Kolumne: Der radelnde Reporter
Gemeinsam (Baum-)Berge versetzen

Ahlen/Münster -

Zwei Monate nach seinem Triathlon-Debüt wagt sich Cedric Gebhardt an seine nächste Premiere. Unser Autor startet beim Münsterland-Giro. Beim Training in den Beckumer Bergen hat er vorab eine wichtige Lektion gelernt.

Mittwoch, 03.10.2018, 14:13 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 02.10.2018, 16:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 03.10.2018, 14:13 Uhr
Als Einheit stark: (von links) Ralf Kläsener, Thomas Schmidt, Cedric Gebhardt und Torsten Heinemann gehen zusammen mit Mike Sandbothe (nicht im Bild) im Rahmen des Münsterland-Giros beim Jedermann-Rennen über 65 Kilometer an den Start.
Als Einheit stark: (von links) Ralf Kläsener, Thomas Schmidt, Cedric Gebhardt und Torsten Heinemann gehen zusammen mit Mike Sandbothe (nicht im Bild) im Rahmen des Münsterland-Giros beim Jedermann-Rennen über 65 Kilometer an den Start. Foto: Ralf Kläsener

Tag der Deutschen Einheit . Klasse, ein Feiertag. Wie die meisten anderen Bundesbürger auch habe ich frei. Erst mal in Ruhe ausschlafen, dann ganz gemütlich frühstücken und sehen, was der Tag bringt. . .

Ein wundervolles Szenario. Allein, es wird nicht eintreten. Stattdessen wird mich mein Wecker wohl gegen 4.30 Uhr unsanft aus dem Schlaf reißen. Um 6 Uhr mache ich mich auf den Weg nach Münster. Im Rahmen meiner Triathlon-Vorbereitung habe ich seinerzeit im Juni an einem Workshop für Rennrad-Anfänger mit Fabian Wegmann teilgenommen. Und eben der hat mir eine Teilnahme am Münsterland-Giro schmackhaft gemacht.

Drei Grünschnäbel und zwei Routiniers

Ich habe einige Tage überlegt und mich dann dafür entschieden. Daher ist heute nix mit Müßiggang. Bereits um 7.55 Uhr erfolgt der Start für das Jedermann-Rennen über 65 Kilometer beim Münsterland-Giro . Es ist mein erstes Radrennen überhaupt.

Was das angeht, bin ich also noch reichlich grün hinter den Ohren. Aber genau wie bei meiner Premiere beim Sassenberger Triathlon vor zwei Monaten bin ich auch diesmal nicht der einzige Grünschnabel. Denn vom ASC Ahlen werden neben mir auch Torsten Heinemann , Mike Sandbothe, Ralf Kläsener und Thomas Schmidt an den Start gehen. Die ersten drei von uns geben in Münster ihr Debüt.

Ralf Kläsener ist dagegen mal sagenhafte 300 Kilometer beim Vätternrundan, einem Ultra-Radrennen in Schweden gefahren. Und Thomas Schmidt, der kürzlich auch den Münster-Marathon erfolgreich finishte , ist schon ein Veteran des Giro. Dreimal hat er bereits teilgenommen, zweimal über 65 und einmal sogar über 90 Kilometer. Er überlegt allen Ernstes, womöglich mit dem Rad anzureisen und die 40 Kilometer Anfahrt als kleines Aufwärmen zu nutzen. Das nenne ich Motivation. Thomasra war es auch, der mir Mut gemacht hat, die Distanz locker schaffen zu können.

Training in den Beckumer Bergen

Durch das Windschattenfahren in der Gruppe sei das gar kein Problem. Dadurch spare man bis zu 30 Prozent Kraft. Sagen wir mal so: Ich verlasse mich darauf. Denn bislang bin ich nur ein einziges Mal eine Distanz dieser Länge gefahren – und zwar am vergangenen Sonntag. Da haben wir das gute Wetter für eine Generalprobe genutzt. Unsere Tour führte uns bis nach Lippborg und auf verschlungenen Pfaden wieder zurück.

