Wenn Smartphones zum Stress-Faktor werden
Digitales Wohlbefinden - Der Kampf um die Aufmerksamkeit

Tweets, E-Mails, Chat-Nachrichten und Werbung wo das Auge hinblickt - täglich wird man mit Informationen bombardiert. Mit dem Smartphone als ständiger Begleiter gibt es kaum noch eine ruhige Minute. Höchste Zeit, dass sich jemand Gedanken um das digitale Wohlbefinden von Millionen von Nutzern macht.

Montag, 22.10.2018, 15:00 Uhr aktualisiert: 22.10.2018, 15:13 Uhr
Wenn Smartphones zum Stress-Faktor werden: Digitales Wohlbefinden - Der Kampf um die Aufmerksamkeit
Es liegt an jedem selbst, wie sehr eher den Verlockungen von Smartphone und Tablet nachgibt. Foto: colourbox.com

„163 mal den Bildschirm entsperrt, 3 Stunden und 58 Minuten auf Facebook und Instagram. Das kann ja wohl nicht stimmen?“ - Pia (25) schaut ungläubig auf die Auswertung der neuen „Bildschirmzeit“-Funktion ihres Smartphones. „Dabei kam es mir gestern nicht einmal vor, als hätte ich viel Zeit am Handy verbracht. Abends war ich sogar noch 4 Stunden arbeiten!“

Ihr geht es ähnlich wie vielen Menschen, die zum ersten Mal mit dem Umfang der eigenen Smartphonenutzung konfrontiert werden. Möglich machen es die neuen Features von Apple , Google und Co. Mit Ihnen lässt sich die täglich am Bildschirm verbrachte Zeit genau auswerten. Doch was können  die Statistiken und Diagramme dem Nutzer über sich verraten? Und was hat das Ganze mit „digitalem Wohlbefinden“ zu tun?

Eine Kindersicherung für Erwachsene?

Die neuen Tools geben detailliert Auskunft über die am Smartphone verbrachte Zeit, die am Häufigsten genutzten Apps, wie viele Push-Benachrichtigungen auf dem Sperrbildschirm angezeigt und wie oft der Bildschirm entsperrt wurde. Darüber hinaus kann jeder Nutzer sich selbst ein minutengenaues Zeitlimit pro App pro Tag einrichten. Wird das Limit erreicht, erhält man zunächst eine Benachrichtigung. Anschließend wird die App grau hinterlegt und ist damit für den Rest des Tages nicht mehr nutzbar.

Derartige Sperrzeiten für Handy und Computer kennen die meisten wohl nur aus Kindertagen, doch mit den neuen Updates werden sie zur Standardfunktion für Nutzer aller Altersgruppen. Was bei Google unter dem Namen „Digitales Wohlbefinden“ läuft, heißt bei Apple "Bildschirmzeit" . Beides beschreibt ein Paket mit Funktionen und Maßnahmen, die den Nutzern helfen sollen ihre digital verbrachte Zeit zu steuern und bei Bedarf zu reduzieren. Auffällig ist, dass sich das Konzept des „digitalen Wohlbefindens“ vor allem um den zeitlichen Aspekt der Smartphonenutzung dreht. Ob man zum dritten Mal die Facebook-Neuigkeiten auf der Suche nach lustigen Katzenvideos durchscrollt oder die Messenger-App nutzt, um  das gemeinsame Abendessen mit der Familie zu planen, macht in der Statistik keinen Unterschied.

Sind 4 Stunden Facebook am Tag ungesund?

Aus psychologischer Sicht ist der Zusammenhang zwischen einer Vielnutzung von Smartphones und deren Auswirkungen zumindest kontrovers. Die Psychologin Dr. Kathrin Schütz von der Hochschule Fresenius betont im Gespräch mit den WN, dass es vor allem auf die Eigenschaften der Nutzer und die Art und Weise der Nutzung ankomme, um zu beurteilen wann ein problematischer Medienkonsum vorliegt.

Dabei spielt die Gemütsverfassung, aber auch das Alter und das soziale Umfeld der Nutzer eine wichtige Rolle, so Dr. Schütz. Gerade junge Menschen, gerne auch „Digital Natives“ genannt, haben einen völlig anderen Umgang mit digitalen Medien als die Generationen ihrer Eltern und Großeltern. Die Nutzungsgewohnheiten von Freunden und Bekannten wirken sich zudem ganz erheblich auf das eigene Verhalten aus. Wenn im Freundeskreis dauerhaft gechattet und gepostet wird, steigt der Zwang selbst zum Handy zu greifen, um bloß nichts Wichtiges zu verpassen. In jedem Fall ist es zu kurz gegriffen, eine übermäßige Smartphonenutzung allein an der Dauer fest zu machen.

