Das Leben des Fußball-Handlungsreisenden Peter Hyballa
Momentan alles schneeweiß

Er ist schon jetzt ein Weltenbummler, ein Handlungsreisender des Fußballs. Peter Hyballa, 43, gebürtig aus Bocholt, Vater Seemannsseelsorger in Rotterdam, Mutter Niederländerin. Aktuell trainiert er den slowakischen Topclub FC DAC Dunajská Streda – fast wie ein Sechser im Lotto.

Freitag, 21.12.2018, 13:02 Uhr aktualisiert: 25.12.2018, 14:49 Uhr
Der Blick geht wieder nach oben:Peter Hyballa
Der Blick geht wieder nach oben:Peter Hyballa Foto: Kay int Veen

Dunajská Streda ist nicht der Mittelpunkt der Welt, eher beschaulich, eine Kleinstadt mit vielleicht 20 000 Einwohnern, gelegen im Dreiländereck von Österreich, Ungarn und der Slowakei. Schön ist es hier, aber ein Kleinod ist erst in den letzten Jahren entstanden. Als ob die Planer eine bessere Kopie in Kleinformat von den Trainingsanlagen der Red-Bull-Clubs aus Leipzig und vor allem Salzburg zeichnen wollten, ist das Leistungszentrum des FC DAC Dunajská Streda entstanden. „Unglaublich“, findet das Peter Hyballa.

Der Fußballlehrer aus Deutschland betreut seit dem Sommer den Erstligisten aus der Fortuna Liga, ein Angebot aus Norwegen lehnte er ab, beim DFB stieg er prompt aus. Drei Tage blieben ihm, um ­seine neue Mannschaft auf den Saisonstart vorzubreiten. Kristopher Vida schoss in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Siegtreffer zum 2:1 bei ZP Podbrezova. Als vor wenigen Tagen das letzte Spiel des Jahres bei SKF Sered anstand, traf Lubomir Satka ebenfalls in der Nachspielzeit zum 1:0-Sieg. „Es hätte auch alles anders laufen können. Im Profi­fußball gibt es nur noch pechschwarz oder schneeweiß. In Osteuropa wird unsere Mannschaft nun beklatscht.“ ­Dunajská Streda ist mit seinem Gegenpressing und Last- ­Minute-Toren hip. Hyballa und seine kickenden Hipster.

Zur Person

Geboren: 05. Dezember 1975 in Bocholt

Familienstand: ledig

Spieler: Borussia Bocholt

Trainer Junioren (seit 1993): Borussia Bocholt, 1. FC ­Bocholt, SC Münster 08, SC Preußen Münster, Arminia ­Bielefeld, VfL Wolfsburg, Borussia Dortmund, RB Salzburg, Bayer Leverkusen

Trainer Senioren: SC Preußen Münster (Co-Trainer 1 bis 6/2001), Windhuk Ramblers (2002/03), Alemannia Aachen (7/2010 bis 11/2011), Sturm Graz (7/2012 bis 4/2013), Bayer Leverkusen (Co-Trainer, 4 bis 6/2014), NEC Nijmegen (7/2016 bis 4/2017), FC Dunajska Streda

Buchautor: „Fußballtraining in Spielformen“ (2010), „Dutch Soccer Secret“ (2011), „Athletiktraining“ (2015), „Modernes Passspiel“ (2015), „Modernes Dribbling“ (2016), „Trainer, wann spielen wir?“ (2018) 

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Schneeweiß im Dezember. Das ist die Sonnenseite, hier steht Hyballa. Vielleicht. Dunajská Streda feiert seine Mannschaft, die praktisch der einzige Verfolger von Slovan Bratislava ist. Zweiter, sechs Punkte hinter dem Club aus der Großstadt, die eine knappe Autostunde von Wien entfernt liegt. Meisterträume bei Hyballa? Die internationalen Wettbewerbe zum Greifen nah? Ein Traum, der real geworden ist? Der 43-Jährige lacht. Seine Geschichte passt in kein Lehrbuch – oder vielleicht ist sie auch die echte Blaupause für die meisten der professionellen Übungsleiter im Fußball. Wahnsinnsgeschäft.

„Ich war 13 Monate arbeitslos nach meinem Engagement in Nijmegen. Ich war nervös“, blickt Hyballa zurück. Dort, in niederländischen Ehrendivision, musste er im Abstiegskampf schlichten, als Hooligans die Kabine von NEC stürmten. Sein Portfolio an Erfahrungen ist mittlerweile gewaltig.

Wir haben keine Krise im deutschen Fußball.

Peter Hyballa

Beispiel: Mario Götze wurde in Hyballas Zeit als Junioren­coach bei Borussia Dortmund entdeckt, sie pflegen immer noch Kontakt, Hyballa konnte die Nicht-Nominierung Götzes für die WM in Russland nicht verstehen. Das WM-Aus hat ihn überrascht, aber er sagt auch: „Wir haben keine Krise im deutschen Fußball. Die WM war nicht gut, aber unsere U-21-Auswahl fegt alle Gegner weg.“ Allerdings lautet sein Mantra auch, dass wieder mehr Empathie ins Spiel muss, mehr Freiheit, mehr Eins-gegen-eins-Situationen à la Götze, darüber schreibt er Bücher. Laptop-Trainer wären das eine, aber für ihn gilt: „Empathie gewinnt am Ende immer. Immer.“

Das Trainerleben von Peter Hyballa

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  • Am Anfang: Peter Hyballa vor gut 20 Jahren beim SC Preußen Münster als B-Junioren-Coach mit dem damaligen Junioren-Nationalspieler Oliver Logermann.

