Handball: 3. Liga West
Kim Voss-Fels und die Kunst der kleinen Schritte

Ahlen -

Rund drei Wochen nach seiner schweren Verletzung arbeitet Kim Voss-Fels an seiner Genesung. Dabei hat der 21-Jährige mitunter mit derart heftigen Schmerzen zu kämpfen, dass er sogar eine Nacht im Auto verbrachte.

Freitag, 28.09.2018, 05:00 Uhr aktualisiert: 28.09.2018, 16:02 Uhr
So oft wie möglich nimmt Kim Voss-Fels Behandlung in Anspruch, wie hier bei ASG-Physiotherapeut Tobias Salewsky. Aktuell geht es darum, dass die Schwellungen am Rücken durch Lymphdrainage abklingen.
So oft wie möglich nimmt Kim Voss-Fels Behandlung in Anspruch, wie hier bei ASG-Physiotherapeut Tobias Salewsky. Aktuell geht es darum, dass die Schwellungen am Rücken durch Lymphdrainage abklingen. Foto: Ahlener SG

Das große Ziel – Handballprofi zu werden – ist fest in seinem Kopf verankert. Den Weg dahin möchte Kim Voss-Fels mit kleinen Schritten pflastern.

Der Rückraumspieler der Ahlener SG ist mit dieser Strategie bislang gut gefahren. Sie hat ihn in den erweiterten Kader des Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen gebracht – und per Zweitspielrecht zum Drittligisten Ahlener SG.

Ein Foul stellt das Leben auf den Kopf

Diese Kunst der kleinen Schritte findet derzeit mehr denn je Anwendung – und das im wahrsten Sinne. Denn seit den Abendstunden des 8. September ist der Bewegungsradius des 21-Jährigen stark limitiert, nachdem er nur dreieinhalb Minuten nach Anpfiff beim Auswärtsspiel in Großenheidorn gefoult wird und unsanft auf den Rücken knallt.

Nach dreieinhalb Minuten ist der Arbeitseinsatz von Kim Voss-Fels in Großenheidorn beendet. Teamkollege Björn Wiegers versucht es mit aufmunternden Worten.

Nach dreieinhalb Minuten ist der Arbeitseinsatz von Kim Voss-Fels in Großenheidorn beendet. Teamkollege Björn Wiegers versucht es mit aufmunternden Worten. Foto: Hauke Schilling

„Ich dachte in der Luft schon: Ach du Scheiße. Ich stand waagerecht in der Luft und wusste, ich kann mich nicht auffangen. Ich wusste in der Situation nicht mehr, wo oben und unten ist“, schildert Voss-Fels den Moment, der die kommenden Monate auf den Kopf stellen wird.

„Ich habe nach dem Aufprall sofort gemerkt, hier stimmt was nicht“, sagt VossFels. Im selben Moment kann sich der 21-Jährige nicht mehr bewegen. Sein Körper – ein einziger Schmerz. Umgehend geht es ins Krankenhaus nach Bad Driburg zur Erstversorgung. Auf dem Weg dorthin lässt er sich per Liveticker immer wieder über den Zwischenstand in der Halle auf dem Laufenden halten.

Die Nacht im Auto verbracht

In der Klinik selbst können die Mediziner neben der Verabreichung schmerzstillender Mittel und dem Anfertigen eines Röntgenbilds nicht viel für ihn tun. Also fährt ihn sein Bruder noch in derselben Nacht mit dem Auto nach Hamm.

Es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag. Viel wird man zu dieser späten Stunde auch in der St. Barbara-Klinik nicht für ihn tun können, dämmert Voss-Fels.

Also entschließt er sich, erst am nächsten Vormittag in der dortigen Notaufnahme aufzukreuzen. Die Nacht verbringt er kurzerhand im Auto, da Aussteigen aufgrund höllischer Schmerzen nahezu unmöglich ist. „Ich lag dort fast wie im Bett und hatte eine relativ komfortable Position“, sagt Voss-Fels. Nur an Schlaf ist in diesen Stunden nicht zu denken. Der Schmerz hält wach.

MRT bringt bitte Diagnose

Als er am nächsten Morgen versucht auszusteigen, ist er „kurz davor, bewusstlos zu werden“. Ihm wird eine sehr starke Spritze verabreicht. „Keine zwei Sekunden später war ich zugedröhnt. Ich habe fünf Sekunden die Zähne zusammengebissen und war froh, dass es geschafft war“, beschreibt der Blondschopf.

Das Heimspiel seiner Ahlener SG gegen die SG Menden Sauerland Wölfe verfolgt Kim Voss-Fels im Rollstuhl sitzend vom Spielfeldrand aus.

