Interview mit Christoph Metzelder
„Fußball allein hat mir nie gereicht“

Ahlen -

Christoph Metzelder hat seine Karriere als aktiver Fußballprofi im vergangenen Sommer zwar beendet. Damit aber beginnt ein neuer Lebensabschnitt, in den er sich mit Verve stürzt. Der 33-Jährige hat noch viel vor – und deshalb eines nicht: Zeit.

Dienstag, 21.01.2014, 06:01 Uhr

Christoph Metzelder setzt sich für gleiche Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen ein. Dass die soziale Herkunft noch immer den Bildungserfolg beeinflusst, stößt dem Ex-Profi sauer auf.
Christoph Metzelder setzt sich für gleiche Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen ein. Dass die soziale Herkunft noch immer den Bildungserfolg beeinflusst, stößt dem Ex-Profi sauer auf. Foto: Cedric Gebhardt

13 Jahre lang war er Fußballprofi, bis er im vergangenen Sommer seine Karriere beendete. Auf die faule Haut hat sich Christoph Metzelder seither nicht gelegt. Nicht mal einen Gang runtergeschaltet. Im Gegenteil. Als Geschäftsführer der Sportmarketingagentur Jung von Matt /sports, Fernseh-Experte bei „Sky“, noch immer aktiver Fußballer bei seinem Heimatverein TuS Haltern und Schirmherr der von ihm ins Leben gerufenen Christoph-Metzelder-Stiftung ist der 33-Jährige abseits des Feldes ein echter Allrounder. „AZ“-Redakteur Cedric Gebhardt sprach mit Metzelder über die Karriere nach der Karriere.

Herr Metzelder, haben Sie eigentlich einen Doppelgänger?

Metzelder: Das ist eine gute Frage. Ich weiß manchmal auch nicht, wie ich das ganze Pensum schaffe, aber es klappt irgendwie.

Schwer zu glauben, dass Sie alle Ihre Aufgaben immer unter einen Hut kriegen?

Metzelder: Ja, aber ich empfinde es auch nicht als Belastung. Im Gegenteil, ich habe unglaublich viel Spaß an meinen Aufgaben. Langweilig wird es jedenfalls nicht. Nur die viele Reiserei geht an die Substanz.

In Ihrem Buch „Jojo kommt ins Team“ geht es darum, dass Kinder erfahren, dass jeder Mensch besondere Fähigkeiten hat, von denen er eventuell selbst noch gar nichts wusste. Wie sieht’s bei Ihnen aus: Haben Sie bereits die gesamte Palette Ihrer Fähigkeiten entdeckt oder kommt da noch was zum Vorschein?

Metzelder: Ich hoffe schon, dass ich vernünftig einschätzen kann, wo meine Begabungen liegen. Mit meinen Fähigkeiten und Ideen kann ich jedenfalls andere begeistern, mir zu helfen und meine Projekte zu unterstützen.

Sind aktuell noch weitere Projekte in Planung?

Metzelder: Bislang betreut meine Stiftung 15 Projekte. Es sollen bald noch welche im Münsterland, im Ruhrgebiet, in Hamburg und Frankfurt folgen. Bei 20 Projekten ist dann aber langsam die Grenze erreicht. Denn ich versuche, zu allen wirklich Kontakt zu halten, und das ist zeitintensiv.

Apropos Kontakte. Inwiefern helfen Ihnen die Verbindungen, die Sie zu Ihrer aktiven Zeit geknüpft haben, für Ihre Projekte heute?

Metzelder: Sie sind der Grund dafür, dass ich meine Stiftung so früh gegründet habe. Das war 2006, und da habe ich ja noch selbst gespielt. Klar kann ich die Dynamik der durch den Fußball entstandenen Kontakte und meine Popularität dazu nutzen, Partnerschaften aufzubauen und um Unterstützung zu werben.

Sie waren während Ihrer Karriere als Fußballer mehrfach verletzt. Ist das die positive Seite der Medaille, dass Sie durch Ihre langen Pausen auch Zeit hatten, sich anderen Dingen zu widmen?

Metzelder: Das will ich nicht an meinen Verletzungen festmachen. Der Fußball allein hat mir nie gereicht. Ich habe immer auch andere Lebensbereiche intensiv verfolgt.

Dann wird Ihnen das Karriereende auch nicht schwergefallen sein. Oder hatten Sie anfangs Probleme, Ihren Alltag neu zu strukturieren?

Metzelder: Nein, überhaupt nicht. Der Umstieg war gar kein Problem. Ich bin sogar froh, dass ich endlich Herr über meinen eigenen Kalender bin. Als Profi-Fußballer ist beim Tagesablauf viel festgelegt. Jetzt bin ich flexibler. Ich habe mich dafür entschieden, viel zu machen. Das kostet zwar Zeit, aber es steckt viel Herzblut in meinen eigenen Projekten.

In einem Interview mit der „Zeit“ haben Sie einmal davon gesprochen, dass man als Fußballprofi die eigene Freiheit eintauscht gegen die Privilegien, die ein Bundesliga-Spieler genießt. Ist die wiedererlangte Freiheit mittlerweile Ihr höchstes Gut?

Metzelder: Ja, in der Tat. Für jemanden, der sehr viele Ideen hat, ist es das höchste Gut. Ich gehe in unheimlich viele neue Bereiche rein.

