Ausgeklügelte Social-Media-Strategie
AfD nutzt Provokation als Stilmittel

Münster -

Sticheln, provozieren, beleidigen: AfD-Spitzenpolitiker sind seit dem Einzug in den Bundestag vermehrt durch Entgleisungen auf Twitter und Facebook aufgefallen. Dabei reichen die verwendeten Mittel von martialischer Wortwahl über Hetze gegen die Polizei bis hin zu offenem Rassismus – je größer der Tabubruch, desto höher die Aufmerksamkeit.

Mittwoch, 10.01.2018, 16:40 Uhr aktualisiert: 10.01.2018, 21:03 Uhr
Ausgeklügelte Social-Media-Strategie: AfD nutzt Provokation als Stilmittel
Die AfD-Politiker Jens Maier und Beatrix von Storch sind in sozialen Netzwerken besonders aktiv. Foto: dpa; Grafik: Lisa Stetzkamp

Die jüngste Geschmacklosigkeit war ein Tweet des sächsischen AfD-Abgeordneten Jens Maier . Er bezeichnete den dunkelhäutigen Boris-Becker-Sprössling Noah als „kleinen Halbneger“. Es folgten eine Welle der Empörung, eine Klage und eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin. Danach darf Maier seine Äußerung nicht wiederholen. Ein Parteiausschlussverfahren ist für die AfD indes kein Thema. Dabei war es nicht das erste Mal, dass der Richter durch rassistische Äußerungen auffiel. Bereits im Januar 2017 hatte ihm das Landgericht Dresden die Zuständigkeit für bestimmte Themen entzogen, nachdem er der Politik die „Herstellung von Mischvölkern“ vorwarf.

Twitter sperrt von Storch

Neben Maier sorgte vor allem die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, zuletzt mehrfach für Aufregung. Mitte Dezember 2017 vergriff sie sich zunächst deutlich im Ton: „Je länger Merkel am Ruder der CDU bleibt, desto mehr Fleisch werden wir von ihrem Kadaver reißen.“ Zum Jahreswechsel wurde von Storchs Account von Twitter sogar vorübergehend gesperrt. Dieses Mal fragte sie: „Wieso twittert eine offizielle Polizeiseite aus NRW auf Arabisch? Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?“

Strategischer Populismus

Dass die Liste der Beispiele sich um zahlreiche ähnliche Äußerungen ergänzen ließe, hat laut Dr. Christian Grimme System. „Die AfD nutzt die Sozialen Medien strategisch. Populismus lebt davon, Aufregung zu erzeugen“, sagt der Wirtschaftsinformatiker. Er leitet das vom Bundesbildungsministerium finanzierte Projekt „PropStop: Erkennung, Nachweis und Bekämpfung verdeckter Propaganda-Angriffe über Online-Medien“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

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„Keine andere deutsche Partei nutzt Twitter so professionell wie die AfD“, sagt Grimme. Dabei spiele die Partei über Bande. Denn der Adressat der vielen Beiträge sei nicht direkt das Wahlvolk, sondern vor allem Multiplikatoren wie Medien. „Kaum drei Prozent der Deutschen haben einen Twitter-Account, aber fast jeder Journalist hat einen. Die AfD nutzt eine aggressive, indirekte Strategie, um Gehör zu finden“, erklärt der Fachmann. So habe die Partei bereits im Bundestagswahlkampf mittels provokanter Beiträge erfolgreich Themen gesetzt.

Teilautomatisierte Fake-Accounts

Dabei überlässt die AfD nichts dem Zufall: Es spreche vieles dafür, dass teilautomatisierte Fake-Accounts benutzt wurden, so Grimme. „Durch deren Re­tweets oder geteilte Facebook-Beiträge tauchen diese öfter bei den Trends auf und werden somit von mehr Nutzern wahrgenommen. So wird der Algorithmus der Sozialen Netzwerke ausgehebelt.“

Ist die öffentliche Empörung besonders groß, schieben die AfD-Politiker die Verantwortung für ihre Beiträge dann auf übereifrige Mitarbeiter. Sowohl von Storch als auch Maier bedienten sich dieses Mittels.

AfD legt in Insa-Umfrage zu

Die Wähler schreckt offenbar weder die Masche noch der Inhalt der Tweets ab, im Gegenteil: Während die zähen Sondierungsgespräche die beteiligten Altparteien mit Ausnahme der Grünen Zustimmung kostet, verbessert die AfD ihren Umfragewert laut des jüngsten Insa-Meinungstrends auf Bundesebene auf 13,5 Prozent.

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