Dieter Gottschlich blickt gerne zurück - und auch voraus
„Matthias Sammer hat viel bewegt“

Heek-Nienborg -

Früher hat Dieter Gottschlich in den ersten Wochen nach dem Jahreswechsel stets viel Zeit in den Sporthallen verbracht, wenn die Spiele um die Fußball-Hallenkreismeisterschaft der E-Junioren auf dem Spielplan standen. Bei der Endrunde vor ein paar Tagen in Dülmen war Gottschlich nicht mehr anzutreffen.

Samstag, 07.02.2015, 07:02 Uhr

Nach gut 17 Jahren hat er seine Tätigkeit als Kreisauswahltrainer beendet. Als Koordinator für sportbegleitende Jugendarbeit ist er im Jugendausschuss des Fußballkreises Ahaus/Coesfeld aber bis zum kommenden Jahr im Amt. Im Gespräch mit WN-Redakteur Stefan Hoof blickt Gottschlich zurück auf eine Zeit, die er nicht missen möchte und von Erfolgen geprägt war.

Dieter Gottschlich, auch wenn es lange her ist, erinnern Sie sich an den Beginn Ihrer Tätigkeit als Kreisauswahltrainer?

Dieter Gottschlich: Das war der 86er-Jahrgang, mit der Mannschaft bin ich beim großen Turnier in Vreden an den Start gegangen. Ich war damals Jugendtrainer beim SuS Stadtlohn . Werner Hölscher war verhindert und hatte mich gebeten, für ihn einzuspringen.

Wer waren die bekanntesten Spieler?

Gottschlich: Das war eine gute Mannschaft. Mein Sohn Fabian war dabei, natürlich, das weiß ich. Ich könnte es nachschlagen in meinen Aktenordnern, wer dabei war. Ich habe viele Berichte und Notizen gesammelt, mich jetzt aber auch von einigen Aufzeichnungen getrennt.

Die großen Erfolge nehmen viel Platz ein?

Gottschlich: Auch, da blättert man besonders gerne zurück. Zweimal sind wir Westfalenmeister geworden. 2006, das war für den Kreis Ahaus/Coesfeld der erste Titel nach 27 Jahren. Zusammen mit Frank Bajorath war ich zuständig, in der Vorrunde hat mir mein Sohn Philipp noch geholfen. Im Endspiel ging es gegen Steinfurt, wir haben 4:1 gewonnen.

Die Erinnerungen daran sind noch ganz frisch?

Gottschlich: Und wie. Vor ein paar Tagen habe ich noch gelesen, dass Alexander Trogemann vom 1. FC Bocholt beim Turnier der SG Gronau als bester Keeper ausgezeichnet wurde. Der war damals überragend in unseren Reihen. Ich erinnere mich auch noch, wie der in Lohne, wo viele Bundesligisten am Start waren, das Turnier seines Lebens gespielt hat. Wir haben es bis ins Endspiel geschafft, nur 0:2 gegen Borussia Mönchengladbach verloren.

2011 gab es den zweiten Westfalentitel des heimischen Stützpunktes in Kaiserau zu feiern, jetzt hieß das Erfolgsduo an der Seitenlinie Dieter Gottschlich/Andreas Wanninger. Gronauer Spieler waren übrigens erneut im Kader.

Gottschlich: Ja, aber nicht in der Anzahl wie 2006. Da haben wir auch wieder die richtigen Spieler mitgehabt. Andreas Fontein von der SG, der spielt jetzt bei Twente, einer der letzten Straßenfußballer. Und Tobias Vossel von Fortuna, Jaan Büning von Vorwärts Epe und der Schöppinger Hendrik Deitert, der für den SuS spielt.

Die Wege Ihrer früheren Schützlinge verfolgen Sie noch ganz genau?

Gottschlich: Schauen wir nochmals auf den Westfalenmeister von 2006: Marcel Deelen von der SG Gronau schaffte es mehrfach in die Jugend-Nationalmannschaft. Timo Brillert spielt jetzt in der 1. Mannschaft des SuS Stadtlohn, Max Nagel ist wieder in Oeding. Lars Bleker zählt zur U23 des FC Twente. Kevin Hütten, heute Vorwärts Epe, war damals Torschützenkönig. Der hat alles weggehauen, was nur möglich war, der war überragend. André Uphaus war eine Granate auf dem Platz. Das war eine richtig gute Truppe, fast ein Gronauer Team mit Trogemann, Deelen, Hütten, dazu noch Hendrik Huesmann und Dominik Buß von Vorwärts Epe, Marc Haverstreng und Marco Köppe von der SG. Und vom ASC war Andreas Neumann dabei.

Alle Spieler haben sich aber später nicht in höheren Klassen ins Rampenlicht gespielt?

Gottschlich: Leider. Das Talent hatten sie sicherlich. Das alleine reicht aber nicht.

Gibt es noch Kontakte zu den früheren Spielern?

Gottschlich: Über Facebook habe ich Kontakt und Anteil an deren Leben. Es ist nicht so, dass wir uns ständig austauschen. Aber zum Geburtstag schreiben mir die meisten noch immer.

Das müssten viele sein. Welche Spieler sind heute noch erstklassig?

Gottschlich: Oliver Kirch vom BVB, den ich in Stadtlohn ein Jahr lang trainiert habe. Vom Stützpunkt her Sebastian Langkamp von Hertha BSC, Marvin Bakalorz vom SC Paderborn, Stefan Thesker, der jetzt in Fürth spielt, und Tim Hölscher und Lars Bleker vom FC Twente.

Wer war denn Ihrer Meinung nach der Beste aus diesem Kreis?

