Fußball: Kirche und Schalke 04
Der königsblaue Kirchenmann

Lüdinghausen -

„Es gibt Wichtigeres als Fußball“, sagt der Lüdinghauser Pastoralreferent Michael Kertelge. Ganz unwichtig ist das runde Leder ihm aber auch nicht – im Gegenteil: Der 51-Jährige ist glühender Schalke-Fan.

Dienstag, 27.12.2016, 08:45 Uhr aktualisiert: 27.12.2016, 12:41 Uhr
„Heiliger Boden“ – unter den vielen Schalke-Devotionalien von Michael Kertelge, befinden sich nicht nur Trikots, Schals und alte Eintrittskarten, sondern auch eine Fußmatte. Fehlt nur noch der Flaggenmast für die Fahne, der spätestens mit der Deutschen Meisterschaft im heimischen Garten steht.
„Heiliger Boden“ – unter den vielen Schalke-Devotionalien von Michael Kertelge, befinden sich nicht nur Trikots, Schals und alte Eintrittskarten, sondern auch eine Fußmatte. Fehlt nur noch der Flaggenmast für die Fahne, der spätestens mit der Deutschen Meisterschaft im heimischen Garten steht. Foto: Christian Besse

„Sie betreten nun heiligen Boden.“ Diese Worte stehen auf der Fußmatte, die sich unter den vielen blau-weißen Devotionalien im Besitz von Michael Kertelge befinden. Der Lüdinghauser ist seit 45 Jahren glühender Schalke-Fan.

Der 51-Jährige flachst gerne, und dabei wird schnell deutlich, dass er mit dem Begriff „heilig“ nie bedenkenlos um sich werfen würde. Denn er ist gläubiger Christ, sein Glaube hat ihn auch zu seinem Beruf geführt. Seit 1997 ist er Pastoralreferent der katholischen Gemeinde St. Felizitas, die inzwischen zur Gemeinde St. Felizitas Lüdinghausen und Seppenrade fusioniert ist.

Der blau-weiße Beginn

Aufgewachsen ist Kertelge in Selm. In der dortigen Kirchengemeinde St. Josef war er Messdiener, Jugendgruppenleiter und dann im Pfarrgemeinderat. „Ich habe alles gemacht, was man in einer Gemeinde ehrenamtlich machen kann.“ Nach seinem Abitur am Gymnasium Canisianum in Lüdinghausen studierte er in Münster Theologie und Geschichte.

Es gibt Wichtigeres als Fußball, und das im Blick zu behalten, halte ich für ganz wichtig.

Michael Kertelge

Schalke-Fan ist er seit der Saison 1971/72, als Norbert Nigbur im Tor stand, vor ihm unter anderem Klaus Fischer, Klaus Fichtel und die Kremers-Zwillinge.

„Ich hatte zwei Onkel, die mich an Schalke herangeführt haben“, erinnert sich Michael Kertelge. „Einer war Bäcker- und Konditormeister. Wenn Schalke ein Heimspiel hatte, ist er noch früher aufgestanden als ohnehin schon, um auch früher fertig werden zu können. Und dann hat er uns, seine Nichten und Neffen, in seinem VW 411 mit auf Schalke genommen.“ Damals spielten die Blau-Weißen noch in der Glückauf-Kampfbahn, das Parkstadion wurde erst zur Weltmeisterschaft 1974 gebaut.

Königsblaues Virus grassiert in der Familie

Die Familie von Michael Kertelge war fast durchgehend blau-weiß gefärbt. „Wir hatten einen Ausreißer in der Familie, einen Onkel, der war Anhänger des 1. FC Köln“, erinnert sich der Lüdinghauser schmunzelnd. „Der wurde geduldet, weil er wenigstens kein BVB-Fan war.“

Eheschließungen und Taufen in der Schalke-Arena

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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Mit Gott unterwegs: Zum Schluss der Taufen überreicht Pfarrer Filthaus den Familien und ihren Täuflingen die Schalke-Bibel.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Zur Taufe in den Vereinsfarben:Für eingefleischte Schalker ist das eine Selbstverständlichkeit.