Das Heimspiel seiner Ahlener SG gegen die SG Menden Sauerland Wölfe verfolgt Kim Voss-Fels im Rollstuhl sitzend vom Spielfeldrand aus. Foto: René Penno

Im Krankenhaus wird ein MRT von der Lendenwirbelsäule und der Hüfte angefertigt. Kurz darauf folgt die bittere Diagnose : Bruch des Querfortsatz des dritten und vierten Lendenwirbels. Die Folge: eine monatelange Verletzungspause, eine anstrengende Reha.

Erste Etappe: mit Hilfe eines Physiotherapeuten aufrichten. Aus dem Liegen ins Stehen zu kommen, geht einher mit Schwindel und Übelkeit. Was gestern noch selbstverständlich war, ist heute eine Herausforderung. Zweite Etappe: ein paar Meter mit einem Rollator gehen. Dritte Etappe: Nach zehn Tagen im Krankenhaus wagt er sich ans Treppensteigen.

Hart, aber schmerzlich

All das ist nur möglich, weil er von Freundin und Familie unterstützt wird und obendrein starke Schmerzmittel, u.a. auch Morphium, erhält. „Die haben mich am Anfang so umgeklatscht, dass ich einigermaßen schlafen konnte. Darüber war ich froh, denn die ersten drei Nächte nach dem Spiel habe ich praktisch kein Auge zugemacht“, erzählt Voss-Fels.

Nach zwölf Tagen in der Klinik erreicht der 21-Jährige das nächste Nahziel – er darf nach Hause. Daheim kann er gleich mal ausloten, wie gut das Treppensteigen klappt – er wohnt im zweiten Stock.

Kleine Schritte, einer nach dem anderen. Weitere wichtige Etappensiege: Er kann aus dem Rollstuhl, an den er zuvor rund zwei Wochen gebunden war. Das nächste Ziel: schmerzfrei werden. „Ich möchte unter den gegebenen Voraussetzungen einen möglichst normalen Alltag führen. Ich bin schon froh, dass ich mittlerweile wieder alleine auf Toilette gehen und duschen kann“, sagt Voss-Fels.

Rückkehr der große Ansporn

An eine Rückkehr auf die Platte ist aktuell noch nicht zu denken. „Es wäre kontraproduktiv, sich ein Datum in den Kopf zu setzen“, stellt er klar. Für ihn zählt erst einmal, wieder vollständig zu genesen. Dazu nimmt er momentan so oft Lymphdrainage und Elektrotherapie in Anspruch, wie es nur geht. Sein Vorteil: Weil er mit einem Doppelspielrecht ausgestattet ist, kann er sowohl auf die Dienste von Christopher Altehenger vom ASV Hamm als auch auf die der ASG-Physios Tobias Salewsky und Dennis Kreul zurückgreifen.

Am Samstag gastiert die ASG beim Team Handball Lippe 2 - hier die Duell-Bilanz beider Teams.

Am Samstag gastiert die ASG beim Team Handball Lippe 2 - hier die Duell-Bilanz beider Teams.

Den 27:26-Sieg im letzten Heimspiel der ASG gegen die SG Menden Sauerland Wölfe verfolgt der Rückraumspieler im Rollstuhl sitzend vom Spielfeldrand aus. Und auch beim Auswärtsspiel der ASG am Samstag (19 Uhr) beim Team Handball Lippe 2 ist er nur Zuschauer. Die Gewissheit, dabei nicht eingreifen zu können, schmerzt – und ist zugleich sein größter Ansporn. „Ich brenne so darauf, wieder Handball zu spielen. Ich denke, das fördert den Heilungsverlauf.“

Keine Genesungswünsche vom Gegner

Es ist seine Weise, sich vornehmlich auf sich selbst zu konzentrieren und wenige Gedanken an die Ursache seiner Verletzung zu verschwenden. Von seinem Gegenspieler Maksym Byegal hat er ebenso wenig wie von irgendeinem Verantwortlichen des MTV Großenheidorn jemals eine Wort des Bedauerns oder Genesungswünsche gehört. „Dass niemand auf die Idee kommt, wenigstens mal anzurufen, ist schon absolut enttäuschend“, sagt Voss-Fels.

Falls die Sache überhaupt etwas Gutes haben sollte, dann vielleicht dieses: Die Partie wurde aufgezeichnet. Die entscheidende Szene dient nun als Schulungsvideo für Schiedsrichter für ein rotwürdiges Foul unter dem Punkt: Stoßen in der Luft mit Verlust der Körperkontrolle.

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