Am Lenker Steuern sparen
Wie Unternehmen Mitarbeitern günstig zu Fahrrädern verhelfen können

Münsterland -

Die Zeiten sind vorbei, in denen Adrian Morawietz nur bei schönem Wetter Fahrrad fuhr. Der 44-jährige Technotrans-Mitarbeiter fährt jeden Tag acht Kilometer von Warendorf nach Sassenberg zur Arbeit und zurück – mit einem E-Bike, das er sich mit Hilfe seines Arbeitgebers angeschafft hat. Seit 2012 können Unternehmen ihren Mitarbeitern Dienstfahrräder anbieten. Das hat für beide Seiten positive Aspekte.

Montag, 31.07.2017, 12:07 Uhr

Adrian Morawietz ist mit seinem Dienstrad in eineinhalb Jahren schon 4300 Kilometer gefahren.
Adrian Morawietz ist mit seinem Dienstrad in eineinhalb Jahren schon 4300 Kilometer gefahren. Foto: Wilfried Gerharz

Timo Sterzl , Personalleiter der Technotrans AG , ist überrascht, dass von 500 Mitarbeitern in Sassenberg nach eineinhalb Jahren bereits über 100 ein Dienstrad fahren. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so einschlägt“, sagt er. Angesichts des erwarteten Aufwands für die Personalabteilung war er zunächst skeptisch. Heute nicht mehr.

Zwar sei die Anpassung der Betriebsvereinbarung, das Ausfüllen von Formularen schon ein „nennenswerter Aufwand“ gewesen, doch heute laufe der Betrieb nebenbei – unter anderem, weil es Spezialisten wie „Radelnde Mitarbeiter“ in Münster gibt, die die Unternehmen unterstützen.

E-Bike wird attraktiver

Sterzl begründet das Angebot für die Mitarbeiter so: „Wir wollen gute Leute gewinnen und die, die schon bei uns sind, halten. Wir suchen Ideen, wie wir uns von anderen Unternehmen abgrenzen können. Da sind wir auf das Job-Rad aufmerksam geworden.“ Das Angebot habe dazu geführt, dass sich viele Mitarbeiter ein E-Bike angeschafft haben, mit dem sie bis zu 25 Kilometer zur Arbeit fahren und dafür das Auto stehen lassen.

Das war auch für Morawietz der Grund zuzuschlagen. Er gönnte sich ein E-Bike, das etwa 1000 Euro teurer war als das, das er schon länger im Auge hatte. „Das macht einfach nur Spaß“, sagt er, „gemütlicher, bequemer, einfacher, schneller“. Kein Wunder, dass er in den vergangenen eineinhalb Jahren schon 4300 Kilometer gefahren ist. Auch Regen hält ihn nicht von der täglichen Tour zur Arbeit ab: „Mit guter Bekleidung macht es noch mehr Spaß, da durchzufahren“, sagt er.

Alternative für Arbeitsweg

Andere Arbeitgeber, die Diensträder anbieten, sind unter anderem die Raphaelsklinik, das Clemens-Hospital in Münster und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon.

Britta Fricke, Krankenschwester im Clemenshospital, und schon beruflich mit dem Thema Gesundheit beschäftigt, hatte bereits länger überlegt, sich ein E-Bike anzuschaffen. „Im Alter kriege ich ein E-Bike“, hat die 52-Jährige sich lange gedacht. Dass das Alter jetzt so schnell kam, war auch für sie überraschend.

Jetzt hat sie keine Probleme mehr, bei Fahrradtouren mit ihrem Mann mitzuhalten. Allerdings: Die 15 Kilometer zur Arbeit fährt sie – anders als Adrian Morawietz von Technotrans – nur bei schönen Wetter mit dem Rad. „Das muss mir ja auch Freude machen“, sagt die Sendenerin.

Zum Thema Diensträder

Vorteile für Mitarbeiter:

► Die Leasingrate wird 36 Monate lang als Barlohn umgewandelt.

► Das Fahrrad wird rund 25 Prozent günstiger. Grundsätzlich gilt: Je höher der Verdienst und je teurer das Rad, desto größer die relative Ersparnis.

► Der Reiz wächst, sich ein besseres Rad zu leisten, das auch häufiger genutzt wird.

► Das Rad darf auch privat genutzt werden.

Vorteile für Arbeitgeber:

► Für sie sinken die Arbeitgeberanteile zur ­Sozialversicherung.

► Fahrradfahrer sind wegen ihrer körperlichen Betätigung und höheren Fitness seltener krank.

► Die Identifikation mit dem Arbeitgeber wächst.

► Die Kosten für Park­plätze und den Firmenfuhrpark sinken.

...

 

Pendeln nach Münster

1/19
  • 4:20 Uhr: Alfred Overbergs Wecker klingelt. Er will bis halb acht im Büro in Gelsenkirchen sein. Zeit also, aus den Federn zu kommen. 5:15 verlässt der 56-Jährige sein Haus in ­Ibbenbüren-Dickenberg. Ab da beginnt eine zweistündige Reise. Täglich. Zwei Mal. Als Erstes setzt er sich ins Auto und fährt „einfach den Berg runter.“ Bereits eine Viertelstunde später beginnt seine zweite Etappe: Im Zug vom Bahnhof Ibbenbüren nach Rheine.