Doch auch wenn es streng genommen keine Obergrenze für eine gesunde Nutzung gibt, kann das Smartphone zu einer unerwünschten Quelle von Stress und Interessenkonflikten werden und damit das Wohlbefinden der Nutzer durchaus beeinträchtigen. Allerdings gibt es aktuell keine handfesten Beweise dafür, dass sich dieses, sehr verbreitete Problem, durch eine bloße Beschränkung der täglich am Bildschirm verbrachten Zeit beheben lässt. Die Sozialpsychologin Sonia Livingstone sagte dazu: "Sie (die Funktionen, Anm.d.V.) helfen zu reflektieren. Wenn die Rückmeldung den Erwartungen der Menschen deutlich widersprechen, wird sie das motivieren ihr Verhalten zu ändern. Aber wird es das Wohlbefinden eines ganzen Landes signifikant verbessern? Ich bezweifle es."

Aufmerksamkeitsmagnet Social Media

Nach bisherigen Erkenntnissen sind Social-Media-Apps besonders verlockend. Das liegt vermutlich daran, dass der Kontakt mit anderen Menschen das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung befriedigen kann. Wenn wir eine Nachricht erhalten, oder unsere Beiträge geliket und kommentiert werden, bekommen wir einen kleinen Schub von Glücksgefühlen. Eigentlich etwas Gutes, oder?

Nicht ganz. Denn problematisch wird diese Neigung, wenn man bedenkt wie allgegenwärtig soziale Medien mittlerweile im Alltag sind.  Der Griff zum Smartphone ermöglicht zu jeder Tageszeit kurzweilige Ablenkung und Glücksgefühle auf Knopfdruck – zu Lasten von weniger befriedigenden Aktivitäten, wie Arbeit, Lernen oder Haushaltsaufgaben. Dabei steigert man sein zwar Wohlbefinden für den Moment, leidet aber im Zweifelsfall später unter den Folgen dieser Alltagsflucht. Vor allem am Arbeitsplatz kann das schnell zu Ärger führen. So ergab zum Beispiel eine Studie unter der Leitung von Prof. Christian Montag von der Universität Ulm, dass Menschen mit einer Neigung zu häufiger Smartphone-Nutzung am Arbeitsplatz deutlich weniger produktiv sind, als Kollegen mit geringerer Nutzung.

Rettung dank Google, Facebook und Co.?

Angesichts dieser Vielzahl an Störfaktoren scheint das Umdenken der Tech-Giganten gerade rechtzeitig einzusetzen. Schließlich widerspricht es den bisherigen Geschäftsmodellen der Branche, die Nutzer zu ermutigen weniger Zeit online zu verbringen. Doch damit lässt sich das grundlegende Problem wohl kaum lösen. Auch wenn die neuen Funktionen das Bewusstsein der Nutzer für die eigenen Gewohnheiten schärfen dürfte, liegt es auch an den Nutzern selbst die Kontrolle über ihren Alltag zurückzuerobern. „Statistiken können sehr leicht wieder verdrängt werden“, mahnt Dr. Schütz. 

Auf dem Weg zu mehr digitalem Wohlbefinden müssen wir die Dinge also selbst in die Hand nehmen. Hier sind 3 Tipps, die helfen können, den Kampf gegen das Smartphone zu gewinnen:

1. Das Smartphone regelmäßig aufräumen

Apps, die ihr seit längerem nicht nutzt, haben wahrscheinlich keinen großen Mehrwert. Stattdessen nerven sie mit Benachrichtigungen und belegen Speicherplatz. Funktionen wie "Bildschirmzeit" können euch bei der Auswahl überflüssiger Apps helfen.

2. Push-Benachrichtigungen nur von ausgewählten Apps

Die meisten Apps kommen mit Standardeinstellungen aus dem App-Store. Dazu gehört das Senden von Benachrichtigungen auf den Sperrbildschirm des Smartphones. Diese sind besonders effektiv darin, eure Aufmerksamkeit einzufangen. Überlegt euch also gut, welche Apps euch ablenken dürfen.

3. Smartphone-Auszeiten

Schafft in eurem Tagesablauf kleine Pausen, in denen ihr das Smartphone in der Schublade oder besser noch zu Hause lasst. Nichts wirkt besser gegen digitale Überforderung als ein vollkommen analoger Spaziergang an der frischen Luft. Ganz ohne Benachrichtigungen und Likes.

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