Verkehrsbelastung
B 51 und B 54 ächzen unter Pendlern

Münster -

Fast 100.000 Pendler kommen tagtäglich nach Münster. Jeden Morgen bilden sich vor den Toren der Stadt lange Staus. Wie wirkt sich die Pendlerflut aus, wie kann man ihr begegnen? In einer Serie befassen wir uns mit dem Thema. Zum Start berichten Pendler aus dem Münsterland von ihren Erfahrungen.

Montag, 24.07.2017, 15:07 Uhr

Verkehrsbelastung : B 51 und B 54 ächzen unter Pendlern
Fast die Hälfte des Verkehrs, der über die Stadtgrenze fließt, bündelt sich auf zwei Straßen. Foto: Google Maps, Grafik: Lisa Stetzkamp

Allmorgendlich stockt der Verkehr auf der A 43 - und dem Autobahnzubringer B 51, wie die Strecke ab dem Kreuz Münster-Süd stadteinwärts offiziell heißt. Oft staut es sich auf dem neun Kilometer langen Stück von der sogenannten Spinne an der Weseler Straße bis zur Auffahrt in Senden, manchmal sogar darüber hinaus. Diesen Eindruck, von dem viele Pendler berichten, kann Ralf Renkhoff , Verkehrsplaner bei der Stadt Münster, mit Zahlen belegen: 81.000 Autos fahren pro Tag über die B 51 in Münsters Süden. Der Autobahnzubringer ist damit die am Abstand meistbefahrene Straße der Stadt. Auf Platz zwei folgt mit 51.000 Wagen pro Tag eine weitere Pendlerstrecke: die B 54 (Steinfurter Straße) im Nordwesten Münsters.

Über 40 Prozent der Autos, die Münsters Stadtgrenzen überqueren, rollen tagtäglich über diese beiden Einfallstraßen. Das ist das Ergebnis einer Verkehrs­zählung von November 2015. Der Verkehr auf diesen beiden Bundesstraßen ist demnach in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. So wurden noch 2001 auf dem A43-Zubringer 52.000 Autos gezählt, auf der Steinfurter Straße waren es 36.000.

Insgesamt ist die Zahl der Fahrten von Einpendlern laut Berechnungen der Stadt Münster hingegen gesunken, im letzten Beobachtungszeitraum zwischen 2007 und 2013 um fünf Prozent (von 300.361 Personenfahrten täglich auf 287.460). Grund dafür sei etwa das starke Bevölkerungswachstum in der Stadt, erklärt Verkehrsplaner Ralf Renkhoff.

Verschiedene Zahlen

Die Verkehrszählung von November 2015 ergibt andere Werte als die Berechnungen der Stadt Münster für 2013. Statt den 287.460 Personenfahrten, ergab die Zählung an 27 Einfallstraßen 321.744 Fahrzeugbewegungen. Allerdings kann man die Zahlen nicht direkt miteinander vergleichen: So ist die Zahl aus dem Jahr 2013 ein Mittelwert über einen größeren Zeitraum, 2015 wurde im November, an üblicherweise besonders verkehrsreichen Tagen gezählt. Zudem unterscheiden sich die Maßeinheiten: Personenfahrten ergeben sich aus gezählten Autos multipliziert mit der Anzahl der jeweils im Wagen sitzenden Personen.

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Aber woher kommen die Leute, die nach Münster pendeln? Wir haben in dieser Karte alle Wohnorte gekennzeichnet, aus denen mindestens zehn Menschen zur Arbeit nach Münster fahren. Insgesamt sind es 96.724 (Stand 2015). 

Acht von ihnen berichten uns exemplarisch von den Stunden, die sie von zu Hause bis zu ihrem Arbeitsplatz brauchen.

Das beste Rezept gegen den Stau: sehr, sehr früh aufstehen

Der erste steht um 4.20 Uhr auf, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, die letzte fast vier Stunden später. Wir haben sie gebeten, uns über ihre Fahrt nach Münster zu berichten und ein paar Fotos zu schießen. Die meisten (vier) fahren mit dem Auto, einer mit Auto und Zug, einer mit Auto und Bus und einer mit Fahrrad und Zug. Die einen quälen sich über die Autobahn 1 oder die Autobahn 43, die anderen über die B 54 oder B 64. Einige genießen die Tour, die anderen trauern der verlorenen Zeit hinterher. Ein – nicht repräsentativer – Überblick über das Pendeln im Münsterland.

 

Pendeln nach Münster

1/19
  • 4:20 Uhr: Alfred Overbergs Wecker klingelt. Er will bis halb acht im Büro in Gelsenkirchen sein. Zeit also, aus den Federn zu kommen. 5:15 verlässt der 56-Jährige sein Haus in ­Ibbenbüren-Dickenberg. Ab da beginnt eine zweistündige Reise. Täglich. Zwei Mal. Als Erstes setzt er sich ins Auto und fährt „einfach den Berg runter.“ Bereits eine Viertelstunde später beginnt seine zweite Etappe: Im Zug vom Bahnhof Ibbenbüren nach Rheine.

