Fußball: Regionalliga West
Dem Ingenieur ist nichts zu schwer: Phillip Aboagye setzt nicht nur auf Fußball

Ahlen -

Wie schnell sich im Fußball die Perspektive drehen kann, hat Phillip Aboagye bereits erlebt. Erst die Insolvenz mit Wattenscheid 09, dann der Aufstieg mit RW Ahlen. Der 20-Jährige träumt von einer Profikarriere. Falls es damit nichts werden sollte, könnte Plan B greifen.

Dienstag, 03.11.2020, 17:48 Uhr
Seit diesem Sommer macht Phillip Aboagye regelmäßig Yoga, um beweglicher zu werden. Das soll dem Abwehrspieler von RW Ahlen dann auch künftig auf dem Platz helfen.
Seit diesem Sommer macht Phillip Aboagye regelmäßig Yoga, um beweglicher zu werden. Das soll dem Abwehrspieler von RW Ahlen dann auch künftig auf dem Platz helfen. Foto: Sarah Wick

Phillip Aboagye ist im Januar zu Rot-Weiß Ahlen gewechselt und war maßgeblich am Regionalliga-Aufstieg beteiligt. Der 20-Jährige fühlt sich nach eigenem Bekunden in der Wersestadt pudelwohl.

Dabei sah es vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders aus: Vor gut einem Jahr, am 23. Oktober 2019, stand die Welt still für Phillip Aboagye. Der Traditionsclub Wattenscheid 09 musste Insolvenz anmelden und für den damals 19-Jährigen brach eine Welt zusammen. Er, der mit vier Jahren mit dem Fußball begonnen und das Ziel, Profi-Fußballer zu werden, immer vor Augen hatte, hatte durch die Zwangspause die Perspektive verloren und überlegte seinerzeit sogar bei einem Landesligisten in der Umgebung anzuheuern.

Britscho lotst Aboagye nach Ahlen

„Ich dachte damals, mein Traum wäre zerplatzt, meine Karriere wäre am Ende. Das ist mir ganz schön aufs Gemüt geschlagen“, sagt Phillip Aboagye. Als junger Spieler am Anfang seiner Laufbahn eine Insolvenz miterleben zu müssen, ist keine einfache Sache. Seine Familie, insbesondere sein Vater, hätten ihn in dieser Zeit besonders unterstützt. Sein Papa war es auch, der ihn davor bewahrt hat, vorschnelle Entscheidungen zu fällen.

Aus der Junioren-Zeit ihres Sohnes beim VfL Bochum kannte die Familie den damaligen Ahlener Trainer Christian Britscho und stellte den Kontakt zu ihm her. „Er hat mich angerufen und mir gesagt, dass alles gut wird. Ich habe ihm vertraut und wie man sieht, war das die beste Entscheidung“, so Aboagye. Er trainiere jetzt noch fokussierter, absolviere neben dem Mannschaftstraining regelmäßig individuelle Laufeinheiten und seit zwei Monaten mache er dank seiner Freundin auch Yoga.

Traum von der Bundesliga

„Ich versuche dadurch beweglicher zu werden und eine bessere Körperspannung zu bekommen, denn bisher bin ich ein Paradebeispiel dafür, dass Fußballer nicht so stretchy sind“, sagt „Abo“.

Derzeit kommt er mit seinen Händen nur bis zu den Knöcheln, wenn er sich herunterbeugt. Mithilfe der Videos von Influencerin Pamela Reif soll das besser werden. Das soll soll sich dann auch auf dem Platz zeigen. Sein kurzfristiges Ziel sei es, so viele Spielminuten wie möglich zu sammeln und sich gut zu präsentieren. „Wir setzen alles daran, die Klasse zu halten“, sagt Phillip Aboagye. Langfristig würde er gerne irgendwann noch etwas höher spielen. „Mein Traum ist die 1. Bundesliga“, so Aboagye weiter. Seitdem er vier Jahre alt ist, arbeitet er darauf hin. Angefangen hat er beim Hombrucher SV, bevor er zum VfL Bochum gewechselt ist.

Studium als Plan B

Wie schnell der Traum von einer Karriere als Fußball-Profi vorbei sein kann, hat er am Beispiel seines ein Jahr jüngeren Bruders Jeremy gesehen. „Jeremy war sehr talentiert, aber verletzt, seitdem er 14 ist. Er hat schon drei Knie-Operationen hinter sich“, erzählt Aboagye. „Daher ist es umso wichtiger, auf dem Boden zu bleiben, denn die Fußball-Karriere kann schnell vorbei sein“, so Aboagye weiter. Ein Grund mehr für den 20-Jährigen, neben dem Fußball noch einen Plan B zu haben. Daher beginnt er zum Wintersemester ein Bauingenieurstudium an der TU Dortmund.

Neben Phillip und Jeremy gibt es noch zwei weitere Aboagye-Brüder, die auch Fußball spielen. Angesteckt mit dem Fußball-Virus wurden sie vom Vater, der gebürtig aus Ghana kommt, wo Fußball Volkssport ist. Davon konnte sich Aboagye bei einem Besuch 2011 überzeugen. Damals gab es für die Familie sogar eine Privatführung im Nationalstadium in der Hauptstadt Accra.

Zwei Herzen in einer Brust

Da Aboagye in Deutschland geboren ist, schlagen zwei Herzen in seiner Brust – ein deutsches und ein afrikanisches. „Was das Essen angeht, bin ich afrikanisch“,erklärt er. In Sachen Pünktlichkeit war das in der Jugend ähnlich. Durch die harte Bochumer Schule ist er aber inzwischen – fast immer – pünktlich. „Damals bin ich regelmäßig zu spät gekommen, aber das wurde dann bestraft“, sagt Phillip Aboagye, der seine Lehren daraus gezogen hat.

Ansonsten wäre die Unpünktlichkeit auf Dauer ein teures Vergnügen, denn auch in Ahlen ist jedes Mal ein Betrag in die Mannschaftskasse fällig. Der 20-Jährige hat nach dem Rückschlag im vergangenen Jahr seine gute Laune und seine Motivation wiedergefunden. Eigentlich lässt er sich nicht so schnell aus der Fassung bringen – auch nicht von rassistischen Kommentaren, die immer mal wieder vorkommen, auch von Gegenspielern. „Ich versuche das nicht zu nah an mich ranzulassen und gebe meine Antwort dann auf dem Platz.“

In Ahlen fühlt er sich wohl, ist sehr zufrieden mit dem Umfeld und den Bedingungen. Auch die Fans haben es dem Verteidiger angetan. „Die machen immer gut Stimmung. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie die Atmosphäre erst ist, wenn das Stadion mal voll ist.“ Bis dahin wird es wohl noch etwas dauern.

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