„Titel ja – aber nicht um jeden Preis“
Michael Pokorny über die Philosophie beim HLZ Ahlen

Ahlen -

Das Handballleistungszentrum Ahlen ist auf bestem Wege, sich als Gehege für talentierte Nachwuchskräfte zu bewähren. Die Anerkennung für die Erfolge des HLZ war aber nicht immer gegeben. Vorsitzender Michael Pokorny und seine Mitstreiter haben viel Überzeugungsarbeit leisten müssen – auch in den eigenen Reihen.

Dienstag, 29.10.2013, 06:10 Uhr

 Hat Überzeugungsarbeit leisten müssen und erfährt mittlerweile viel Anerkennung: HLZ-Vorsitzender Michael Pokorny.
 Hat Überzeugungsarbeit leisten müssen und erfährt mittlerweile viel Anerkennung: HLZ-Vorsitzender Michael Pokorny. Foto: Cedric Gebhardt

Ahlen - Das Drei-Säulen-Modell und die ganzheitliche Ausbildung junger Handballer gab 2008 den Ausschlag, dass Ahlen zum Landesleistungsstützpunkt wurde. Zugegeben, der Hallenbau und die Umsetzung der Förderkonzepte haben lange Zeit gebraucht. Mittlerweile aber kann HLZ-Vorsitzender Michael Pokorny auf eine Vielzahl beeindruckender Erfolge verweisen – und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. AZ-Redakteur Cedric Gebhardt unterhielt sich mit dem 48-Jährigen.

Herr Pokorny, Sie haben kürzlich gesagt, Sie nähmen eine Aufbruchsstimmung im Umfeld der ASG und des HLZ wahr. Woran machen Sie die fest?

Pokorny: Ich merke einfach, dass hier eine Veränderung im Gang ist. Unser Förderkonzept hat eine große Resonanz in der Wirtschaft hervorgerufen, dort herrscht echtes Interesse an unserem Ausbildungsweg. Und auch im Seniorenbereich wächst wieder etwas heran. Wenn zu einem Heimspiel bei uns 900 Zuschauer kommen, dann hat das schon Eventcharakter. Vor allem, wenn im Rest der Liga durchschnittlich gerade mal 300 Zuschauer kommen. Das leistungsverwöhnte Publikum erkennt an, dass hier wieder etwas entsteht. Das hat viel Zeit gebraucht, aber jetzt tut sich was. Alle, die ein gewisses Verantwortungsgefühl empfinden, wissen, dass der Handball ein wichtiges Gesicht der Stadt Ahlen ist.

Mittlerweile ist es ein durchweg lächelndes Gesicht. Dabei gab es gerade anfangs auch große Vorbehalte.

Pokorny: In der Tat, es ist ein langfristiger Prozess, bei dem wir zu Beginn nicht sagen konnten, wo er hinführt. Wir wurden auch innerhalb des Verbandes sehr mit Argusaugen beobachtet. Auch bei der ASG gab es intern Stimmen, die gewarnt haben, wir machten die Breite kaputt, wenn wir die Spitze fördern. Doch ein solches Spannungsfeld existiert nicht mehr, es gibt eine friedliche Co-Existenz aus Breite und Spitze. Alle in der ASG profitieren von der intensiven Ausbildung der Jugend. Es hat aber lange gebraucht, um alle davon zu überzeugen, dass wir nicht das eine tun und das andere lassen. Das hat sich inzwischen in allen Köpfen verfestigt. Mittlerweile sind wir sogar in der misslichen Lage, dass wir selektieren müssen. Nicht alle, die wollen, können wir auch ausbilden. Aber wir leisten uns den Komfort, Breite und Spitze zu fördern und bluten dafür kräftig.

Inwiefern?

Pokorny: Eine solch intensive und flächendeckende Förderung kostet Geld. Wir haben ein Loch, eine finanzielle Unterdeckung.

Das klingt beunruhigend. Geschäftsführer Berni Recker hat jüngst noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass das HLZ maßgeblich auf Sponsoren angewiesen ist.

Pokorny: Das sind wir, aber es ist nicht so, dass ich deswegen Bauchschmerzen hätte. Die Unterdeckung ist nicht dramatisch, darf sich aber auch nicht über Jahre summieren, sonst würde sie existenzbedrohlich. Aber im Laufe einer Saison fallen nun mal viele Kosten an. Wir haben daher auch schon erste Sparmaßnahmen eingeleitet und zum Beispiel den Fahrdienst für unsere Spieler moderat eingeschränkt. Denn eins ist klar: An der Ausbildung wollen wir nicht sparen.

Wie bewerten Sie in dieser Hinsicht den Beschluss der Mitglieder, die die geforderte Beitragserhöhung sogar freiwillig noch getoppt haben?

Pokorny: Das war das größte Lob, das wir für unsere Arbeit jemals erhalten haben. Ich betrachte das als Beweis, dass wir nicht alles falsch gemacht haben. Das ist etwas, das alle bei uns, die wir uns im HLZ ehrenamtlich engagieren, motiviert und beflügelt. Ansonsten erhält man ja eher selten positives Feedback. Hier habe ich aber den Eindruck, es wird wahrgenommen, was wir leisten.

Präsentation Geme

Hier schlägt das Herz des Handballs: Ahlen möchte sich als gute Adresse bewähren.

Weshalb hält sich das HLZ bei seiner Ausbildung im Gegensatz zu früher mittlerweile eng an das DHB-Rahmenkonzept?

