LVM-Sachbearbeiter Thomas Jeising
Homeoffice statt Pendlerstress

Dülmen/Münster -

Jeden Tag verbrachte Thomas Jeising rund anderthalb Stunden mit dem Pendeln von Dülmen nach Münster. Er ließ viel Lebenszeit und viele Nerven auf der A43. Seit ein paar Wochen arbeitet er jeden zweiten Tag zu Hause im Homeoffice. Bemerkenswert: Davon profitiert auch der Arbeitgeber.

Freitag, 21.07.2017, 15:07 Uhr

So schlicht – und doch ein vollwertiger Arbeitsplatz: Zu Hause in Dülmen braucht Thomas Jeising nur einen Rechner, ein Firmentelefon und ein Lesegerät für seine Zugangskarte, um ganz normal beim LVM zu arbeiten.
So schlicht – und doch ein vollwertiger Arbeitsplatz: Zu Hause in Dülmen braucht Thomas Jeising nur einen Rechner, ein Firmentelefon und ein Lesegerät für seine Zugangskarte, um ganz normal beim LVM zu arbeiten. Foto: Gunnar A. Pier

Es klingt zunächst kurios: Thomas Jeising ist seit ein paar Wochen so selten im Büro wie lange nicht mehr – doch die Bindung zu seinem Arbeitgeber ist so eng wie nie. „Es ist das Vertrauen, das er mir entgegenbringt“, ist Jeising sicher. Jeden zweiten Arbeitstag verbringt der Versicherungskaufmann zu Hause: Homeoffice statt Pendlerstress. Und beide Seite profitieren.

Thomas Jeising arbeitet in der Fachabteilung für Kraftfahrtschäden der münsterischen LVM-Versicherung. Dort sind die Zeiten dicker Akten, die per Rollwagen über die Flure geschoben wurden, eh längst vorbei. Heute geht das so: Meldet ein Versicherter einen Schaden, landen sein Brief und mitgeschickte Unterlagen in der Poststelle der LVM-Direktion in Münster. Dort werden sie eingescannt und einer Schadensnummer zugeordnet. „Wir arbeiten papierlos“, verdeutlicht Thomas Jeising. Die virtuelle Akte landet in seinem elek­tro­ni­schen Postfach. Er ruft die Dateien auf und schaut, ob und wie die Versicherung zahlt und ob noch Fragen geklärt werden müssen.

Arbeit daheim - im kleinen Arbeitszimmer von Thomas Jeising.

Arbeit daheim - im kleinen Arbeitszimmer von Thomas Jeising. Foto: Gunnar A. Pier

Rush-Hour auf der A43

Um das zu tun, ist er bislang an fünf Tagen pro Woche zum LVM-Turm in Münster gefahren. Knapp 32 Kilometer pro Weg, das ist eigentlich nicht weit. Doch weil Jeising zu Stoßzeiten unterwegs ist, braucht er morgens gerne mal eine volle Stunde, entsprechend genervt vom Stau kommt er im Büro an. Abends ist er meistens schon nach einer guten halben Stunde wieder in Dülmen. Dennoch: Täglich verbrachte er anderthalb Stunden mit der Pendelei, er ließ Lebenszeit und Nerven auf der A43.

Der 1000. Heimarbeiter beim LVM

Im Juni stellte der 25-Jährige einen Antrag auf einen Heimarbeitsplatz. Das ist für den LVM alles andere als ungewöhnlich: Jeising ist der 1000. Nutzer eines „außerbetrieblichen Arbeitsplatzes (AbAp)“. Der Arbeitgeber installierte einen Rechner, ein Firmentelefon und eine sichere Internet-Verbindung im Dülmener Arbeitszimmer. Seitdem verbringt der Sachbearbeiter mehr Zeit auf der Datenautobahn als auf der Autobahn 43. „Das ist ein vollwertiger Arbeitsplatz ohne Einschränkungen.“ Die virtuellen Akten aus der Poststelle erreichen ihn ebenso wie Anrufe und Nachrichten von Kollegen und Chefs.

Jubiläum beim LVM: Mit Thomas Jeising (links) freuen sich Vorstandsmitglied Werner Schmidt, Personalchef Guido Hilchenbach und Betriebsratsvorsitzender Ulrich Scheffer (v.r.n.l.).

