Landwirt geht auf Nummer sicher
Jährlicher Test als Fest: Wenn die Notstromaggregate brummen

Ochtrup - Jedes Jahr im November schmeißt Thomas Ostendorf sein Notstromaggregat an. Der Landwirt koppelt das Gerät an seinen Trecker und startet den Motor der kräftigen Zugmaschine. Aus Diesel wird dann Strom. In diesem Jahr testet der Schweinezüchter die Technik am 25. November zum zehnten Mal. Zu deutlich hat er noch die Bilder aus dem Jahr 2005 im Kopf.

Montag, 23.11.2015, 15:11 Uhr

Jedes Jahr im November schmeißt Landwirt Thomas Ostendorf in Ochtrup sein Notstromagregat an.
Jedes Jahr im November schmeißt Landwirt Thomas Ostendorf in Ochtrup sein Notstromagregat an. Foto: dpa

Damals brach am ersten Adventswochenende ein denkwürdige Chaos in Westfalen ein. Es schneite ungewöhnlich viel in der platten Fahrradregion. Hinzu kamen Sturmböen. Doch damit nicht genug: Der Schnee war so nass und schwer, dass Strommasten unter ihm einknickten wie Streichhölzer.

Das Schneechaos im Münsterland 2005

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  • Verkehrschaos am Schöppinger Berg.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Schneechaos

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Linienbus bei Legden

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Nathalie Licard mit der Spezial-Schneekugel aus der Harald-Schmidt-Show.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • In einer Notunterkunft in Ochtrup werden am Sonntagmorgen (27.11.2005) Kinder mit warmen Getränken und etwas Essen versorgt.

    Foto: dpa
  • Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in Münster.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Unter schneebedeckten Stromleitungen fährt ein Fahrzeug der Straßenmeisterei am Samstag (26.11.2005) über die Autobahn A31 im münsterländischen Heek. Die Autobahn wurde aus Sicherheitsgründen gesperrt.

    Foto: dpa
  • Umgeknickte Strommasten zwischen Altenberge und Laer.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Chaos am Schöppinger Berg.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Nichts geht mehr am Bahnhof Münster.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Versorgung in Leer.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • In einer Notunterkunft im münsterländischen Ochtrup sitzen am Sonntagmorgen (27.11.2005) Petra, das Kleinkind Andre und Andreas.

    Foto: dpa
  • Im münsterischen Hauptbahnhof wurden gestrandete Bahnreisende im Schutzbunker betreut.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • In einer Notunterkunft im münsterländischen Ochtrup sitzen am Sonntagmorgen (27.11.2005) Bewohner des Ortes, der seit mehr als 48 Stunden ohne Strom ist, beim Frühstück.

    Foto: dpa
  • Ein Schneemann in Münster.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Schnee 2005 in Borghorst.

    Foto: Cornelia Balzer
  • In einer Notunterkunft im münsterländischen Ochtrup versorgen Mitarbeiter des Roten Kreuzes am Sonntagmorgen (27.11.2005) die Bewohner des Ortes, der seit mehr als 48 Stunden ohne Strom ist.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Kochen mit Teelichtern: Christel (r.) und Christian Materne und Nachbarin Anne Hassenflug aus Burgsteinfurt machen Dosensuppe.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Umgeknickte Strommasten stehen am Montag (28.11.2005) auf einem Feld bei Laer in der Nähe von Münster.

    Foto: dpa
  • Kochen mit Teelichtern: Christel (r.) und Christian Materne und Nachbarin Anne Hassenflug aus Burgsteinfurt machen Dosensuppe.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Umgeknickte Strommasten zwischen Altenberge und Laer.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Ein Gastkocher macht es möglich: Monika Meier von der Kreisrotkreuzleitung versorgt die Einsatzkräfte mit heißer Suppe.

    Foto: Anne Eckrodt
  • Wenn nichts mehr geht: Autos aus dem Schneegestöber schieben war am Wochenende des 25./26. November 2005 wohl noch eine der leichteren Übungen. Die Ereignisse in Ochtrup und Umgebung haben aber gezeigt, dasss ich die Menschen gegenseitig helfen.

    Foto: Beile
  • Jürgen Rüttgers zu Besuch in Ochtrup.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Foto: Jürgen Peperhowe
  • Vor einer Notunterkunft im münsterländischen Ochtrup wärmt sich ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes am Sonntagmorgen (27.11.2005) mit einem Becher heißem Tee auf.