Dabei ging es von der Langst aus durch die Beckumer Berge. Und mit denen habe ich bereits vor einigen Wochen Bekanntschaft gemacht. Dabei habe ich festgestellt: Die heimatlichen Gefilde haben für Ausfahrten mit dem Rennrad wirklich viel zu bieten.

Dazu zählen auch ein paar knackige Anstiege. In meiner Triathlon-Vorbereitung habe ich einst auch eine Tour mit Heinz Reckendrees unternommen, beim ASC Ahlen sicher einer der passioniertesten Vereinskollegen, was Rennradfahren angeht. Er hat mich durch die Beckumer Berge und an meine Grenzen geführt. Während er mühelos jeden noch so steilen Anstieg meisterte, quälte ich mich die Hügel hoch – das Tempo an der Grenze zur Wahrnehmbarkeit, der Puls am Anschlag.

Tränen nicht nur beim Liebesfilm

„Kennst du eigentlich schon Heartbreak-Hill?“, erkundigte sich Heinz Reckendrees während unserer Tour bei mir. Ich stöberte in meinem Gehirn. Ich hielt es zunächst für einen Liebesfilm aus Hollywood. Ich sah vor meinem geistigen Auge ein Paar vor einer malerischen Kulisse, sich küssend im Sonnenuntergang. Im Hintergrund die Berge. Doch die Realität hatte mit diesem Idyll nichts zu tun.

Was ich im ersten Moment für eines Herzschmerz-Schmonzette hielt, ist nämlich ein ganz fieser Anstieg in den Beckumer Bergen. Darauf hätte ich natürlich kommen können. Kurz darauf habe ich sie kennengelernt und wusste rasch, woher die Erhebung ihren Namen hat. Wie ein guter Liebesfilm, so hat auch Heartbreak-Hill mir (fast) die Tränen ins Gesicht getrieben. Nun ja, auch beim Münsterland-Giro dürfte der eine oder anderen Höhenmeter auf uns zukommen.

Münsterland-Giro: Die Jedermann-Strecke 2018

1/11
  • Am 3.10.2018 steigen bei den drei Jedermannrennen gut 4500 Aktiven in den Sattel. Streckenchef Leo Bröker hat exemplarisch die längste der drei Routen aus der Schublade gekramt und die 125 Kilometer genau unter die Lupe genommen. Alles Wissenswerte hat er skizziert. Kletterer, aufgepasst!

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Nach dem Start in Münsters Westen geht es über Roxel nach Havixbeck. Am Stift Tilbeck (Bild) geht das flache Münsterland zu Ende. Es wird bergig, der eine oder andere Radfahrer muss aus dem Sattel. Erste echte Schweißarbeit ist jetzt gefragt. Der Anstieg zum Tilbecker Berg beträgt immerhin sieben Prozent. In Metern: 114. „Jeder einigermaßen Trainierte kommt hier aber hoch“, sagt Leo Bröker. Er muss es wissen. Es sind erst 13 Kilometer zurückgelegt – also locker weitertrampeln.

    Foto: Klaus de Carné
  • Bei Kilometer 20 führt der Weg am schmucken Hotel Steverburg vorbei, das früher eine Jugendherberge war. Jetzt wird es ernst. 15 Prozent Steigung bis zum Longinusturm (im Bild), da können die 187 Meter schon zur Qual werden. „Da wird manch einer absteigen“, glaubt Bröker. Hier müssen sie aber alle hoch – die Jedermänner über die 65, 95 und 125 Kilometer. Gut 4500 Radfahrer in Action.