Jubiläum beim LVM: Mit Thomas Jeising (links) freuen sich Vorstandsmitglied Werner Schmidt, Personalchef Guido Hilchenbach und Betriebsratsvorsitzender Ulrich Scheffer (v.r.n.l.). Foto: LVM / Bernd Schwabedissen

Jeden zweiten Tag im Büro

Nur eins fehlt im Home­office: soziale Kontakte, das Gespräch mit Kollegen über Arbeit und Urlaub, über Fachliches und Familie. Deshalb verbringen „AbAp“-Mitarbeiter grundsätzlich nur jeden zweiten Arbeitstag zu Hause, an den anderen Tagen sind sie im Büro. „Ich möchte die Anbindung ja gar nicht verlieren“, sagt Jeising. Für ihn scheint das Konzept ideal zu sein.

Pendeln nach Münster

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  • 4:20 Uhr: Alfred Overbergs Wecker klingelt. Er will bis halb acht im Büro in Gelsenkirchen sein. Zeit also, aus den Federn zu kommen. 5:15 verlässt der 56-Jährige sein Haus in ­Ibbenbüren-Dickenberg. Ab da beginnt eine zweistündige Reise. Täglich. Zwei Mal. Als Erstes setzt er sich ins Auto und fährt „einfach den Berg runter.“ Bereits eine Viertelstunde später beginnt seine zweite Etappe: Im Zug vom Bahnhof Ibbenbüren nach Rheine.

    Foto: privat
  • 4:30 Uhr: Richard Tenbusch (52) verlässt sein Bett. Der Justizhauptsekretär beim Oberverwaltungsgericht in Münster muss den Sprinterbus bekommen. Mit dem Auto fährt er die elf Kilometer von Borken-Weseke nach Ramsdorf, parkt auf dem Pendlerparkplatz an der B 67 n.

    Foto: privat
  • 5:15 Uhr: Raus aus den Federn. Sabrina Laukötter (27) weiß: Eine halbe Stunde später im Auto bedeutet, fünf bis zehn Minuten länger unterwegs zu sein.

    Foto: privat
  • 5:30 Uhr: Michael Bährs (56) Tag beginnt. Er muss heute wieder aus Tecklenburg nach Münster, will gegen sieben Uhr da sein. Wenn er gleich das Radio anmacht, achtet er vor allem auf Nachrichten über die A 1. Wenn er da ­etwas von Stau hört, fährt er schon mal eine Viertel­stunde früher los.

    Foto: privat
  • 5:33 Uhr: Tenbusch steigt in Ramsdorf in den Bus. Nach zwei Haltestellen geht es auf die A 43. Um die Zeit sind Autobahn und Münster noch leer. „Das ist ja auch der Grund, warum ich um diese Zeit fahre“, sagt der Borkener. „Eine Stunde später sieht das ganz anders aus“. Dann ist Stau ab Nottuln wahrscheinlich, ab Senden mehr oder weniger die Regel. Der 52-Jährige versucht, noch ein paar Minuten die Augen zu schließen.

    Foto: privat
  • 6:00 Uhr: Jeanine Müller-Keukers Tag ist straff getaktet: „Wenn ich eine Viertelstunde zu spät bei der Arbeit wäre, könnte ich die Zeit nicht aus­gleichen, weil ich unseren Sohn pünktlich abholen muss.“ Darum steht sie früh auf, um einen Kaffee zu trinken und die Zeitung zu lesen, bevor sie ihren Sohn um 6:45 Uhr weckt.

    Foto: privat
  • 6:15 Uhr: Heute könnte es gut ­gehen. Keine schlechten Nachrichten aus dem Radio. Michael Bähr macht sich auf den Weg. Der Tecklenburger fährt in Lengerich auf die A 1. Wenn alles glattläuft, kommt er pro­blemlos bis zum Autobahnkreuz Münster-Süd, um von da in die Stadt zu fahren. „Heute ging es“, wird er später ­berichten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 6:15 Uhr: Sabrina Laukötter hat ein bisschen „geklüngelt“. Normalerweise versucht sie, um sechs im Auto zu sitzen. Denn: Jede Viertelstunde Verspätung bedeutet mehr Stress: Mehr nervige Autofahrer um sie herum, häufigeres Bremsen, längere Parkplatzsuche, höhere Aufmerksamkeit. Die Strafe: Zwei Staus auf der B 54. Einer vor Nordwalde, einer vor Altenberge („Da ist immer Stau“).

