Fußball: Sportjustiz
Alles, was Recht ist – Ludger Rüschenschmidt ist BSG-Chef aus Überzeugung

Ascheberg -

Ludger Rüschenschmidt (TuS Ascheberg) ist seit nunmehr drei Jahrzehnten im Sportgerichtswesen tätig. Manches habe sich in dieser Zeit geändert. Vor allem die Themen seien heute nicht mehr dieselben wie zu Beginn der 1990er-Jahre.

Freitag, 09.04.2021, 18:30 Uhr aktualisiert: 09.04.2021, 18:32 Uhr
Fehlverhalten gibt es nicht nur bei den Profis. Ludger Rüschenschmidt ist als BSG-Chef für die Bezirksligen 11, 12 (Männer), 6 (Frauen) sowie für die Berufungsfälle der Kreise Ahaus/Coesfeld, Münster, Tecklenburg und Steinfurt zuständig.
Fehlverhalten gibt es nicht nur bei den Profis. Ludger Rüschenschmidt ist als BSG-Chef für die Bezirksligen 11, 12 (Männer), 6 (Frauen) sowie für die Berufungsfälle der Kreise Ahaus/Coesfeld, Münster, Tecklenburg und Steinfurt zuständig. Foto: dpa/red

Wenn einer was zum Thema Sportrecht erzählen kann, dann doch wohl Ludger Rüschenschmidt. Seit 30 Jahren ist der Ascheberger in dem Bereich tätig. „ Karl Lohmann , eine Davensberger Legende, hatte mich Anfang der 90er-Jahre gefragt, ob ich nicht – wie er – Beisitzer in der Kreisspruchkammer, wie dieses Organ früher hieß, werden wolle.“ Als junger Diplomverwaltungswirt war er juristisch geschult. Die Vorkenntnisse ließen sich zwar „nicht eins zu eins auf den Freizeitsport übertragen“, Überschneidungen gebe es aber sehr wohl: „Ein Fußballplatz ist ja kein rechtsfreier Raum.“

Kreisspruchkammer und BSG

Er habe sich da, angeleitet von Lohmann und dem damaligen Kammervorsitzenden Manfred Chojnicki , reingefuchst. Der Fußballkreis Lüdinghausen ist längst abgewickelt, auch die Begrifflichkeiten – aus der KSK wurde irgendwann das Kreissportgericht – haben sich geändert. Geblieben ist: Ludger Rüschenschmidt. Viele Jahre wirkte er als Chojnicki-Nachfolger, seit 2016 sitzt er dem Bezirkssportgericht I Nord vor.

Und? War früher, wie man so sagt, alles besser? „Kann ich so nicht bestätigen.“ Der Eindruck entstehe vielleicht, da insbesondere in den sozialen Medien jedes (angenommene) Fehlverhalten geteilt und kommentiert werde. Aber: „Die Zahl der Verfahren ist über die Jahre nicht signifikant gestiegen.“

Ludger Rüschenschmidt

Ludger Rüschenschmidt

Geändert hätten sich gleichwohl die Vorgänge an sich. Ein Beispiel: „Bei einem fremdenfeindlichen Spruch hätte sich der Betroffene früher vielleicht mit einem Schulterzucken abgewandt. Heute begehrt er, und das ist gut so, dagegen auf. Was sozial geächtet ist, darf auch bei uns keinen Platz haben.“ Entsprechend sei die Verfahrensordnung auf Landesebene immer wieder angepasst worden.

Ein Mal, schmunzelt Rüschenschmidt, habe er sogar ein Kapitel Rechtsgeschichte im FLVW mitgeschrieben. Was passiert war? Ein Abendspiel in der Woche. Früh angesetzt, um im Hellen fertig zu werden. Weil aber ein Gewitter aufzog, wurde es so düster, dass der Referee die Partie in den Schlussminuten auf dem Nachbarplatz, unter Flutlicht, fortsetzen ließ. Die Gäste, zu dem Zeitpunkt mit drei, vier Toren im Rückstand, witterten einen Regelverstoß und klagten.

Präzedenzfall

„Tatsächlich hatte es einen solchen Fall im Verbandsgebiet aber nie gegeben“, erinnert sich Rüschenschmidt, der sich damals durch die gängige Rechtsprechung wühlte und in Süddeutschland fündig wurde: „Dort hieß es, ein Einspruch gegen die Spielwertung sei dann abzuweisen, wenn sich am Ergebnis eh nichts mehr geändert hätte – zum Beispiel, wie bei uns, aus zeitlichen Gründen.“ Kaiserau nahm den Passus, auf Drängen des Aschebergers, sogleich ins Regelwerk auf.

Und sonst? Unparteiische würden heute häufiger bedrängt, „gerade in unteren Klassen, wo selten Gespanne angefordert werden. Das sehen wir mit großer Sorge.“ Andere Vergehen, Pyrotechnik zum Beispiel, seien komplett aus den Stadien verschwunden – „auch weil wir das damals rigoros geahndet haben“.

Die Offiziellen Mitteilungen des FLVW, in denen sonst auf vielen hundert Seiten jedes Urteil vermerkt wird, sind seit Monaten nichts als weißes Papier. Nur mal angenommen – ein verwegener Gedanke – das bliebe nach Corona so: „Hätte ich nichts gegen“, lacht der 64-Jährige. Weder sei er arbeitsscheu noch fehle es ihm an der für den Job nötigen Überzeugung. Aber: „Hielten sich Fußballer stärker an Regeln, hätten ja nicht nur wir weniger zu tun. Das wäre doch im Sinne aller Beteiligten.“

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