. Doch es gibt Hoffnung: Um mehr Ausgewogenheit in den Kommentaren zu schaffen, hat Hannes Ley Mitte Dezember die Facebookgruppe #ichbinhier https://www.facebook.com/groups/718574178311688/ gegründet. „Wir glauben, dass Fakten, Mut und Freundlichkeit stärker sind als Gerüchte, Angst und Hass“, heißt es in der Satzung der Gruppe. „Und dass jede einzelne positive Stimme das Klima besser macht.“

Mittlerweile sind schon knapp 18.000 Menschen Mitglied der überparteilichen Aktionsgruppe, bei jedem Aufruf schreiben Hunderte gegen den Hass an. Zu Beginn jedes Kommentars setzen sie den Hastag #ichbinhier.

#ichbinhier

Wie Nina Puri, die sich zu dem Angriff in Aleppo äußert: „#ichbinhier Wenn, wie im Bericht beschrieben, die Krankenhäuser tatsächlich gezielt angegriffen […] wurden, ist das ein furchtbares Verbrechen, das angeprangert und verurteilt werden muss. Und diejenigen, die dabei getötet oder verletzt wurden, verdienen Mitgefühl und Trauer.“

„Verpiss dich wieder!“ fordert daraufhin ein anderer User ruppig. „Wenn du mit dem rauen Ton im Netz nicht klarkommst.“ So ein Angriff kann schon mal abschrecken, so mancher würde sich beim nächsten Mal drei Mal überlegen, wieder zu schreiben. Doch andere springen ein, wie Maria Härdle: „Im Gegenteil. SIE können das Internet nicht mehr mit Ihren 'alternativen Fakten' und Verleumdungen für sich allein beanspruchen. Wenn Sie nicht mit respektvollen und sachlichen Argumenten klarkommen... dann wird es ab jetzt sehr schwer für Sie.“

Die Gruppe gibt es in Schweden schon über ein halbes Jahr

Gründer Hannes Ley kam über schwedische Freunde auf die Idee #ichbinhier zu gründen, die Gruppe gibt es in Schweden schon über ein halbes Jahr, hat mittlerweile über 60.000 Mitglieder. „Ich dachte: Das ist so richtig und wichtig, gerade dieses teamorientierte, dass man als Gruppe irgendwo reingeht und sich gegenseitig den Rücken stärkt. Und dann habe ich direkt aus dem Bauch heraus beschlossen, dass ich das gerne machen würde“, sagt Ley im Deutschlandfunk. Er kontaktierte die schwedische Gründerin – und bekam das Okay die Gruppe in Deutschland fortzuführen.

Die Gruppe zeigt Wirkung

Und es funktioniert: Wie bei den Nacktbildern von Lena, zu denen sich Nutzer Thomas Eickholt äußert: „#ichbinhier Bei aller Öffentlichkeit, in der sich Menschen wie Lena M.-L. bewegen, sie gehören 'uns' nicht und verdienen als Mensch jeden Respekt für ihren Privatbereich. Wie wir alle uns das auch wünschen.“

Die politische Einstellung der #ichbinhier-Mitglieder sei zweitrangig, so Gründer Hannes Ley. Es gehe in erster Linie um die Art und Weise der Kommunikation: „Ihr könnt linke oder rechte Meinungen haben, aber wichtig ist: Seid differenziert, pauschalisiert oder beleidigt nicht, seid nicht rassistisch oder sexistisch.“

Auch zur ermordeten 22-Jährigen in Ahaus äußern sich die User. „Wer der nicht hier würde das Mädchen noch leben!!!!! “, sagt ein Mann unter dem BILD-Artikel. „Das Blut an ihren Händen, Frau Merkel, wird nicht weniger!!“, schimpft einer. Und: „Erlaubt die Bewaffnung von Zivilpersonen!“, fordert ein anderer.

Doch die Gruppe zeigt Wirkung: Alleine die ersten vier Top-Kommentare stammen von Menschen, die den Hastag #ichbinhier setzen. Wie Inga Rossbach: „#ichbinhier und ich bin traurig, dass so wenig Anteilnahme am Tod einer Frau genommen wird. All die, die ihren Hass gegen Menschen mit Migrationshintergrund und/oder Geflohene richten: ich wünsche euch von Herzen, dass ihr niemals in die Situation kommt, als Angehöriger trauern zu müssen.“ 800 Facebook-Nutzern gefällt das.

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