    Foto: privat
  • 4:30 Uhr: Richard Tenbusch (52) verlässt sein Bett. Der Justizhauptsekretär beim Oberverwaltungsgericht in Münster muss den Sprinterbus bekommen. Mit dem Auto fährt er die elf Kilometer von Borken-Weseke nach Ramsdorf, parkt auf dem Pendlerparkplatz an der B 67 n.

    Foto: privat
  • 5:15 Uhr: Raus aus den Federn. Sabrina Laukötter (27) weiß: Eine halbe Stunde später im Auto bedeutet, fünf bis zehn Minuten länger unterwegs zu sein.

    Foto: privat
  • 5:30 Uhr: Michael Bährs (56) Tag beginnt. Er muss heute wieder aus Tecklenburg nach Münster, will gegen sieben Uhr da sein. Wenn er gleich das Radio anmacht, achtet er vor allem auf Nachrichten über die A 1. Wenn er da ­etwas von Stau hört, fährt er schon mal eine Viertel­stunde früher los.

    Foto: privat
  • 5:33 Uhr: Tenbusch steigt in Ramsdorf in den Bus. Nach zwei Haltestellen geht es auf die A 43. Um die Zeit sind Autobahn und Münster noch leer. „Das ist ja auch der Grund, warum ich um diese Zeit fahre“, sagt der Borkener. „Eine Stunde später sieht das ganz anders aus“. Dann ist Stau ab Nottuln wahrscheinlich, ab Senden mehr oder weniger die Regel. Der 52-Jährige versucht, noch ein paar Minuten die Augen zu schließen.

    Foto: privat
  • 6:00 Uhr: Jeanine Müller-Keukers Tag ist straff getaktet: „Wenn ich eine Viertelstunde zu spät bei der Arbeit wäre, könnte ich die Zeit nicht aus­gleichen, weil ich unseren Sohn pünktlich abholen muss.“ Darum steht sie früh auf, um einen Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen, bevor sie ihren Sohn um 6:45 Uhr weckt.

    Foto: privat
  • 6:15 Uhr: Heute könnte es gut ­gehen. Keine schlechten Nachrichten aus dem Radio. Michael Bähr macht sich auf den Weg. Der Tecklenburger fährt in Lengerich auf die A 1. Wenn alles glattläuft, kommt er pro­blemlos bis zum Autobahnkreuz Münster-Süd, um von da in die Stadt zu fahren. „Heute ging es“, wird er später ­berichten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 6:15 Uhr: Sabrina Laukötter hat ein bisschen „geklüngelt“. Normalerweise versucht sie, um sechs im Auto zu sitzen. Denn: Jede Viertelstunde Verspätung bedeutet mehr Stress: Mehr nervige Autofahrer um sie herum, häufigeres Bremsen, längere Parkplatzsuche, höhere Aufmerksamkeit. Die Strafe: Zwei Staus auf der B 54. Einer vor Nordwalde, einer vor Altenberge („Da ist immer Stau“).

    Foto: Klaus Wiedau
  • 6:23 Uhr: Richard Tenbusch steigt am Ludgeriplatz in Münster aus seinem Bus aus. In fünf Minuten wird er an seinem Arbeitsplatz am Oberverwaltungsgericht ankommen. Er könnte auch mit seinem Wagen fahren und 20 Minuten sparen. Aber: „Letzten Endes ist die Busfahrt stressfreier“, sagt er. „Und wenn du was für den Umweltschutz tun willst, dann siehst du halt zu, dass du dich in den Bus setzt.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • 6:30 Uhr: Sabrina Laukötter trifft i n Steinfurt-Borghorst ihre Kollegin, mit der sie im selben Büro sitzt. Die beiden teilen sich jeden Tag einen Teil der Strecke. „Wir wechseln uns jede Woche mit dem Fahren ab“, berichtet Laukötter. Bis vor einem Jahr ist sie noch mit dem Zug gefahren. Um pro Fahrt ein halbe Stunde zu sparen, ist sie aufs Auto umgestiegen. So ist sie eine gute halbe Stunde weniger unterwegs.

    Foto: privat
  • 6:31 Uhr: Für Alfred Overberg ist gerade erst Halbzeit. In einer Dreiviertelstunde wird er am Bahnhof in Gelsenkirchen ankommen. Bis dahin wird er die Zeitung lesen, früh­stücken und „natürlich ein Nickerchen“ machen. In seinem Zug wollen fast alle ihre Ruhe haben. „Man wundert sich, wie gut man in einem Zug schlafen kann“, sagt er. Auf dem Rückweg schläft Overberg meist kurz hinter Gelsenkirchen ein und wird erst in Münster wieder wach.

