Fußball
„Fußball ist immer gleich“

Greven -

Wie sehen die Grevener Trainer die WM, abseits von dem Blick in die Glaskugel, ob die deutsche Mannschaft den WM-Titel holt? Andrea Balderi und „Eddy“ Schmitte stehen Rede und Antwort.

Freitag, 27.06.2014, 15:06 Uhr

Trainer stehen auch im Blickpunkt der Übungsleiter, die Grevens Vereine trainieren. 
Trainer stehen auch im Blickpunkt der Übungsleiter, die Grevens Vereine trainieren.  Foto: dpa

Wie sieht ein Grevener Trainer die Weltmeisterschaften in Brasilien? Lassen Sie sich genauso anstecken wie die vielen Fans, die nur zu den Europa- und Weltmeisterschaften aus den Ecken gekrochen kommen und plötzlich dem Rudelgucken eine eigene Note geben? Was nehmen sie aus der Vorrunde mit aus dieser Weltmeisterschaft? Wie ist die Leistung der Schiedsrichter zu bewerten und braucht der Fußball noch Stars? Der WN-Redakteur Winfried Kitzmann sprach mit den Trainern Andrea Balderi (SC Greven 09) und „Eddy“ Schmitte (DJK Blau Weiß).

Taktik

„Fußball ist immer gleich“, sagt Andrea Balderi, jeder will am Ende gewinnen“. Und doch reicht manchmal ein Unentschieden oder eine knappe Niederlage, wie sich gestern beim Spiel USA gegen Deutschland zeigte. „Viele Spieler sind cleverer als in früheren Zeiten“, sagt Balderi, „sie wissen um die hohe Luftfeuchtigkeit, geben nicht so viel Gas, damit am Ende die Luft reicht“. Nur die südamerikanischen Mannschaften wie Chile, Mexiko und Brasilien oder auch Costa Rica könnten über die volle Zeit ein solch laufintensives Spiel durchhalten. Und: „Alle wollen hinten sicher stehen. Was mich überrascht hat, ist das Fünfer-Mittelfeld und dass sie mit nur einer Spitze spielen“, wundert Balderi.

„Das frühe Pressing ist bei den südamerikanischen Mannschaften schon sehenswert, deshalb werden diese Teams wie auch Frankreich weit kommen. Leider spielt unsere Mannschaft dagegen sehr verhalten“, sagt DJK-Trainer „Eddy“ Schmitte. In der Abwehr spielten viele mit einer Fünferkette nach Huub Stevens’ Motto „die Null muss stehen“. Mit dem System von vier Innenverteidigern, wie sie Deutschland habe, könne man keine rasanten Flügelläufe erwarten.

Schiedsrichter

„Die Schiedsrichter sind nicht so stark“, meint Balderi, der auch einige Foulspiele erkennt, die es früher nicht so gegeben habe. „Die Spieler strecken häufig im Luftkampf den Ellbogen heraus, da hat es schon so manches Veilchen gegeben“, das habe er in der Bundesliga in der Häufigkeit noch nicht gesehen. „Es ist gut, dass die Fifa ein Zeichen gesetzt hat mit den neun Spielen Sperre gegen Suárez“, meint Balderi zum „Beißer“ Uruguays Luis Suárez. „Schiris sind das große Thema“, sagt Schmitte. „Das fängt ja schon im ersten Spiel mit einem zweifelhaften Elfmeter an“, sagt Schmitte. Der DJK-Coach findet es eine „falsche Solidarität“, wenn man auf Schiedsrichter aus der ganzen Welt setzt. „Die Japaner bewegen sich ja rein niveautechnisch auf Landesligaebene.“ Aber da werde sich nichts tun. „Schiedsrichter bei den Weltmeisterschaften sollten Champions-League oder vergleichbare Erfahrungen haben“, verlangt Schmitte.

Charaktere

Überhaupt: Einzelpersonen, die auf sich aufmerksam machen, gibt es. Aber nicht überall. „Bei Deutschland ist die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt, da ist die Mannschaft der Star. Wie auch beispielsweise bei Costa Rica und Mexiko. Und deshalb sind sie so enorm gefährlich“, sagt Balderi. Die Argentinier leben von Messi. Neymar ist auch so ein Star. Aber davon gibt es nicht so viele.“

Zu Beginn hatte Schmitte noch den Italiener Pirlo im Auge, doch der habe ja zuletzt schlecht gespielt. „Bleiben noch der Brasilianer Neymar und der Franzose Benzema. Gott sei Dank spielt Schweinsteiger wieder. Aber jetzt kommt es in der K.o.-Runde darauf an. Jetzt können sich die Führungsspieler richtig profilieren. Obwohl: Richtige Führungsspieler brauchen nicht immer die Besten auf dem Platz sein“, behauptet Schmitte.

Trainer

Es gibt sie noch. Die Trainer. Die „Kloppos“, die Emotionen wecken, die eine ganze Nation entzweien. Weil sie draußen am Spielfeldrand mitfiebern, mitzittern und ganz ohne Megafon bis zum letzten Spieler auf dem Platz vordringen wollen. „Der Glatzkopf von Costa Rica ist so einer, der lebt das Spiel mit. Damit kann man schon mal die Mannschaft aufheizen. Dagegen stehen der Kovac und der Capello nur so rum. Und der von Mexiko mit seinen Emotionen gefällt mir.“

„Der Altersschnitt bei den Trainern finde ich zu hoch. Da frage ich mich doch, warum ein Volker Finke sich so etwas antut, eine Mannschaft wie Kamerun zu trainieren. Warum suchen solche Trainer wie del Bosque noch so eine Herausforderung?“, fragt sich Schmitte. Junge Trainer, wie Marc Wilmots und Didier Deschamps seien doch viel näher am Tagesgeschäft dran. „Das merkt man ja auch an den Erfolgen“, stellt Schmitte fest.

Überraschungen

„Algerien hat bereits Geschichte geschrieben“, sagt Balderi zum Trainer des kommenden Gegners der deutschen Mannschaft. DJK-Trainer „Eddy“ Schmitte sieht sich getäuscht in seinen Vorahnungen. „Ich hatte gedacht, dass sich einige europäische Mannschaften durchsetzen. Dass England, Italien und Spanien nach Hause fahren, wundert mich schon.“ Die südamerikanischen Mannschaften, wie Brasilien, Mexiko, Chile und Uruguay würden eine gewaltige Dominanz darstellen. „Und von Japan und Südkorea habe ich auch mehr erwartet“, sagt Schmitte.

Lerneffekte

„Auffällig ist, dass die Angriffsabschlüsse gut vorbereitet werden. Da holzt nicht jeder gleich drauf. Geduld ist gefragt. Da wird Fußball mit dem Kopf und dem Fuß gespielt. Jeder ist hochkonzentriert“, sagt Balderi, „deshalb gibt es auch nicht so viele Superspiele, in denen die Zuschauer auf ihre Kosten kommen. So ein Spiel wie Ghana gegen Deutschland ist da eine Ausnahme“.

„Wir können nur ganz wenig kopieren, denn bei uns spielt sich das doch alles auf einem niedrigen Niveau ab“, sagt Schmitte, „Wir haben auch gar nicht die konditionellen Voraussetzungen, um zum Beispiel so ein Pressing spielen zu können. Die Basis wird dazu im Training gelegt, und wir trainieren nur zwei Mal in der Woche.“ Anregungen könnten sich aber Trainer ab der Oberliga holen. „Bei uns reicht das technische Niveau nicht aus. Da dauert es zu lange, bevor die überhaupt den Ball verarbeitet haben.“

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