    Foto: Frank Vogel
  • Hier geht es ans Eingemachte. Der Daruper Berg beginnt am Ortsausgang Darup und zieht sich über 1,6 Kilometer bei elf Prozent. Laut Bröker ist der Anstieg einer der spektakulärsten und meistgenutzten in den Baumbergen. Auch Münsters Ex-Radprofi Fabian Wegmann hat hier immer wieder trainiert. Die Straße ist gut befahrbar. 800 Meter nach der Erklimmung bietet sich den Radsportlern ein schöner Ausblick auf Billerbeck.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Und wieder geht es bergauf in die „Serpentinen“ der Baumberge. 138 Meter bei sechs Prozent. „Eine breite, gute Straße“, weiß Bröker. Als Belohnung für den vierten Berg winkt den Aktiven nach der Weißenburg eine schnelle Abfahrt nach Darfeld bei 60 bis 70 Kilometern in der Stunde.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Es geht in den Kreis Borken. Eine wunderschöne Eichenallee führt bei Kilometer 57 nach Asbeck. Nach der Ortsdurchfahrt geht es verwinkelt über Kopfsteinpflaster. „Da rollt das Rad nicht so jovel“, sagt Bröker. Wer diesen Abschnitt meistert, hat knapp die Hälfte hinter sich, darf sich in Ahaus auf den einzigen Verpflegungsstand freuen.

    Foto: imago/Patrick Scheiber
  • Bei Kilometer 90 geht es rauf auf den Schöppinger Berg. 157 Meter bei sieben Prozent. Der letzte große Anstieg wird den Jedermännern die Schweißperlen noch einmal auf die Stirn treiben. „Unter Druck kann dieser Aufstieg schon mal zum Hindernis werden“, sagt Bröker. Wer oben ist, hat das Schlimmste geschafft, kann kurz die Aussicht genießen. Es geht flach Richtung Ziel.

    Foto: Jens Keblat
  • Flach Richtung Ziel? Zu schön, um wahr zu sein. Streckenchef Leo Bröker hat sich noch was einfallen lassen, dieser Schelm. Am Donnerbusch in Nienberge geht es bei sechs Prozent leicht in die Höhe. Ein kleiner Hügel, der „nochmals richtig wehtut“, weiß Bröker – und das Feld ein letztes Mal in die Länge zieht. Kurz vor dem großen Finale.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Für die Zieleinfahrt in Münster, die über die Steinfurter Straße erfolgt, haben sich die Nienberger Landwirte etwas Besonderes einfallen lassen: Aus 600 Strohbunden haben sie eine Preußen-Arena errichtet, die den Radfahrern beim Sparkassen Münsterland Giro einen gebührenden Empfang bei der Zieleinfahrt bereiten soll.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Endlich im Ziel – die Einfahrt auf dem Schlossplatz unter dem Jubel der Zuschauer ist für Jedermänner wie für Profis immer ein besonderes Gefühl.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Dieser Mann ist ein Phänomen, kennt das Münsterland wie seine eigene Westentasche. Und ist seit dem ersten Sparkassen-Münsterland-Giro für die Streckenführung und die Ausschilderung verantwortlich. Der 81-Jährige braucht kein Navi, er kann die Strecken im Schlaf abfahren – unfallfrei. Das Rad ist seine Passion.

    Foto: Sparkassen-Münsterland-Giro

Die Gemeinschaft muss es richten

Vom Stevertal aus geht es hoch zum Longinusturm. Das dürfte anstrengend werden. „Quatsch – in der Gemeinschaft sind wir alle stark“, korrigierte mich unlängst unser Trainer Ralf Kläsener. Gemeinsam haben wir auch das Fahren in der Gruppe inklusive Einer- und Zweierreihe mit energiesparenden Führungswechseln geübt.

Gemeinsam können wir die (Baum-)Berge versetzen, durch die uns die 65 Kilometer lange Strecke führt. Ich hoffe auch sehr, dass Petrus mitspielt. Das nasskalte Schmuddelwetter der letzten Tage entspräche nun wirklich keinen idealen Bedingungen. Laut Prognose soll es immerhin trocken bleiben. Zum Start um 7.55 Uhr soll es zehn Grad Celsius frisch sein. Bei rund 1200 Teilnehmern ist es im Pulk vielleicht etwas wärmer. Wir halten zusammen – passt doch bestens. Ist ja Tag der Deutschen Einheit.

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