Fisherman’s Friend Strongman Run
Der perfekte Moment Olympiasieger Jonas Reckermann wechselt die Fronten: Gleicher Sport – anderer Blickwinkel

Über 10 000 Starter beim „Fisherman´s Friend Strongman Run“ können nicht irren: Leiden macht einen Höllenspaß! Der Slogan „Halber Marathon, volle Schmerzen“ verspricht wahrlich nicht zu viel. Beim „härtesten Lauf aller Zeiten“ warten am Nürburgring nicht nur 22,4 Kilometer per pedes, sondern auch 30 XXL-Hindernisse. Der Tortur unterzogen haben sich in diesem Jahr auch wieder Hunderte Leidensfähige aus dem Münsterland, darunter Serientäter André Deppe und Debütant Steven Wobbe.

Freitag, 07.06.2013, 07:06 Uhr

Zzzzzzzzzz! Steven Wobbe zuckt zusammen. Welcher Teufel hat sich das nur ausgedacht? Klitschnasse Menschen unter hüfthohen Gittern durchrobben zu lassen, die unter Strom stehen. „Kriechenland“ haben sie das Hindernis getauft, das nicht nur den 24-jährigen Gronauer, sondern über 10 000 Leidensgenossen beim Fisherman ´s Friend Strongman Run am Nürburgring elektrisiert – und den Glauben an das Gute im Menschen erschüttert. „Erst durch Wassergräben, dann Strom – das haben die doch extra gemacht“, mutmaßt Wobbe zu Recht. „Da sind zwölf Volt drauf, wie bei einem Kuh-Zaun“, verrät Michael Rizza, Fisherman´s-Marketingchef, mit einem diabolischen Grinsen. Man muss wohl eine gewisse sadistische Ader haben, um anderen Menschen so einen Höllenspaß zu bereiten. Doch sie haben es ja so gewollt...

So wie Serientäter André Deppe . Der 44-jährige Ahlener gehört zu denen, die den Lauf so stark finden, dass sie immer wieder schwach werden. Zum fünften Mal ist er dabei. „Marathon ist mir zu eintönig. Ich mag es, wenn’s richtig zur Sache geht.“

Das tut es in der sogenannten „grünen Hölle“ des Nürburgrings, die ein echter Strongman als Himmel auf Erden empfindet. Hier warten zwei Runden über jeweils 11,2 Kilometer, 650 Höhenmeter und 15 Hindernisse: Netze, Strohballen, schwindelerregende Kletterkonstruktionen, glitschige, Baumstämme, Matsch. Man muss wohl ein bisschen masochistisch veranlagt sein... Und am besten kostümiert: Römer, Legionäre, Krankenschwestern und -brüder, ganz in Pink oder als Punk, in feinem Zwirn, mit Schlips oder Straps – ein Spektakel, das Karnevalsstimmung auf dem Highway to Hell erzeugt, auch bei 47 000 Zuschauern.

Mit Debütant Steven Wobbe, Fußballer beim Kreisligisten Fortuna Gronau, geht’s plötzlich steil bergab. Rasant gleitet er die 35 Meter lange und 40 Meter breite Wasserrutsche namens „Downhell“ hinunter. „Ein Knaller – geht ab wie Schmitz´ Katze!“ Das Lachen soll ihm noch vergehen... Wie auch André Deppe, der auf seinem Neoprenhosenboden abwärts saust.

Rasante Talfahrt: André Deppe rutsch auf dem Neoprenhosenboden das Hindernis „Downhell“ hinunter.

Rasante Talfahrt: André Deppe rutsch auf dem Neoprenhosenboden das Hindernis „Downhell“ hinunter. Foto: sportograf

Genug Erholung! Der Gipfel des „Mount Neverest“ wartet. „Wahnsinn. Ich hoffe, dass ich nachher keinen Rollator brauche“, keucht Wobbe. Wo sonst Motoren heulen, ist zehntausendfaches Ächzen und Stöhnen zu vernehmen. Erst recht auf Runde zwei, die André Deppe nach zwei Stunden und sieben Minuten beginnt. Der Sieger ist schon im Ziel... Prost!

