Ausprobiert: Klettern
Mutig nach oben

Münster -

Früher war Klettern was für Aussteiger. Inzwischen haben künstliche Kletteranlagen in Hallen und Wäldern den Sport in die breite Bevölkerung gebracht – auch in flachen Gefilden. Der Einstieg ist denkbar einfach. Nach einer kurzen Einführung geht es die Wand hoch.

Freitag, 26.06.2015, 15:06 Uhr

Redakteurin Anne Koslowski zum ersten Mal an einer Kletterwand.
Redakteurin Anne Koslowski zum ersten Mal an einer Kletterwand. Foto: Jürgen Peperhowe

Kreide klebt noch auf meiner Brille, der Angstschweiß ist getrocknet. Völlig unbedarft war ich in meine erste Kletterstunde gegangen, um feststellen zu müssen: Das ist nicht ohne. An der ersten Wand versuche ich erst einmal ein Gefühl für die Griffe, Tritte und mein eigenes Körpergewicht zu bekommen.

Klettern ist nicht gleich Klettern

Beim Klettern wird zwischen Hallen- und Felsklettern (Bergsteigen) unterschieden. Etwa die Hälfte aller Kletterer beginnt dem Deutschen Alpenverein (DAV) zufolge mit dem vertikalen Sport an einer Kunstwand. Der Vorteil: Hallenklettern ist wohnortnah auch in flachen Regionen möglich, die Sicherungstechnik ist unkomplizierter als am Fels und es ist sicherer. Gefahren wie Steinschlag, Wetterumschwung, wechselnde Bedingungen am Stein oder ausbrechende Griffe spielen in der Halle keine Rolle. Sowohl in der Halle als auch draußen wird mit Seilsicherung und Gurt geklettert, was das Sportklettern wiederum vom Bouldern unterscheidet. Boulderer klettern ohne Sicherung in Absprunghöhe. Fast die Hälfte aller Kletterer ist laut DAV weiblich. „Besonders Mädchen können beim Sportklettern schnell gute Erfolge erzielen, da nicht rohe Kraft, sondern das Verhältnis von Kraft zu Körpergewicht und Geschicklichkeit entscheidend sind.“ 

Weitere Infos: www.alpenverein.de

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Ich soll mich aus den Beinen nach oben drücken, sagt Kletterhallen-Mitarbeiterin Meike Sichler . Denn da sind die größeren Muskelgruppen. Wer zu viel mit den Armen reißt, der ermüdet schneller. Ich klettere erst einmal nur bunt. Das heißt, die Farbe der in die Wand geschraubten Knubbel spielt keine Rolle. Meine Handflächen werden feucht, obwohl ich sie vorher mit Magnesiapulver bestäubt hatte. Auch an anderen Körperstellen wird mir schon an der ersten Kletterwand sehr schnell warm – vor allem beim Blick nach unten. Der Aufstieg ist sehr anstrengend.

Beim Klettern steht Sicherheit an erster Stelle: Meike Sichler (rechts) zeigt das Anlegen des Klettergurtes. Foto: Jürgen Peperhowe

Beim Klettern steht Sicherheit an erster Stelle: Meike Sichler (rechts) zeigt das Anlegen des Klettergurtes. Foto: Jürgen Peperhowe

Unten steht Meike Sichler, sichert mich mit einem langen Seil in einer Art Flaschenzug und sagt mir, welcher Griff sich als Nächstes anbieten würde. Oben angekommen frage ich sie, wie es nun wieder hinabgehen soll. Mich in den Gurt um meine Hüfte zu setzen und die Beine gegen die Wand zu stellen, kostet mich ein paar Sekunden Überwindung. Der Flaschenzug nimmt Meike Sichler allerdings 90 Prozent meines Gewichtes ab und ich komme sicher unten an. Mit der Top-Stop-Seilbremse, wie sie in der Kletterhalle High Hill in Münster verwendet wird, können sogar Kinder ihre Eltern sichern. Als Nächstes drückt mir die 25-Jährige Kletterschuhe in die Hand. Die gummibeschichteten Schnürschuhe sind an der Ferse und den Zehen verstärkt und laufen vorne schmal zu. Statt seitlich soll ich die nächste Wand mehr mit den Zehenspitzen erklimmen.

Einer der einfachsten und grundlegendsten Knoten im Klettersport ist der Achterknoten. Foto:Jürgen Peperhowe

Einer der einfachsten und grundlegendsten Knoten im Klettersport ist der Achterknoten. Foto:Jürgen Peperhowe

Zudem soll ich nun eine Route klettern, also nur Griffe und Tritte einer bestimmten Farbe benutzen. Es ist Schwierigkeitsstufe 3 (von 10) und das klappt ganz gut. „Mehr Körperspannung!“, ruft Meike Sichler. Ich soll den Körper näher an die Wand pressen. Dann kommt eine Stelle, an der ich nicht mehr weiterweiß. Der nächste graue Tritt scheint zu weit weg. Ich reiche mit dem Bein nur mit einer großen Grätsche heran und traue mich nicht, mich hochzudrücken und gleichzeitig nach einem anderen Griff zu greifen. „Trau dich“, sagt die Lehramtsstudentin. Ich gebe mir einen Ruck, trete ein paar mal nach dem Tritt in die leere Wand und schaffe es schließlich, dank des guten Haltes der Schuhe.

Meike Sichler fragt, ob ich mich in den Gurt setzen und ausruhen will, aber leicht euphorisiert will ich erst einmal weitermachen. Oben angelangt, freue ich mich, auch die „Kinderwand“ gemeistert zu haben, und hopse die Wand lang zurück zum Boden. Die Höhe machte mir schon bei der zweiten Wand nichts mehr aus. „Daran gewöhnt man sich“, sagt auch Sichler. Aber wie das Klettern den gesamten Körper fordert, merke ich schnell. An die Profiwand darf ich nicht, dafür aber an die nächste Kinderwand.

„Die heißt nur so“, sagt Meike Sichler und lacht. Denn daran klettern vor allem Anfänger, der Schwierigkeitsgrad ist mit 3+ recht niedrig. Auch hier wieder eine Stelle, bei der ich glaube, es nicht zu schaffen. Ich schummele mich über einen andersfarbigen Griff weiter hoch und überwinde auch diese Wand bis ganz nach oben. „Wenn man einmal Route geklettert ist“, sagt Meike Sichler, dann klettere man nicht mehr „bunt“. Dann nehme man sich Projektrouten vor, die es in einem oder mehreren Anläufen zu überwinden gelte.

Doch auch das Sichern kann Erfolgserlebnisse bescheren. Andere zu motivieren, über ihre Grenzen hinauszugehen und ein Stückchen höher zu klettern, darin liegt für Meike Sichler ein noch größerer Reiz. Bei mir hat sie das geschafft. Das „Trau dich“ kam an der genau richtigen Stelle.

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