Wahlkampf
So performen Politiker in den sozialen Netzwerken

Die Sozialen Medien werden im Rahmen des Wahlkampfes immer wichtiger. Vor allem Martin Schulz startet unter #Gottkanzler auf Facebook und Co. durch, aber auch die NRW Politiker präsentieren sich mit Blick auf die Wahlen in den Sozialen Netzwerken. Wer hat die größte Reichweite und wie einflussreich sind die Sozialen Medien wirklich?

Freitag, 03.03.2017, 16:03 Uhr

Wahlkampf : So performen Politiker in den sozialen Netzwerken
Facebook-Likes der NRW-Politiker. Foto: Lisa Stetzkamp

Neben Fernsehduells, Plakaten und Straßengesprächen bietet inzwischen auch das soziale Netz eine Wahlkampfarena. Das zeigt der Fall Martin Schulz : Unter dem Hashtag #Schulzzug verbreiten seine Fans seit Monaten montierte Bilder und Videos: Martin Schulz als ‚Brückenbauer‘, Martin Schulz als ‚Gottkanzler‘, Martin Schulz als ‚Zug ohne Bremsen‘. "Der Hype um den SPD-Kandidaten hat im Internet begonnen", sagt Politikberater Martin Fuchs

Wie präsentieren sich also deutsche Politiker in den Sozialen Medien? Was erhoffen sie sich von eigenen Facebook- und Twitterprofilen und wie einflussreich ist Social Media wirklich? 

"Ein Wahlkampf ohne Soziale Medien ist im Jahr 2017 nicht mehr denkbar", sagt Kommunikationsforscher Dr. Jan-Hinrik Schmidt. Das deckt sich mit den Erfahrungen aus der Praxis. "Über 90 Prozent der Landtagsabgeordneten nutzen mindestens ein Netzwerk aktiv", sagt Politikberater Martin Fuchs. 

Auch in NRW steht dieses Jahr eine Wahl an, am 14. Mai. Bei den Spitzenkandidaten in NRW und deren Parteien ist reichweitentechnisch jedoch noch Luft nach oben – auf allen Kanälen. 

Facebook

So ist Christian Lindner mit über 100.000 "Gefällt mir"-Angaben auf Facebook klarer Reichweitenerster. Die derzeitige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat nur die Hälfte an Unterstützern. An dritter Stelle steht Marcus Pretzell mit etwa 21.000 Likes. Die anderen Kandidaten haben zwischen 5000 und 8000 Fans - bis auf den Piraten Michele Marsching, der bei 60 "Gefällt mir"-Angaben quasi ins Leere postet. Ob die Kandidaten die Kanäle selbst bestücken, ist oft nicht klar. Nur die Kandidaten von Grünen und FDP markieren selbst verfasste Einträge mit einem Kürzel. "Eine Skandalisierung, dass ein Politiker nicht alles selbst macht, ist fehl am Platze", sagt Politikberater Martin Fuchs. Auch wenn Politiker dafür ein eigenes Team haben, sei es jedoch wichtig, dass die Inhalte von ihnen selbst kommen und dass transparent gemacht werde, wer sie aufbereitet hat.

Unter den Parteien führen auf Facebook die Außenseiter: An erster Stelle steht die nordrhein-westfälische AfD mit etwa 33.000 Likes, dahinter die Grünen mit 21.000 Likes, dann Linke und FDP. 

Twitter

Auch auf Twitter hat FDP-Mann Lindner mit 86.000 Followern klar die Nase vorn, gefolgt von Hannelore Kraft und Armin Laschet mit 54.000 beziehungsweise 12.000 Followern. Im Mittelfeld bewegt sich Marcus Pretzells Account. Den Profilen der anderen Kandidaten schenken nur bis zu 3.000 Follower ihre Aufmerksamkeit.

Die Landtagsfraktionen der Parteien bewegen sich mit ihren Twitter-Auftritten zwischen 5.000 und 20.000 Followern, die Linke am unteren, die Piraten am oberen Rand. 

Instagram

Eigene Instagram-Accounts haben nur Christian Lindner und Michele Marsching, wobei Lindners Reichweite deutlich höher ist. Die Instagram-Accounts der Landtagsfraktionen sind nicht der Rede wert: Keinen der Kanäle abonnieren mehr als 1000 Menschen. 

Fake-Follower

Bei den wenigen Auftritten mit sehr hoher Reichweite stellt sich die Frage, ob alle Follower echt sind. 10.000 gefälschte Likes könne man im Ausland für nur knapp 140 Euro kaufen, sagt der IT-Experte Tobias Schrödel gegenüber Stern TV. Verschiedene Tools sollen solche Fake-Follower ausfindig machen. Der vom Stern entwickelte "Facebook Like Check" etwa sortiert die Follower nach ihren Herkunftsländern. So stammt knapp ein Viertel der Anhänger von Angela Merkel aus dem Irak, Ägypten, Brasilien und Indien - auffällig, weil sie in diesen Ländern kaum präsent ist.

Like Verteilung Merkel

Like-Verteilung über Länder der Seite "Angela Merkel" Foto: Screenshot Facebook Like Check

Auf Landesebene ist das bisher jedoch kein Problem: Laut "Like Check" stammen über 90 Prozent der Gefolgschaft aller NRW-Spitzenkandidaten und ihrer Parteien aus Deutschland. Die Diskussion über Fake-Profile sei jedoch ohnehin zu hysterisch, findet Politikberater Fuchs. Auch früher habe es schon manipulierte Kommunikation gegeben. "Das ist auch gut, weil es eine Debatte auslöst und weit verbreitete Falschmeldungen für alle einsehbar macht."

Like Verteilung FDP

Like-Verteilung über Länder der Seite "FDP NRW" Foto: Screenshot Facebook Like Check

Social Media - ein Muss?

Wie starke Bedeutung Politiker dem sozialen Netz im Gegensatz zu anderen Formen des Wahlkampfs beimessen, sei letztlich eine strategische Abwägung, sagt Wissenschaftler Schmidt. "Man kann einen Wahlkampf auch ohne Facebook gewinnen." Die Plattformen erfüllten jedoch verschiedene Funktionen und erreichten verschiedene Zielgruppen: Twitter etwa sei eine Nische, über die man Multiplikatoren wie Journalisten, Blogger oder andere politische Akteure erreichen könne.

Auf Facebook dagegen sei die Chance größer, über virale Ketten mit Botschaften bei der wählenden Bevölkerung zu landen. "Wie groß der Einfluss von Sozialen Medien auf den Wahlausgang ist, lässt sich wissenschaftlich jedoch nicht zuverlässig messen", sagt er. Zu viele verschiedene Faktoren beeinflussten, wen und ob man wählt.

Das Potenzial von Sozialen Medien liegt laut Politikberater Fuchs ohnehin eher in der Kommunikation: "Politiker können so eine Bindung zur Bevölkerung aufbauen, Transparenz und Vertrauen schaffen." Zudem ermöglichten die Netzwerke, Gedanken und Probleme der Wähler herauszufinden, die diese im realen Gespräch nicht äußern würden. "Dafür müssen sich Politiker jedoch auf bestimmte Zielgruppen fokussieren und kontinuierlich den Dialog suchen." Wer seinen Account nur ein paar Wochen lang im Wahlkampf pflege, der habe nicht verstanden, wie Soziale Medien funktionieren.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4679747?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F1604524%2F2268861%2F4839733%2F4839734%2F
Mit Stichverletzungen ins Krankenhaus
Die Polizei wurde zu einer Messerstecherei gerufen.
Nachrichten-Ticker