Pokorny: Ohne dieses Konzept wäre Marian Michalczik beispielsweise heute nicht in einem DHB-Auswahlteam. Früher war man sehr titelgläubig. Titel waren der Beleg für den Erfolg. Es ist sicher auch schön, wenn man Titel gewinnt. Aber uns ist in erster Linie wichtig, dass sich die Mannschaften und mit ihnen jeder einzelne Spieler weiterentwickelt. Wenn ich zurückdenke, ist man im Verein früher immer nach Torerfolgen gemessen worden. Vorne hatte ich den Steineschmeißer, hinten den Abräumer. Heute ist es aber wichtig, dass ein Spieler vorne Tore macht und zugleich in der Lage ist, komplexe Deckungsvarianten zu praktizieren. Das hat man als Breitensportler nicht immer verstehen wollen.

Gerade die offene Deckung wird nach wie vor von einigen noch sehr kritisch beäugt. Die denken, das ist Chaos und erkennen nicht, dass es um schnelles Umschalten von Abwehr auf Angriff geht. Das DHB-Rahmenkonzept wurde auch bei uns lange in Frage stellt. Jeder hat seine eigenen Konzepte. Die Weitsicht bei allen zu erzeugen, ist mitunter schwierig. Aber jetzt sind wir soweit. Deshalb sage ich: Ja, wir möchten Titel, aber nicht um jeden Preis.

Teil Ihres Förderkonzepts ist die sogenannte sanfte Integration junger Sportler in den Seniorenbereich. Was können wir uns darunter vorstellen?

Pokorny: Es ist ein neuralgischer Punkt zwischen Jugend- und Seniorenbereich. Die Frage ist immer: Wie schaffe ich da einen fließenden Übergang? Zu Zweitliga-Zeiten ist uns das leider nie gelungen. Unsere Profis waren top, aber wir haben es nie geschafft, die Jugend voll zu integrieren. Inzwischen gehen wir einen anderen, sanften Weg. Wir bemühen uns schon ganz früh, immer wieder Übergänge und Überschneidungsmöglichkeiten zu schaffen. So gibt es zum Beispiel gemeinsame Trainingseinheiten der A-Jugend mit der ersten und zweiten Mannschaft.

Stichwort zweite Mannschaft: Die hat sich mittlerweile als Gehege für Nachwuchskräfte bewährt. Ist das ein Zufallsprodukt oder bewusst entstanden?

Pokorny: Es ist die Konsequenz der Jugendarbeit der letzten zwei, drei Jahre. Die zweite, aber auch die dritte Mannschaft besteht zu 80, 90 Prozent aus Eigengewächsen. Da findet das Vereinsleben statt und es sind noch einige Talente vorhanden, die den Sprung nach weiter oben noch schaffen können.

Geschäftsführer Berni Recker sprach zuletzt davon, man wolle die überregionale Bedeutung des HLZ herstellen. In diesem Zusammenhang wurde auch über die Einrichtung eines Handball-Internats nachgedacht. Wieso ist diese Idee verworfen worden?

Pokorny: Die Idee ist nicht ganz gestorben, aber erst einmal vom Tisch. Wir waren selbstkritisch und sind zu der Einsicht gelangt, dass der Auftrag, den wir jetzt haben, schon ambitioniert genug ist. Außerdem ist uns ein bisschen bange geworden bei dem Maß der sozialen Verantwortung, was wir dann zu tragen hätten. Wir wissen von den teilweise verwahrlosten Zuständen in anderen Internaten. Wir können uns eine Ganztagsbetreuung der Jugendlichen nicht leisten.

Wir können 14- bis 18-Jährige aber auch nicht den ganzen Tag sich selbst überlassen. Die Negativerfahrungen anderer Vereine haben uns viel Respekt eingeflößt. Deshalb sagen wir: Bevor wir solch einen Schritt gehen, müssen wir wissen, wie wir dieser Verantwortung gerecht werden können. Wenn wir in Zukunft irgendwann mal zu dem Ergebnis kommen, dass wir es können, dann werden wir es angehen. Momentan aber ist das nicht zu leisten.

Ist das auch ein Grund dafür, weshalb das HLZ explizit darauf hinweist, im Gegensatz zu manchem Konkurrenten keine Luftschlösser zu bauen?

Pokorny: Mit Sicherheit. Wir wollen uns von den Leistungszentren abheben, die Spieler mit durchschaubaren Argumenten abwerben, die ihnen den Himmel auf Erden versprechen und sie dafür aus der gewohnten Umgebung reißen. Das sind aus unserer Sicht sportliche Luftschlösser, die man dort baut. Wir hingegen liefern ein Beispiel dafür, dass es nicht immer den großen Verein braucht, um große Spieler zu entwickeln.

Aus unserer Sicht sollen die Jugendlichen in einem gesunden sozialen Umfeld aufwachsen. Sportliches Talent muss mit schulischer oder beruflicher Leistung in Einklang gebracht werden. Wir versprechen den Jugendlichen also nicht, dass sie bei uns Profi werden, aber wir versprechen ihnen, dass wir die bestmöglichen Voraussetzungen dafür schaffen. Alles andere liegt bei ihnen selbst.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2003418?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F57550%2F1797350%2F2072701%2F
Ibbenbürener verwandt mit Taylor Swift
Jürgen Schwietert ist über viele Ecken mit US-Pop-Star Taylor Swift verwandt. Das findet auch seine Tochter Alaya spannend. Erfahren hat der Ibbenbürener das bei einem TV-Auftritt.
Nachrichten-Ticker