    Foto: dpa
  • Schneekugel aus der Harald-Schmidt-Show,

    Foto: Anne Eckrodt
  • Mitarbeiter von RWE bei der Reparatur der Hochspannungsleitungen bei Ahaus.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • RWE-Monteure schrauben am Montag (28.11.2005) bei Ochtrup einen Notstrommast für die Starkstromleitung zwischen Gronau und Ochtrup zusammen.

    Foto: dpa
  • Fachleute des Energieversorgers RWE reparieren am Sonntag (27.11.2005) nahe dem münsterländischen Ochtrup eine Stromüberlandleitung.

    Foto: dpa
  • In einer Notunterkunft im münsterländischen Ochtrup kümmert sich Mitarbeiter des Roten Kreuzes am Sonntagmorgen (27.11.2005) um die Einheimischen.

    Foto: dpa
  • Unter schneebedeckten Stromleitungen fährt ein Fahrzeug der Straßenmeisterei am Samstag (26.11.2005) über die Autobahn A31 im münsterländischen Heek.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Zwei Techniker reparieren am Sonntag (27.11.2005) in Leeden (Kreis Steinfurt) eine Stromleitung, die sich in einer Winterlandschaft mit schneebehangenen Bäumen befindet.

    Foto: dpa

«Die Tage haben einfach gezeigt, dass die Menschen sich gegenseitig helfen können. Wir haben damals alle viel improvisiert, einige haben 48 Stunden am Stück durchgearbeitet und hatten so viel Adrenalin im Blut, dass sie nicht wieder runterkamen», erzählt der heute 39-jährige Ostendorf, der einen Hof in Ochtrup betreibt.

Im Münsterland gingen die Lichter und - was noch schlimmer war - die Heizungen aus. In tausenden rot geklinkerten Eigenheimen blieb es tagelang dunkel und kalt. Das westliche Münsterland und der Raum Osnabrück ächzten am meisten unter der Schneelast. 250 000 Menschen waren zwischenzeitlich ohne Strom. In den Kreisen Borken und Steinfurt wurde Katastrophenalarm ausgerufen, Turnhallen und Gemeindezentren wurden zu Notunterkünften.

«Das war eine der prägendsten Situationen in meinem Berufsleben», sagt Stefan Bergmann zehn Jahre später. Er war 2005 Sprecher des Krisenstabs der Bezirksregierung Münster, der erst wenige Wochen zuvor überhaupt gegründet wurde. Die erste Nacht habe der Stab durchgearbeitet. «Als es dann hell wurde, hat man das ganze Elend gesehen», erzählt Bergmann. Viele Tiere seien verendet, Strommasten umgeknickt. Von der Dramatik her sei der Samstag der schlimmste Tag gewesen. Allen sei bewusstgeworden, wie sehr alles am Strom hänge.

Landwirt Thomas Ostendorf in seinem Keller.

Landwirt Thomas Ostendorf in seinem Keller. Foto: dpa

Die zahlreichen Bauern in der Region hatten ebenfalls schwer zu kämpfen. Prall gefüllte Euter bereiteten den Kühen Schmerzen und ohne Wärmelampen waren viele Ferkel in Gefahr. Auch Bergmann hat diese Problematik noch gut vor Augen. Zwischenzeitlich habe es so ausgesehen, als würden mindestens 600 Landwirte ihre gesamte Existenzgrundlage verlieren.

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Am 25. November brach also nicht nur ein Schneetreiben, sondern auch eine schwere Zeit über das Münsterland herein. Aber mehr als 4000 Freiwillige von Feuerwehren und Hilfsorganisationen aus ganz NRW kamen den Westfalen zur Hilfe. Bergmann bewundert noch heute die Solidarität. Die Hilfe von außen sei sehr groß gewesen.

Besonders schlimm war die Kleinstadt Ochtrup betroffen. Die einzige Stromleitung war auf einer Länge von drei Kilometern zerstört worden. «In Ochtrup waren Gebiete teilweise zwei Wochen ohne Strom», erinnert sich Bergmann, der heute Chefredakteur der Emder Zeitung in Niedersachsen ist. 

Auch im Zugverkehr und auf den Straßen hielt das Chaos Einzug. Verspätungen von über 7000 Minuten und rund 2000 Unfälle waren die Folge. Landwirt Ostendorf zeigt sich noch immer erstaunt darüber, dass nicht mehr passiert ist. Dank seines Notstromaggregats war seine Schweinezucht nicht in Gefahr. «Jeder stand für den anderen ein. Angst hatte ich damals nicht. Wir haben uns nur über die leichtsinnigen Autofahrer gewundert, die meinten, sie könnten bei dem Schnee übers Land fahren. Viele von denen mussten wir mit den Treckern zurück auf die Straßen ziehen.»

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