Bei Profis kümmert sich der Verein um alles, der ganze Tag wird durchgetaktet. Begünstigt dieser Rundum-Service der Clubs Ihrer Ansicht nach die Unselbstständigkeit von Spielern, die nach der Karriere plötzlich alleine dastehen?

Metzelder: Als Profi führst du kein normales Leben. Dir wird fast alles abgenommen. Ich denke, dass die Annehmlichkeiten des Fußballs kein Vorteil sind, wenn man mit 35 Jahren auf einmal sein zweites Berufsleben angehen muss. Und das ist noch verdammt lang. Da ist es für einige schwierig, den Übergang zu schaffen. Aber ich glaube auch, dass ich meinen Weg heute so gar nicht mehr gehen könnte. Ich bin mit 19 Profi geworden. Zwischen der Regionalliga bei Preußen Münster und meinem ersten Einsatz in der Nationalmannschaft lagen zwei Jahre. Das war tatsächlich noch eine völlig andere Zeit.

Während Ihrer aktiven Karriere haben Sie nach eigenem Bekunden regelmäßig mit Versagensängsten gekämpft. Ist das heute auch noch der Fall oder gehen Sie Ihre Karriere entspannter an?

Metzelder: Die Versagensangst eines Profifußballers ist kein singuläres Thema, das nur mich betrifft.

Aber Sie haben offen darüber geredet.

Metzelder: Ja, aber der Druck ist auch nicht ausschließlich negativ. Er hat zum Beispiel auch dazu beigetragen, dass ich mich auf den Punkt konzentrieren konnte. Als Verteidiger ist das besonders wichtig, denn auf der Position haben Fehler eine große Bedeutung. Das macht allerdings nicht immer nur Spaß. Aber eine gewisse Anspannung ist auch heute noch da – zum Beispiel vor wichtigen Vorträgen.

Sie sind Mitglied in der CDU. Hätten Sie nicht Lust darauf, sich irgendwann einmal aufs politische Territorium zu begeben?

Metzelder: Ich bin politisch ein sehr interessierter Mensch. Eine Karriere als Berufspolitiker kommt aber wohl nicht in Frage. Ich habe ja jetzt schon kaum Zeit. Außerdem engagiere ich mich mit meiner Stiftung ja auch bereits gesellschaftspolitisch.

Angenommen Sie wären Politiker, was würden Sie verändern?

Metzelder: Ich zeige nicht mit dem Finger auf die Politik, dafür habe ich zu großen Respekt vor den handelnden Personen. Dennoch gibt es viel zu tun. In den Bereichen, in denen es mir möglich ist, versuche ich ja schon etwas zu bewegen und zu verändern. Das Thema Kinderarmut beschäftigt mich genauso wie die fehlende Durchlässigkeit unseres Bildungssystems. Die soziale Herkunft beeinflusst immer noch massiv den Bildungserfolg. Das ist aus meiner Sicht eine große Ungerechtigkeit. Aber ich denke, dass ich mit meiner Stiftungsarbeit die Kinder direkter erreiche, als wenn ich Politiker wäre. Es sind zwar nur 500 Kinder, denen ich bisher helfen kann. Aber es sind immerhin 500.

Ganz ohne Fußball können Sie ja trotz Ihres Karriereendes nicht. Sie sind seit dieser Saison zu Ihrem Stammverein TuS Haltern in die Landesliga zurückgekehrt. Worin liegt der Charme oder der Reiz der Provinz?

Metzelder: Auch wenn der Begriff überstrapaziert wird: Es ist ehrlicher Fußball. Als Profi habe ich die ganze Welt bereisen und in tollen Stadien spielen dürfen. Aber die ursprüngliche Begeisterung, wegen der man als Kind mit dem Fußball begonnen hat, die gibt es mehr im Amateurfußball. Deshalb bin ich großer Fan. Ich finde das Engagement und den Zusammenhalt dort bewundernswert. Die Jungs gehen arbeiten oder studieren und stehen abends und an den Wochenenden dennoch auf dem Platz. Das ist toll.

Trotzdem haben Sie in dieser Saison bislang nur ein Spiel absolviert. Was ist los? Liegen Sie mit Trainer Wilfried Höwedes (Vater des Schalker Profis Benedikt Höwedes, Anm. der Red.) über Kreuz?

Metzelder: Nein, nein ganz und gar nicht. Ich habe einfach nur keine Zeit zu trainieren. Und in der Landesliga können die Jungs alle marschieren. Ohne Training ist da nichts zu machen. Aber der Sonntag ist bei mir heilig, da stehe ich dann als Zuschauer oder zweiter Co-Trainer am Rand.

Wenn Sie dann mal spielen: Treten Ihnen die Gegner extra auf den Fuß, um‘s dem Metzelder mal so richtig zu zeigen oder machen die aus Ehrfurcht einen großen Bogen um Sie?

Metzelder: Weder noch. Die Motivation bei den Gegenspielern ist zwar groß, aber der Umgang ist doch sehr respektvoll. Das ist mir sehr positiv aufgefallen.

Christoph Metzelder zu Besuch an der Don-Bosco-Schule in Ahlen

1/39
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Cedric Gebhardt
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
  •  

    Foto: Christian Wolff
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2169155?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F57550%2F2595233%2F2595239%2F
Zwei Frauen über Politik, Wahlen und Frauenquote
Interview: 100 Jahre Frauenwahlrecht: Zwei Frauen über Politik, Wahlen und Frauenquote
Nachrichten-Ticker