Darts: WM
Auf hundertachtzig – Christian Schlüter fiebert täglich mit

Herbern -

Vor ein paar Jahren hat Christian Schlüter (SV Herbern) das Spektakel im Alexandra Palace vor Ort miterlebt. Aktuell müssen es die Fernsehbilder tun. Unter der Pandemie leidet auch die junge SVH-Abteilung – gerade jetzt.

Donnerstag, 17.12.2020, 19:25 Uhr aktualisiert: 17.12.2020, 19:32 Uhr
Ein Pfeil von Christian Schlüter steckt mitten in der dreifachen 20, die anderen beiden Versuche landeten knapp unterm Triple-Feld.
Ein Pfeil von Christian Schlüter steckt mitten in der dreifachen 20, die anderen beiden Versuche landeten knapp unterm Triple-Feld. Foto: flo

Die ersten TV-Bilder von der Darts-WM im Alexandra Palace (London) sind durchaus verstörend. Wo sonst allabendlich tausende Fans – eng umschlungen – grölen, singen, feixen und auf den Bänken tanzen, herrscht eine fast gespenstische Atmosphäre. Fans, die, in überschaubarer Zahl, brav und mit gebührendem Abstand zum Nebenmann vor ihren Tischen sitzen. Vom Feeling her: Volkskammer statt Volksfest (wegen der akuten Ansteckungsgefahr in der englischen Hauptstadt sind in den nächsten Tagen gar keine Zuschauer mehr zugelassen). Nicht ganz pandemiekonform verhält sich allein „Caller“ Russ Bray, der sein berühmtes „Onehundredand eighty!“ auch in Corona-Zeiten schmettert, dass die Aerosole im altehrwürdigen „Ally Pally“ Pogo tanzen.

Für Christian Schlüter sind diese Eindrücke besonders deprimierend. Der Herberner war ja vor drei Jahren gemeinsam mit ein paar Kumpels vor Ort. Er weiß also, wie hoch es üblicherweise bei der Weltmeisterschaft im Pfeilwurf hergeht: „Das ist eine Mischung aus Ballermann und Profisport.“ Erstaunlich genug, dass sich die Top-Leute bei diesem Lärmpegel überhaupt konzentrieren können.

Andererseits sei Darts nun mal lange ein Kneipensport gewesen, weiß Schlüter. Sich im Pub um die Ecke zwischen all den Betrunkenen am Wurfbrett zu behaupten: eine gute Schule für spätere Weltmeister. Manches ist gleichwohl anders als noch vor einigen Jahren. „Dart Size“ hat man damals über die Shirts – besser: Zelte – der Spieler ab Größe XXL gelästert. Inzwischen kommen zumindest einige der Besten topfit daher. Und natürlich trinken sie auf Wettkämpfen nicht mehr ihr Bitter oder Ale, sondern stilles Wasser. Stehen jeden Tag vier, fünf Stunden und länger am Practice Board.

Volle Dröhnung auf DAZN

Auch Schlüters Welt ist derzeit eine Scheibe. Der Koch in Kurzarbeit kommt momentan auf „etwa zweieinhalb Stunden Training“. Während, logisch, der Fernseher läuft. Nonstop. Der Spartensender DAZN zeigt alle Wettkämpfe live – „und ich schaue mir jedes noch so kleine Turnier an“, lacht der Herberner.

Wo er schon nicht persönlich zuschauen darf. Vor Corona hat der 34-Jährige ja nicht nur die WM besucht, sondern, zwei Mal bereits, die European Tour in Leverkusen – mit sämtlichen Stars der Szene, aber auch ein paar ambitionierten Hobbyspielern. Er habe mal überlegt, selbst die Qualifikation zu bestreiten, wäre aber „mit meinem derzeitigen 80-Punkte-Schnitt bei so einem Wettkampf relativ chancenlos“, räumt Schlüter ein.

80 Punkte pro Aufnahme: immerhin genug, um in Niedersachsen einst ein größeres Amateurturnier zu gewinnen. Die „Onehundred andeighty!“ – drei Spitzen in der acht Millimeter schmalen Triple-20, mehr geht nicht – produziert der Mann daheim am Fließband. Sogar der mythische Nine-Darter – also mit nur neun Versuchen die 501 Zähler abzuräumen – wäre ihm um ein Haar mal geglückt. Nach zuvor acht perfekten Darts landete Pfeil Nummer neun knapp neben dem Doppelfeld.

SVH-Training ruht

Schlüter hat noch ein paar talentierte Mitstreiter. Vier, fünf stehen, unter dem Dach des SV Herbern, regelmäßig an der Werner Straße am Oche, jener Abwurfleiste in 2,37 Meter Entfernung zum Brett. Möglich, dass die Blau-Gelben in Zukunft mal ein Team in der Münsterlandliga melden. In der trüben Gegenwart ist das Vereinsheim natürlich dicht. Der Vorsitzende der SVH-Abteilung findet das „sehr schade. Die Darts-WM wird in Deutschland millionenfach geschaut. Darunter sind bestimmt ein paar Leute, die diesen Sport gern auch bei uns ausprobieren würden.“

Fun Fact am Rande: Dass er ein geschmeidiges Händchen hat, stellt Christian Schlüter nicht nur beim Darten unter Beweis. Für die erste Mannschaft des SV Herbern (Bezirksklasse) steht der Mittdreißiger regelmäßig an der Tischtennisplatte.

Geheimfavorit

Glaubt man den englischen Buchmachern, kommen für den WM-Titel in London allein Ex-Weltmeister Michael van Gerwen, Titelverteidiger Peter Wright und der Jahresbeste Gerwyn Price in Betracht. Christian Schlüter wirft noch einen vierten Namen in die Runde: Nathan Aspinall. Den Mann von der Insel schätzt der Herberner auch wegen dessen ungewöhnlicher Geschichte. Keinen Job, dafür eine Familie und ganze 20 Pfund in der Tasche hatte Aspinall vor gut zwei Jahren. Von seinen letzten Talern bezahlte er das Startgeld bei einem Darts-Turnier, gewann dieses – und erreichte in der Folge zwei Mal das WM-Halbfinale. (flo)

...

 

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7728713?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F35330%2F
Nachrichten-Ticker