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Impression aus der Schalke-Arena.

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Mit Gott unterwegs: Zum Schluss der Taufen überreicht Pfarrer Filthaus den Familien und ihren Täuflingen die Schalke-Bibel.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Impression aus der Schalke-Arena.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Eine Dauerkarte für die Bundesligaspiele hat Pfarrer Norbert Filthaus übrigens auch.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Impression aus der Schalke-Arena.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Impression aus der Schalke-Arena.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Impression aus der Schalke-Arena.

    Foto: Wilfried Gerharz

Eines der für ihn prägendsten Spiele war das 6:6 im DFB-Pokal-Halbfinale am 2. Mai 1984 zwischen Schalke und Bayern München, bei dem der Stern eines bis dahin fast unbekannten Nachwuchsspielers namens Olaf Thon aufging. Damals, am Vorabend seiner mündlichen Abiturprüfung, besuchte der junge Kertelge eine Autorenlesung im heimischen Selm.

Während der Pausen stahl er sich hinaus, um am Autoradio das Spiel zu verfolgen – 3:3, 5:5 – das Ende der Partie nach Verlängerung (ein Elfmeterschießen gab es damals erst in einem Rückspiel) bekam er noch zu Hause mit.

Unliebsame Erinnerung

Als die Königsblauen 23 Jahre später UEFA-Pokalsieger wurden, war er als Referendar an einer Realschule im oldenburgischen Lohne tätig – und erschien am Tag danach vor den Religionsschülern im Schalke-Trikot. Diese, mehrheitlich Werder-Bremen-Fans, nahmen es mit Humor. An die legendäre Vier-Minuten-Meisterschaft in der Saison 2000/01 erinnert er sich dagegen nur ungern. Damals verfolgte er den letzten Spieltag per Bundesliga-Konferenz mit Reporter Manni Breuckmann.

Wenn Schalke Deutscher Meister wird, kriegen wir einen Flaggenmast im Garten.

Michael Kertelge

Auch heute noch verfolgt Kertelge das Geschehen meistens über Rundfunk. „Was das angeht, bin ich relativ abergläubisch. Ich muss das am Radio hören und nicht per Handy oder im Internet mitlesen.“ In die Arena geht der Ehemann und zweifache Vater inzwischen nur noch „zwei- bis dreimal in der Saison, um am Wochenende mehr Zeit für seine Familie zu haben.

Segen für Lüdinghauser Fußballer

Seine Leidenschaft für die Königsblauen bedeutet ihm viel, geht ihm aber nicht über alles: „Es gibt Wichtigeres als Fußball , und das im Blick zu behalten, halte ich für ganz wichtig.“ Dafür, dass es in der Gelsenkirchener Arena eine blau-weiße Kapelle gibt, hat der Pastoralreferent Verständnis, hat sich seinerzeit aber auch darüber gefreut, dass die Verantwortlichen um Manager Rudi Assauer sich für den Architektenentwurf entschieden, der mit den Vereinsfarben am meisten zurückhielt.

Kapelle in der Gelsenkirchener Arena

Trauungen & Taufen: Anstoß auf Schalke

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Berührungspunkte mit dem runden Leder gibt es in Kertelges beruflichem Alltag kaum. Eine große Ausnahme war der kirchliche Segen, den er und Kaplan Rajababu im vergangenen Jahr den Fußballern von Union Lüdinghausen erteilten. Die schwarz-roten Kicker spielten damals um den Aufstieg in die Bezirksliga. Doch nicht dafür wurde gebetet, sondern für „ein gutes Spiel“ und „fairen Zweikampf, mit gegenseitiger Achtung und Hilfsbereitschaft“.

Ausblick

Wann Schalke wieder Deutscher Meister wird? „Irgendwann . . .“, antwortet Kertelge mit einer Mischung aus theologischer Gelassenheit und Wehmut. „Ich habe mit meiner Familie eine Übereinkunft: Wenn Schalke Deutscher Meister wird, kriegen wir einen Flaggenmast im Garten. Vielleicht ist sie gnädig, und wir bekommen schon vorher einen “, sagt er und lacht.

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