Ein „Tropic Hell Island“ gefällig? Was wie ein köstlicher Cocktail klingt, sollte man besser nicht schlucken. Ist zwar hübsch garniert mit Hunderten weiß-orangen Strandbällen und Quietscheentchen, aber das einst klare Wasser im zwei Meter tiefen und 40 Meter langen Pool ist inzwischen eine braune Brühe. Platt sind hier nicht nur viele Bälle. Auch etliche Läufer sind reif für eine der aufgeblasenen Gummi-Palmen-Inseln, auf der sie ans andere Ufer paddeln. Anderen steht das eiskalte Wasser bis zum Hals. Für Wobbe wird der Kampf buchstäblich zum Krampf: „Hatte ich noch nie so oft“, stöhnt der Sport- und Fitnesskaufmann. Zumindest verliert man hier den angesammelten Matsch-Ballast. „Und die Beine werden mal gekühlt“, sagt Deppe, der Härteres gewohnt ist. „Beim Tough Guy in England, der Königsveranstaltung unter den Hindernisläufen, haben sie im Januar das Eis auf den Gräben aufgehackt, damit man ja nicht trocken bleibt.“

Zzzzzz! „Shock Norris“ lässt am zweiten Strom-Hindernis grüßen. Wie dichte Lianen im Dschungel hängen Elektrofäden ein Meter über dem Boden. Viele werden zu Duckmäusern, um keinen gewischt zu bekommen, andere wischen die Furcht weg und marschieren schnurstracks durch. Nach dem Motto: Wer die Qual hat, hat nicht die Wahl! Die stromfreie „Pussy Lane“ ist nur für Weicheier – nicht für einen gestandenen Kerl im Popeye-Kostüm, der Hohn und Spott erntet.

Am „Schlammagedon“ kämpfen sich manche auf allen Vieren durch den knietiefen Schlam(m)assel, den sie sich selbst eingebrockt haben. Eine weiße Weste hat keiner mehr – dafür Dreck vom Scheitel bis zur Sohle. Aber wer leiden will, muss nicht schön sein. „Bloß nicht die Schuhe im Matsch verlieren“, grinst Deppe. Nicht allen gelingt das: Ein Bursche im Häuptlings-Look wird regelrecht zum Barfuß-Indianer.

Steven Wobbe bahnt sich schon den Weg über ein Meer aus 10 000 Autoreifen, dann Netze und doppelt gestapelte Überseecontainer. „Echt fies, wenn man das Ziel schon vor Augen hat“. Hier herrscht endgültig Stau. Man reicht sich die verdreckten Hände beim Klettern. „Ein echtes Gemeinschaftserlebnis“, so Deppe.

Im Ziel humpeln und strahlen alle um die Wette. „Das schlaucht deutlich mehr als 90 Minuten Fußball“, weiß Wobbe nach drei Stunden und 18 Minuten. Deppe braucht fast eine Stunde länger. Doch nur eines zählt: Sie sind der Hölle entronnen.

► Interviews mit Steven Wobbe und André Deppe

Impressionen vom Strongman-Run 2013

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  • Über 10 000 Starter haben in diesem Jahr am Fisherman’s Friend Strongman Run teilgenommen, darunter auch der Gronauer Debütant Steven Wobbe (Mitte) und seine beiden Mitläuferinnen Stephanie Kreisel (li.) und Anna-Karina Wemmer.

    Foto: kvb
  • Zwei Runden über jeweils 11,2 Kilometer, 650 Höhenmeter und 15 Hindernisse sind am Nürburgring zu bewältigen.

    Foto: Fisherman’s Friend Strongman Run
  • Die Strecke führt zum Teil über die Formel-1-Piste, aber auch durch die hügelige Eifel-Landschaft der Umgebung.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Vor der Haupttribüne, wo sonst Formel-1-Flitzer auf das Startsignal warten, fiebern an diesem Tag die „Strongmen“ dem Hindernisrennen entgegen.

    Foto: kvb
  • Wer hier nicht die Pole Position erkämpft hat, muss nach dem Startschuss bis zum 20 Minuten warten, bis er tatsächlich die Startlinie passiert hat.

    Foto: Fisherman’s Friend Strongman Run
  • Am zweiten Hindernis (oben) geht es durch den „Weichspüler“: drei aufeinanderfolgende Gräben mit Schlamm, schmierigem Schaum und Sägespänen. Beim folgenden Hindernis „Kriechenland“ (rechts unten) müssen die Teilnehmer unter hüfthohen Planen und Gittern, die leicht unter Strom stehen, hindurchrobben.

