Interview mit dem Experten Thomas Meißner über den Pflege-TÜV
„Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“

Münster -

Die Bewertungsmöglichkeit von Pflege muss grundsätzlich neu diskutiert werden, fordert Thomas Meißner, Präsidiumsmitglied des Deutschen Pflegerates, im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Andrea Bracht.

Sonntag, 03.08.2014, 14:08 Uhr

 Thomas Meißner
Thomas Meißner Foto: Maika Ernicke

Wenn ich einen Platz für meine Mutter suche, soll ich mich auf den Pflege-TÜV verlassen?

Meißner : Nein. Die wenigsten schauen auf das TÜV-Ergebnis. Die meisten gucken auf Transparenz. Ist die Homepage nachvollziehbar, das Heim niveauvoll? Sie erkundigen sich beim Kreis oder in der Kommune nach dem Ruf, gehen hin.

Wozu gibt es den Pflege-TÜV?

Meißner: Als er damals von Ulla Schmidt eingeführt worden ist, wollte man den Verbrauchern zeigen, dass jetzt Transparenz angesagt ist. Es war ein guter Start, alle Einrichtungen in Deutschland einmal zu prüfen. Man hätte allerdings Gründlichkeit vor Schnelligkeit walten lassen sollen. Inhaltlich ist noch viel dran zu basteln.

Wo liegt das Problem?

Meißner: Es gibt subjektive und objektive Kriterien, weiche und harte Faktoren. Im stationären Pflegebereich können Sie beurteilen, ob das Zimmer groß genug ist, ob es hell und freundlich ist. Aber die Pflege an sich ist natürlich schwierig nachzuvollziehen. Der Begriff TÜV ist zudem falsch. Denn der TÜV garantiert, dass das Auto zwei Jahre gut fährt, überprüft aber nicht den Fahrer und die Insassen. Ein TÜV-Zertifikat ist kein Garant dafür, dass die Einrichtung bedingungslos gut ist.

Aber irgendwie muss man bewerten, oder?

Meißner: Das ist eine Frage des Systems. Bedauerlich ist an dieser Diskussion, dass die beruflich Pflegenden in der Regel völlig kriminalisiert werden und dass viele Beispiele, die leider in der Praxis auftreten, so dargestellt werden, als ob sie flächendeckend in Deutschland sind. Wir haben eine große Anzahl von hervorragenden Pflegeeinrichtungen.

Worauf würden Sie bei der Wahl des Heims achten?

Meißner: Ich würde mir die Einrichtung angucken, Abläufe beobachten. Haben sie Schwung, Elan, tun sie was für Menschen oder ist das reine Massenabfertigung? Ich persönlich halte sehr viel von Transparenz.

Mittlerweile gibt es alternative Bewertungsverfahren zum Pflege-TÜV …

Meißner: …aber alle sind auf eine Art und Weise ähnlich. Wenn wir etwas ändern wollen, muss erstens die Trennung zwischen ambulant und stationär ganz ex­trem sein. Zweitens müssen wir den Katalog abspecken, sodass er für den Verbraucher verständlich wird.

Das „Ergebnisorientierte Qualitätsmodell Münster“ setzt auf Befragungen der Bewohner.

Meißner: Alles gute Ansätze. Aber wissen Sie, wir haben es auch mit Kranken, Dementen zu tun. Mein Großvater fand die eine Schwester immer nett. Und dann hatte die einmal einen schlechten Tag. Plötzlich war sie eine ganz schlechte. Ob demente Menschen sowas bewerten können, weiß ich nicht. Aber es ist ein guter Weg, denn unsere Arbeit ist am Menschen ausgerichtet – also muss der Mensch im Mittelpunkt stehen.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2652125?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F1604524%2F2617483%2F4839828%2F4839829%2F
NRW auf dem Weg zum Wolfsland
Wölfe könnten wieder heimisch werden: NRW auf dem Weg zum Wolfsland
Nachrichten-Ticker