    Foto: privat
  • 4:30 Uhr: Richard Tenbusch (52) verlässt sein Bett. Der Justizhauptsekretär beim Oberverwaltungsgericht in Münster muss den Sprinterbus bekommen. Mit dem Auto fährt er die elf Kilometer von Borken-Weseke nach Ramsdorf, parkt auf dem Pendlerparkplatz an der B 67 n.

    Foto: privat
  • 5:15 Uhr: Raus aus den Federn. Sabrina Laukötter (27) weiß: Eine halbe Stunde später im Auto bedeutet, fünf bis zehn Minuten länger unterwegs zu sein.

    Foto: privat
  • 5:30 Uhr: Michael Bährs (56) Tag beginnt. Er muss heute wieder aus Tecklenburg nach Münster, will gegen sieben Uhr da sein. Wenn er gleich das Radio anmacht, achtet er vor allem auf Nachrichten über die A 1. Wenn er da ­etwas von Stau hört, fährt er schon mal eine Viertel­stunde früher los.

    Foto: privat
  • 5:33 Uhr: Tenbusch steigt in Ramsdorf in den Bus. Nach zwei Haltestellen geht es auf die A 43. Um die Zeit sind Autobahn und Münster noch leer. „Das ist ja auch der Grund, warum ich um diese Zeit fahre“, sagt der Borkener. „Eine Stunde später sieht das ganz anders aus“. Dann ist Stau ab Nottuln wahrscheinlich, ab Senden mehr oder weniger die Regel. Der 52-Jährige versucht, noch ein paar Minuten die Augen zu schließen.

    Foto: privat
  • 6:00 Uhr: Jeanine Müller-Keukers Tag ist straff getaktet: „Wenn ich eine Viertelstunde zu spät bei der Arbeit wäre, könnte ich die Zeit nicht aus­gleichen, weil ich unseren Sohn pünktlich abholen muss.“ Darum steht sie früh auf, um einen Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen, bevor sie ihren Sohn um 6:45 Uhr weckt.

    Foto: privat
  • 6:15 Uhr: Heute könnte es gut ­gehen. Keine schlechten Nachrichten aus dem Radio. Michael Bähr macht sich auf den Weg. Der Tecklenburger fährt in Lengerich auf die A 1. Wenn alles glattläuft, kommt er pro­blemlos bis zum Autobahnkreuz Münster-Süd, um von da in die Stadt zu fahren. „Heute ging es“, wird er später ­berichten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 6:15 Uhr: Sabrina Laukötter hat ein bisschen „geklüngelt“. Normalerweise versucht sie, um sechs im Auto zu sitzen. Denn: Jede Viertelstunde Verspätung bedeutet mehr Stress: Mehr nervige Autofahrer um sie herum, häufigeres Bremsen, längere Parkplatzsuche, höhere Aufmerksamkeit. Die Strafe: Zwei Staus auf der B 54. Einer vor Nordwalde, einer vor Altenberge („Da ist immer Stau“).

    Foto: Klaus Wiedau
  • 6:23 Uhr: Richard Tenbusch steigt am Ludgeriplatz in Münster aus seinem Bus aus. In fünf Minuten wird er an seinem Arbeitsplatz am Oberverwaltungsgericht ankommen. Er könnte auch mit seinem Wagen fahren und 20 Minuten sparen. Aber: „Letzten Endes ist die Busfahrt stressfreier“, sagt er. „Und wenn du was für den Umweltschutz tun willst, dann siehst du halt zu, dass du dich in den Bus setzt.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • 6:30 Uhr: Sabrina Laukötter trifft i n Steinfurt-Borghorst ihre Kollegin, mit der sie im selben Büro sitzt. Die beiden teilen sich jeden Tag einen Teil der Strecke. „Wir wechseln uns jede Woche mit dem Fahren ab“, berichtet Laukötter. Bis vor einem Jahr ist sie noch mit dem Zug gefahren. Um pro Fahrt ein halbe Stunde zu sparen, ist sie aufs Auto umgestiegen. So ist sie eine gute halbe Stunde weniger unterwegs.

    Foto: privat
  • 6:31 Uhr: Für Alfred Overberg ist gerade erst Halbzeit. In einer Dreiviertelstunde wird er am Bahnhof in Gelsenkirchen ankommen. Bis dahin wird er die Zeitung lesen, früh­stücken und „natürlich ein Nickerchen“ machen. In seinem Zug wollen fast alle ihre Ruhe haben. „Man wundert sich, wie gut man in einem Zug schlafen kann“, sagt er. Auf dem Rückweg schläft Overberg meist kurz hinter Gelsenkirchen ein und wird erst in Münster wieder wach.