  • Seltener Anblick: Peter Hyballa mit kurzen Haaren als Student in Münster.

    Foto: peter grewer
  • Spielanalyse: Peter Hyballa und der damalige Coach von Werder Bremen II, Thomas Wolter.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Peter Hyballa als Coach von Alemannia Aachen.

    Foto: Stefan Puchner
  • Immer voll dabei: Peter Hyballa am Spielfeldrand als Coach von Aachen gegen den VfL Bochum.

    Foto: Friso Gentsch
  • Gastdozent: Der Fußballlehrer zu Gast bei dieser Zeitung.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Jugend forscht: Peter Hyballa beim Training mit dem Jugendspieler Jonathan Imkamp vom TuS Altenberge.

    Foto: TuS Altenberge
  • Unterricht: Eine Trainingsdelegation des SC reckenfeld um Vito Taurino besuchte das Training des A-Junioren-Bundesligisten Bayer Leverkusen. Trainer der Werkself: Peter Hyballa.

    Foto: Stefan Bamberg
  • Da hebt einer ab: Der Coach von Alemannia Aachen bejubelt den Siegtreffer zum 2:1 über den VfL Osnabrück.

    Foto: Jörg Carstensen
  • Talkgast: In Altenberge stellt Dietrich Schulze Marmeling links sein Buch über Johan Cruyff vor, Niederlande-Experte Hyballa (3.v.l.) ist mit von der Partie.

    Foto: rur
  • Holländisches Abenteuer: Als Trainer von NEC Nijmegen steht Hyballa Rede und Antwort.

    Foto: "NEC Nijmegen v sbv Excelsior"
  • Nachwuchsarbeit: Peter Hyballa coacht die Junioren von Wacker Mecklenbeck.

    Foto: Peter Leßmann
  • Zweite Liga: Aachens Coach Hyballa im Punktspiel in Paderborn.

    Foto: Bernd Thissen
  • Immer Vollgas am Spielfeldrand: Peter Hyballa.

    Foto: Rolf Vennenbernd

Die Schattenseiten sind ihm bewusst. Hyballa hat den Suizid von Sascha Lewandowski erlebt, mit dem er im Endspurt von nur fünf Partien die Champions-League-Qualifikation mit Bayer Leverkusen als Assistent 2014 geschafft hatte, war Clubtrainer in Afrika, in der 2. Bundesliga und in Österreich. Die Zeit bei Sturm Graz hat Narben hinterlassen, der aufgedrehte Piefke wurde in der Steiermark den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Aus der Bahn geworfen wurde er durch den Tod seines Vaters. „Ich habe brutale Krisen erlebt“, erklärt er, schätzt das Hier und Jetzt besonders. Ein langer Lernprozess, damit umgehen zu können.

Immer Vollgas

Als das letzte Punktspiel in Sered gewonnen war, begann nun die Europa-Tour des Peter Hyballa. Gastredner beim polnischen Trainerkongress in Warschau, ­zwischendurch Kommentator für DAZN beim Spiel Lazio Rom gegen Eintracht Frankfurt, kurzes Intermezzo bei den Fußball-Nerds von „Rocketbeans“, weiter nach Valetta, wo die besten Trainer ­Maltas auf ihre Fortbildung warteten. Er steckt nie zurück. Immer Vollgas.

„Anfangs nannte ich mich Blödmann, dass ich beim DFB nach sieben Wochen alles geschmissen ­habe.“ Für das Engagement beim FC DAC – ein Zwei-Jahres-Vertrag als „Feldtrainer“ passt dann mehr zum Querdenker als ein sicherer DFB-Job. Seine Logik lehnt an die eines ­Johnny Depp, des Hollywood-Stars an: „Ich bin kein Irrer. Ich bin nur so, wie die anderen auch wären, wenn sie nicht so viel Angst hätten“. Hyballa, der Cowboy, der Pirat, Nebenrolle im nächsten „Fluch der Karibik“ denkbar.

Endlich läuft es wieder

Nicht weit entfernt vom Fußball-Paradies muss das also sein, hier, wo Oszkár Világi das Sagen hat. Ihm gehört Slovnaft, mehr als 250 Tankstellen, über 4000 Mitarbeiter, mindestens drei Milliarden Euro Umsatz, fußballverrückt und Geschäftsmann. Ihm wird eine gewisse Nähe zu Viktor Orbán, dem ungarischen Staatschef und Rechts-Populisten nach­gesagt. Orbán kam zur Einweihung der MOL Aréna, der Heimstätte des FC DAC. MOL hat sich Slovnaft einverleibt.

Hvballa arbeitet mit Kickern aus zwölf Nationen, die satten, die etablierten Profis hat er längst aussortiert. Er ist in seinem Element. Es läuft, endlich wieder. Weitermachen.

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