    Foto: Lukas Schulze
  • 7:13 Uhr: Overbergs Zug kommt in Gelsenkirchen an. 7:23 Uhr sitzt er im Büro. Trotz der vier Stunden, die der Ibben­bürener jeden Tag im Zug sitzt, will er an der Arbeit nichts ändern. Denn: „Mir macht die Arbeit viel Spaß und ich habe Eigentum in Ibben­büren.“

    Foto: Nowaczyk
  • 7:25 Uhr: Overberg sitzt schon zwei Minuten im Büro, wenn sich ­Jeanine Müller-Keuker mit ihrem Sohn auf den Weg in den Kindergarten nach ­Warendorf-Milte macht. Zehn Minuten später sitzt sie wieder im Auto, um sich auf den Weg zum Max-Planck-Institut in Münster zu machen.

    Foto: Oliver Werner
  • 7:40 Uhr: Anna Griestop weiß sehr genau, wann sie sich am besten auf den Weg machen sollte. Eigentlich würde die Online-Redakteurin gerne um acht Uhr anfangen zu arbeiten. Aber wenn sie um 7:15 Uhr in Sassenberg startet, dauert die Fahrt in das 35 Kilometer entfernt liegende Industriegebiet in den münsterischen Loddenbüschen eine Stunde. „Dann ist in Warendorf alles total zu“, dann steht sie in einer ­Riesenschlange mit vier roten Ampelphasen. „Autos wie auf der Perlenschnur gezogen“, sagt sie. Die ­Strecke über Handorf lässt sie ohnehin schon links ­liegen. „Die würde ich nie fahren“, sagt sie.

    Foto: privat
  • 7:48 Uhr: Jeanine Müller-Keuker fährt bei Telgte auf die B 51. Nach der großen Ampelanlage in Handorf ist der Stau meistens nicht vorbei: Die Ampel an der Warendorfer Straße/Pleistermühlenweg ist ein wahres Nadelöhr. Heute kommt sie allerdings gut durch. Auch auf dem Ring läuft alles nach ihrem Geschmack. Von den elf Ampeln zeigen neun grün und zwei rot. „Ein super Schnitt –­ man merkt, dass die Urlaubszeit bevorsteht. „Im Herbst und Winter sieht das leider ganz anders aus. Da ist das Verhältnis eher umgekehrt“. Im Herbst und Winter dauert ihr Arbeitsweg zum Max-Planck-Institut fast eine Stunde. Im November sogar 65-70 Minuten, darum nimmt sie einen Umweg von 20 Kilometern in Kauf, ist aber nach 55 Minuten im Büro. Davon heute keine Spur: Auch bei der Ampel auf dem Ring, die sie zur Adresse ihres Arbeit­gebers führt, hat sie heute nur zwei Rotphasen. Um 8:17 Uhr kommt sie an. Nur 42 Minuten heute.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 8:00 Uhr: Florian Landwehr schwingt sich in dem Osnabrücker Viertel „Sonnenhügel“ auf sein Faltrad. Er verkauft Fahrräder in Münster. Klar, dass er mit dem Rad fährt. Nach zehn Minuten kommt er am Bahnhof in Osnabrück an, 8:19 Uhr fährt der Zug los. Heute hat die Westfalenbahn vier ­Minuten Verspätung. In der Regel ist die Fahrt problemlos. Zurzeit stört auf der Strecke eine Baustelle, die sorgt für Verspätungen („nicht so schön“), aber sonst ist die Fahrt „ohne ­besondere Vorkommnisse“.

    Foto: privat
  • Die Zeit auf dem Rad und im Zug beschreibt der 37-Jährige als „Zeit für mich“: Zeit zum Lesen, Zeit zum Entspannen. Er wüsste keinen Grund, wegen der Fahrerei umzuziehen. „Dann müsste ja meine Frau pendeln“, sagt er. Bevor er in Münster eine Arbeit fand, ist er mit dem Auto nach Lohne gependelt. „Das war mehr Stress“, sagt er.

    Foto: privat
  • 8:15 Uhr: Susanne Winkelhaus-Elsing aus Steinfurt hat alles richtig gemacht: „Heute war es super“, sagt die 50-Jährige. Ohne Behinderungen hat sie es bis zur Arbeit geschafft – und das, obwohl sich auf der B 54 sogar Arbeiter am Straßengraben zu schaffen gemacht haben. Die letzten Tage vor den Sommerferien ist es auf der Bundesstraße ruhiger als sonst. Es gibt aber auch die Tage, an denen die Steinfurterin lange Umwege in Kauf nimmt, um sich die Bundesstraße zu ersparen. „Mich stört schon, dass das so viel Zeit in Anspruch nimmt“, sagt die Mit­arbeiterin einer Stiftung. „Ich würde lieber Sport ­machen.“

    Foto: Axel Roll
  • 8:25 Uhr: Anna Griestop ist an­gekommen. In Warendorf hat sie noch fast einen Auffahrunfall gebaut, weil sie ein „testosterongesteuerter“ Autofahrer erst ausgebremst und dann angebrüllt hat. Sie ver­mutet, dass er sauer ist, weil ihr Schleichweg vor seinem Haus herführt. „Das war krass“, sagt die 52-jährige Sassenbergerin.

    Foto: privat

 

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