    Foto: Lukas Schulze
  • 7:13 Uhr: Overbergs Zug kommt in Gelsenkirchen an. 7:23 Uhr sitzt er im Büro. Trotz der vier Stunden, die der Ibben­bürener jeden Tag im Zug sitzt, will er an der Arbeit nichts ändern. Denn: „Mir macht die Arbeit viel Spaß und ich habe Eigentum in Ibben­büren.“

    Foto: Nowaczyk
  • 7:25 Uhr: Overberg sitzt schon zwei Minuten im Büro, wenn sich ­Jeanine Müller-Keuker mit ihrem Sohn auf den Weg in den Kindergarten nach ­Warendorf-Milte macht. Zehn Minuten später sitzt sie wieder im Auto, um sich auf den Weg zum Max-Planck-Institut in Münster zu machen.

    Foto: Oliver Werner
  • 7:40 Uhr: Anna Griestop weiß sehr genau, wann sie sich am besten auf den Weg machen sollte. Eigentlich würde die Online-Redakteurin gerne um acht Uhr anfangen zu arbeiten. Aber wenn sie um 7:15 Uhr in Sassenberg startet, dauert die Fahrt in das 35 Kilometer entfernt liegende Industriegebiet in den münsterischen Loddenbüschen eine Stunde. „Dann ist in Warendorf alles total zu“, dann steht sie in einer ­Riesenschlange mit vier roten Ampelphasen. „Autos wie auf der Perlenschnur gezogen“, sagt sie. Die ­Strecke über Handorf lässt sie ohnehin schon links ­liegen. „Die würde ich nie fahren“, sagt sie.

    Foto: privat
  • 7:48 Uhr: Jeanine Müller-Keuker fährt bei Telgte auf die B 51. Nach der großen Ampelanlage in Handorf ist der Stau meistens nicht vorbei: Die Ampel an der Warendorfer Straße/Pleistermühlenweg ist ein wahres Nadelöhr. Heute kommt sie allerdings gut durch. Auch auf dem Ring läuft alles nach ihrem Geschmack. Von den elf Ampeln zeigen neun grün und zwei rot. „Ein super Schnitt –­ man merkt, dass die Urlaubszeit bevorsteht. „Im Herbst und Winter sieht das leider ganz anders aus. Da ist das Verhältnis eher umgekehrt“. Im Herbst und Winter dauert ihr Arbeitsweg zum Max-Planck-Institut fast eine Stunde. Im November sogar 65-70 Minuten, darum nimmt sie einen Umweg von 20 Kilometern in Kauf, ist aber nach 55 Minuten im Büro. Davon heute keine Spur: Auch bei der Ampel auf dem Ring, die sie zur Adresse ihres Arbeit­gebers führt, hat sie heute nur zwei Rotphasen. Um 8:17 Uhr kommt sie an. Nur 42 Minuten heute.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 8:00 Uhr: Florian Landwehr schwingt sich in dem Osnabrücker Viertel „Sonnenhügel“ auf sein Faltrad. Er verkauft Fahrräder in Münster. Klar, dass er mit dem Rad fährt. Nach zehn Minuten kommt er am Bahnhof in Osnabrück an, 8:19 Uhr fährt der Zug los. Heute hat die Westfalenbahn vier ­Minuten Verspätung. In der Regel ist die Fahrt problemlos. Zurzeit stört auf der Strecke eine Baustelle, die sorgt für Verspätungen („nicht so schön“), aber sonst ist die Fahrt „ohne ­besondere Vorkommnisse“.

    Foto: privat
  • Die Zeit auf dem Rad und im Zug beschreibt der 37-Jährige als „Zeit für mich“: Zeit zum Lesen, Zeit zum Entspannen. Er wüsste keinen Grund, wegen der Fahrerei umzuziehen. „Dann müsste ja meine Frau pendeln“, sagt er. Bevor er in Münster eine Arbeit fand, ist er mit dem Auto nach Lohne gependelt. „Das war mehr Stress“, sagt er.

    Foto: privat
  • 8:15 Uhr: Susanne Winkelhaus-Elsing aus Steinfurt hat alles richtig gemacht: „Heute war es super“, sagt die 50-Jährige. Ohne Behinderungen hat sie es bis zur Arbeit geschafft – und das, obwohl sich auf der B 54 sogar Arbeiter am Straßengraben zu schaffen gemacht haben. Die letzten Tage vor den Sommerferien ist es auf der Bundesstraße ruhiger als sonst. Es gibt aber auch die Tage, an denen die Steinfurterin lange Umwege in Kauf nimmt, um sich die Bundesstraße zu ersparen. „Mich stört schon, dass das so viel Zeit in Anspruch nimmt“, sagt die Mit­arbeiterin einer Stiftung. „Ich würde lieber Sport ­machen.“

    Foto: Axel Roll
  • 8:25 Uhr: Anna Griestop ist an­gekommen. In Warendorf hat sie noch fast einen Auffahrunfall gebaut, weil sie ein „testosterongesteuerter“ Autofahrer erst ausgebremst und dann angebrüllt hat. Sie ver­mutet, dass er sauer ist, weil ihr Schleichweg vor seinem Haus herführt. „Das war krass“, sagt die 52-jährige Sassenbergerin.

    Foto: privat

 

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