    Foto: Kristian van Bentem
  • Bereits zum fünften Mal dabei ist der Ahlener André Deppe, der hier auf dem Neoprenhosenboden die riesige Wasserrutsche „Downhell“ hinunter gleitet.

    Foto: sportograf
  • Und auch mit Steven Wobbe geht es steil bergab, ...

    Foto: kvb
  • ... ehe es – in tierischer Begleitung - per Spurt durchs anschließende Wasserbecken geht...

    Foto: kvb
  • ... und schließlich über Strohballen...

    Foto: kvb
  • ...und eine Schleife über den Formel-1-Aspahlt.

    Foto: kvb
  • Wie Ameisen krabbeln die Teilnehmer diesen steilen Hügel hinauf.

    Foto: kvb
  • Fast schon erfrischend sind für Steven Wobbe die eiskalten Fontainen am „Springfield“.

    Foto: sportograf
  • André Deppe hat das sechste Hindernis auf Knien hinter sich: einen Schlammgraben, der mit einem Netz überspannt ist.

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  • Einen Balance-Akt muss er über glitschige Baumstämme hinlegen. Da darf man sich keinen Ausrutscher erlauben.

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  • Dass der Strongman kein Hallenhalma ist, daran lassen auch die überall aufgestellten Warnschilder keinen Zweifel.

    Foto: kvb
  • Drüber und drunter geht es buchstäblich an der „Knochenmühle“ – auch für Steven Wobbe.

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  • André Deppe muss ziemlich kämpfen: „Meine Frühjahrsallergien machen mir zu schaffen.“

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  • Da tut eine Abkühlung doch ganz gut: Doch das „Tropic Hell Island“ verspricht weitere Strapazen.

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  • Das ehemals glasklare Wasser ist längst zu einer braunen Brühe geworden.

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  • Auch Steven Wobbe steht das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Hals.

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  • Andere sind reif für die Insel.

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  • Fies: Klitschnass geht es zu „Shock Norris“ – einem Stromhindernis.

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  • Hier werden viele zu „Duckmäusern“, um schadlos unter den dicht herabhängenden Elektrofäden mit zwölf Volt hinwegzukrabbeln, ohne einen gewischt zu bekommen.

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  • Zzzzzzz! Nicht allen gelingt das...

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  • Die sogenannte Pussy Lane für Weicheier, über die man den Stromschlägen entgehen kann, ist trotzdem verpönt.

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  • Abseilen geht nicht! Erst recht nicht an diesem Hindernis.

    Foto: kvb
  • Das „Schlammagedon“ hält, was es verspricht.

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  • Mancher trägt Matsch vom Scheitel bis zur Sohle. Aber wer leiden will, muss nicht schön sein.

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  • Über ein Meer aus 10 000 Reifen bahnen sich die erschöpften Hindernisläufer ihrer weiteren Weg.

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  • „Jetzt weiß ich, wo die Dinger bleiben, wenn ich zum Reifenwechseln gehe“, ist Steven Wobbe trotz aller Strapazen noch zum Scherzen zumute.

    Foto: kvb
  • Vielleicht Galgenhumor? Es warten ja noch einige Hürden - wie hier über Strohballen und doppelt gestapelte Überseecontainer.

    Foto: kvb
  • Die letzten Kraftreserven muss Steven Wobbe hier mobilisieren.

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  • Hier herrscht endgültig Stau. Was der guten Laune keinen Abbruch tut. Man vertreibt sich das Warten mit La-Ola-Wellen. Und eine kleine Pause tut ja auch mal ganz gut.

    Foto: kvb
  • Mitten in der Warteschlange: Steven Wobbe.

    Foto: kvb
  • Ein letzter beherzter Sprung. Das Ende ist in Sicht!

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  • Nach vier Stunden und 18 Minuten kann André Deppe im Ziel durchatmen.

    Foto: sportograf
  • Steven Wobbe ist gut eine Stunde früher im Ziel – und trotz zahlreicher Krämpfe unterwegs begeistert: „Ein echtes Erlebnis!“

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  • Keine zwei Stunden hat Sieger Felix Grelak gebraucht. Da darf eine (alkoholfreie) Weißbierdusche natürlich nicht fehlen.

    Foto: kvb
  • Für die meisten anderen sind die Zeiten letztlich egal: Nur der Spaß zählt.

    Foto: kvb
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