Gottschlich: Eine schwere Frage. Es gibt eine Handvoll Spitzenfußballer, die mir einfallen. Michael Gercke zum Beispiel, der Nienborger, auch wenn ich den nicht in der Jugend gecoacht habe. Der war schnell, beidfüßig, trickreich. Er hat später in Aachen und Wattenscheid gespielt, war Torjäger beim Oberligisten ASC Schöppingen, war Westfalenauswahlspieler.

Was war, abgesehen von den genannten Erfolgen, das einschneidendste Erlebnis in Ihrer langen Zeit als Auswahltrainer?

Gottschlich: Das war die Zeit, als Matthias Sammer als Sportdirektor des DFB den ganzen Laden, den ganzen Nachwuchsbereich auf den Kopf gestellt hat. Wenn Jogi Löw jetzt sagt, ich bedanke mich bei allen Trainern, dann fühle ich mich auch ein klein wenig angesprochen, so wie das auch jeder engagierte Trainer in den Vereinen sein darf. Die Vor­aussetzungen für die jetzigen Erfolge sind durch Sammer geschaffen worden, auch wenn der sich damals nicht beliebt gemacht hat. Der hat die Spielfeldgrößen reduziert, die Anforderungen in der Trainerausbildung deutlich angehoben. Natürlich blieben dabei einige erfahrene, gute Leute auf der Strecke, die nicht noch einen Trainerschein oben drauf packen wollten. Sammer hat wahnsinnig viel bewegt beim DFB, dem haben wir viel zu verdanken.

Das hat sich auch deutlich in der Arbeit in den Stützpunkten – damals in Ottenstein, heute in Vreden – gezeigt?

Gottschlich: Wir haben früher mehr in die Breite gearbeitet, wir hatten ja 20 bis 25 Leute im Stützpunkt, in der Kreisauswahl eines Jahrgangs. Sammer, sprich der DFB, haben sich zur Förderung der Elite bekannt. Nur die absolut Besten der Besten kommen durch. Die Auswahl ist härter geworden.

Sammers Vorgaben lösten damals keine Beifallsstürme aus.

Gottschlich: Erst waren die Leute sauer. Man hat das nicht überall eingesehen. Weil weniger Spieler in den Mannschaften zum Einsatz kamen, mussten mehr Teams gebildet werden, man brauchte mehr Trainer. Aber Sammer hat recht behalten. Er hatte damals moniert, dass es nicht sein kann, dass junge Spieler Wochenende für Wochenende über große Plätze rennen und kaum Ballkontakte haben.

Kann ein junger Fußballer dennoch nach vorne kommen, wenn er nicht im Stützpunkt war?

Gottschlich: Es ist so viel möglich im Leben eines Fußballers, auch wenn kaum ein Talent übersehen wird. Qualität spricht sich herum. Aber der Torjäger des SuS Stadtlohn zum Beispiel, Markus Krüchting, ein hervorragender Fußballer, war nie im Stützpunkt.

Heute wird über Futsal diskutiert, die einen kritisieren, andere sind begeistert.

Gottschlich: Das ist jetzt der neueste Trend. Futsal ist nicht mehr wegzudenken, weil sich ein anderes Fußballspiel entwickelt. Früher haben ein paar schussstarke Spieler von der Mitte aus drauf geballert, da ging schnell mal das Spielerische verloren. Jetzt wird man durch Futsal gezwungen, mehr zu spielen.

Das Spiel ändert sich. Wie haben sich die jugendlichen Spieler verändert?

Gottschlich: Vor 17 Jahren fuhr man in die Sportschule, zum Turnier oder zur Ferienschulung. Danach erzählten die zu Hause, wie die Woche so war. Heute wird jede Kleinigkeit, jeder Ärger gleich telefonisch durchgegeben, die Spieler sind immer online. Auch unterein­ander, auf den Zimmern, leidet meiner Meinung nach das Miteinander durch Kopfhörer oder durch permanentes Spielen mit der Playstation.

Dann brauchen die Auswahltrainer die Spieler nicht mehr so beschäftigen wie früher?

Gottschlich: Wenn ich nur an die 89er denke, die haben mich am meisten gefordert. Andre Hippers, Henning Elsbernd, Kai Erning - die haben mir keine Ruhe gelassen, die wollten Sport machen. Ich hab da fast keine Mittagspause bekommen. Die wollten dann noch Tischtennis spielen, durften aber nicht ohne Betreuung in die Halle. Heute sitzen die Spieler mit ihren Geräten auf dem Zimmer, wenn Pause ist.

Das veränderte Verhalten wirkt sich doch bestimmt auf den Zusammenhalt aus?

Gottschlich: Früher gingen wir nach einer Woche Kaiserau als gefestigte Einheit heraus, als verschworene Gemeinschaft. Es ist heute sicherlich schwieriger geworden, die Teams zu betreuen, alles wird gleich nach außen getragen.

Es gab auch Mannschaften, die nicht funktionierten?

Gottschlich: Die gab es auch, da konnte eine Woche auch lang werden.

Zurück ins Jahr 2015: Was sollte nach Meinung des langjährigen Kreisauswahltrainers in den Vereinen verbessert werden?

Gottschlich: Es muss weiterhin an der Qualität der Ausbildung der Trainer gearbeitet werden, da darf man nie nachlassen. Es fangen schließlich jedes Jahr neue Trainer an, wenn ich zum Beispiel im Jugendbereich die Eltern sehe, die sich mit ihren Kindern engagieren. Aber nicht jeder von ihnen hat Fußball gespielt. Im Internet kann man sich zwar informieren und auch Trainingsinhalte herunterladen. Trotzdem sollten Trainer auch mal eine Anleitung vor Ort bekommen. Gut finde ich deshalb zum Beispiel die Unterstützung der Vereine durch das DFB-Mobil.

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