    Foto: Klaus Wiedau
  • 6:23 Uhr: Richard Tenbusch steigt am Ludgeriplatz in Münster aus seinem Bus aus. In fünf Minuten wird er an seinem Arbeitsplatz am Oberverwaltungsgericht ankommen. Er könnte auch mit seinem Wagen fahren und 20 Minuten sparen. Aber: „Letzten Endes ist die Busfahrt stressfreier“, sagt er. „Und wenn du was für den Umweltschutz tun willst, dann siehst du halt zu, dass du dich in den Bus setzt.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • 6:30 Uhr: Sabrina Laukötter trifft i n Steinfurt-Borghorst ihre Kollegin, mit der sie im selben Büro sitzt. Die beiden teilen sich jeden Tag einen Teil der Strecke. „Wir wechseln uns jede Woche mit dem Fahren ab“, berichtet Laukötter. Bis vor einem Jahr ist sie noch mit dem Zug gefahren. Um pro Fahrt ein halbe Stunde zu sparen, ist sie aufs Auto umgestiegen. So ist sie eine gute halbe Stunde weniger unterwegs.

    Foto: privat
  • 6:31 Uhr: Für Alfred Overberg ist gerade erst Halbzeit. In einer Dreiviertelstunde wird er am Bahnhof in Gelsenkirchen ankommen. Bis dahin wird er die Zeitung lesen, früh­stücken und „natürlich ein Nickerchen“ machen. In seinem Zug wollen fast alle ihre Ruhe haben. „Man wundert sich, wie gut man in einem Zug schlafen kann“, sagt er. Auf dem Rückweg schläft Overberg meist kurz hinter Gelsenkirchen ein und wird erst in Münster wieder wach.

    Foto: Lukas Schulze
  • 7:13 Uhr: Overbergs Zug kommt in Gelsenkirchen an. 7:23 Uhr sitzt er im Büro. Trotz der vier Stunden, die der Ibben­bürener jeden Tag im Zug sitzt, will er an der Arbeit nichts ändern. Denn: „Mir macht die Arbeit viel Spaß und ich habe Eigentum in Ibben­büren.“

    Foto: Nowaczyk
  • 7:25 Uhr: Overberg sitzt schon zwei Minuten im Büro, wenn sich ­Jeanine Müller-Keuker mit ihrem Sohn auf den Weg in den Kindergarten nach ­Warendorf-Milte macht. Zehn Minuten später sitzt sie wieder im Auto, um sich auf den Weg zum Max-Planck-Institut in Münster zu machen.

    Foto: Oliver Werner
  • 7:40 Uhr: Anna Griestop weiß sehr genau, wann sie sich am besten auf den Weg machen sollte. Eigentlich würde die Online-Redakteurin gerne um acht Uhr anfangen zu arbeiten. Aber wenn sie um 7:15 Uhr in Sassenberg startet, dauert die Fahrt in das 35 Kilometer entfernt liegende Industriegebiet in den münsterischen Loddenbüschen eine Stunde. „Dann ist in Warendorf alles total zu“, dann steht sie in einer ­Riesenschlange mit vier roten Ampelphasen. „Autos wie auf der Perlenschnur gezogen“, sagt sie. Die ­Strecke über Handorf lässt sie ohnehin schon links ­liegen. „Die würde ich nie fahren“, sagt sie.

    Foto: privat
  • 7:48 Uhr: Jeanine Müller-Keuker fährt bei Telgte auf die B 51. Nach der großen Ampelanlage in Handorf ist der Stau meistens nicht vorbei: Die Ampel an der Warendorfer Straße/Pleistermühlenweg ist ein wahres Nadelöhr. Heute kommt sie allerdings gut durch. Auch auf dem Ring läuft alles nach ihrem Geschmack. Von den elf Ampeln zeigen neun grün und zwei rot. „Ein super Schnitt –­ man merkt, dass die Urlaubszeit bevorsteht. „Im Herbst und Winter sieht das leider ganz anders aus. Da ist das Verhältnis eher umgekehrt“. Im Herbst und Winter dauert ihr Arbeitsweg zum Max-Planck-Institut fast eine Stunde. Im November sogar 65-70 Minuten, darum nimmt sie einen Umweg von 20 Kilometern in Kauf, ist aber nach 55 Minuten im Büro. Davon heute keine Spur: Auch bei der Ampel auf dem Ring, die sie zur Adresse ihres Arbeit­gebers führt, hat sie heute nur zwei Rotphasen. Um 8:17 Uhr kommt sie an. Nur 42 Minuten heute.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 8:00 Uhr: Florian Landwehr schwingt sich in dem Osnabrücker Viertel „Sonnenhügel“ auf sein Faltrad. Er verkauft Fahrräder in Münster. Klar, dass er mit dem Rad fährt. Nach zehn Minuten kommt er am Bahnhof in Osnabrück an, 8:19 Uhr fährt der Zug los. Heute hat die Westfalenbahn vier ­Minuten Verspätung. In der Regel ist die Fahrt problemlos. Zurzeit stört auf der Strecke eine Baustelle, die sorgt für Verspätungen („nicht so schön“), aber sonst ist die Fahrt „ohne ­besondere Vorkommnisse“.

    Foto: privat
  • Die Zeit auf dem Rad und im Zug beschreibt der 37-Jährige als „Zeit für mich“: Zeit zum Lesen, Zeit zum Entspannen. Er wüsste keinen Grund, wegen der Fahrerei umzuziehen. „Dann müsste ja meine Frau pendeln“, sagt er. Bevor er in Münster eine Arbeit fand, ist er mit dem Auto nach Lohne gependelt. „Das war mehr Stress“, sagt er.

    Foto: privat
  • 8:15 Uhr: Susanne Winkelhaus-Elsing aus Steinfurt hat alles richtig gemacht: „Heute war es super“, sagt die 50-Jährige. Ohne Behinderungen hat sie es bis zur Arbeit geschafft – und das, obwohl sich auf der B 54 sogar Arbeiter am Straßengraben zu schaffen gemacht haben. Die letzten Tage vor den Sommerferien ist es auf der Bundesstraße ruhiger als sonst. Es gibt aber auch die Tage, an denen die Steinfurterin lange Umwege in Kauf nimmt, um sich die Bundesstraße zu ersparen. „Mich stört schon, dass das so viel Zeit in Anspruch nimmt“, sagt die Mit­arbeiterin einer Stiftung. „Ich würde lieber Sport ­machen.“

    Foto: Axel Roll
  • 8:25 Uhr: Anna Griestop ist an­gekommen. In Warendorf hat sie noch fast einen Auffahrunfall gebaut, weil sie ein „testosterongesteuerter“ Autofahrer erst ausgebremst und dann angebrüllt hat. Sie ver­mutet, dass er sauer ist, weil ihr Schleichweg vor seinem Haus herführt. „Das war krass“, sagt die 52-jährige Sassenbergerin.

    Foto: privat

Auch der Arbeitgeber profitiert

Einen Nutzen hat dabei übrigens auch der Arbeitgeber. „Wir vertrauen unseren Mitarbeitern in höchstem Maß und wissen, dass sie ihre Arbeit verantwortungsvoll erledigen, egal ob von zuhause oder im Büro“, beschreibt Personalleiter Guido Hilchenbach. „Dass wir mit unserer Vertrauenskultur richtig liegen, ist erwiesen. Am AbAp sind die Mitarbeiter um zehn Prozent produktiver.“ Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Studien immer wieder.

Thomas Jeising

Thomas Jeising Foto: Gunnar A. Pier

Das Vertrauen zählt

Thomas Jeising bestätigt das aus eigener Erfahrung. Aber warum ist er zu Hause fleißiger? Da muss er erst überlegen. „Ich arbeite hier konzentrierter.“ Dass er im eigenen Heim mehr Selbstdisziplin braucht als im Büro, hält ihn nicht auf: „Ich bin sehr ehrgeizig – ich habe meinen Postkasten gerne leer.“ Er hängt sich rein, um die selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Und er macht es so gern wie nie zuvor: „Durch das Gefühl von Vertrauen, dass mir der Arbeitgeber entgegenbringt, fühle ich mich bestätigt in meiner Leistung.“

Homeoffice ist auf dem Vormarsch

In knapp jedem dritten deutschen Unternehmen (30 Prozent) können Mitarbeiter ganz oder teilweise von zu Hause aus arbeiten. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom.

Demnach wird sich dieser Trend fortsetzen. 43 Prozent der Unternehmen erwarten, dass der Anteil der Homeoffice-Mitarbeiter in den kommenden fünf bis zehn Jahren weiter steigen wird, während jedes zweite davon ausgeht, dass er konstant bleibt.

Unternehmen, die bislang keine Mitarbeiter im Home­office beschäftigen, führen dafür unterschiedliche Gründe an. 63 Prozent sagen, dass Home­office nicht für alle Mitarbeiter möglich sei und eine Ungleichbehandlung vermieden werden solle. 46 Prozent befürchten, dass ohne direkten Austausch mit Kollegen die Produktivität sinke. 39 Prozent erklären, dass gesetzliche Regelungen Home­office verhinderten. 31 Prozent meinen, Mitarbeiter seien im Home­office nicht jederzeit ansprechbar. Jedes fünfte Unternehmen sorgt sich um die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Arbeitgeber und knapp jedes sechste (16 Prozent) um die Datensicherheit.

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