Nach WM-Debakel: DFB-Stützpunkttrainer sieht Mängel bei Nachwuchsförderung
„Es muss sich dringend etwas ändern“

Fußballkreis Ahaus/Coesfeld -

Nach dem blamablen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Russland läuft die Suche nach den Ursachen. Ein Aspekt ist auch die bislang international bewunderte deutsche Nachwuchsförderung. DFB-Stützpunkttrainer Andreas Wanninger fordert nun Konsequenzen.

Samstag, 21.07.2018, 10:22 Uhr

Andreas Wanninger (re.), hier mit seinem Trainerkollegen am DFB-Stützpunkt Ahaus/Coesfeld, Guido Wähning (Mitte), wünscht sich wieder mehr Freiheiten in der Talentförderung.
Andreas Wanninger (re.), hier mit seinem Trainerkollegen am DFB-Stützpunkt Ahaus/Coesfeld, Guido Wähning (Mitte), wünscht sich wieder mehr Freiheiten in der Talentförderung. Foto: sh

Vor vier Jahren wurde das 2002 ins Leben gerufene DFB-Stützpunkt-Konzept von vielen Experten als eine der entscheidenden Grundlagen für den WM-Titel der Nationalmannschaft gesehen. „Wir haben in Deutschland eine Basis geschaffen, darum beneidet uns die ganze Welt“, sagte Frank Engel, Sportlicher Leiter der Nachwuchsförderung des DFB , damals. Vier Jahre später, nach dem Desaster in Russland, gibt es von Neid keine Spur. Der deutsche Fußball, so lautet vielfach der Vorwurf, hat die Entwicklung verschlafen. Unser Redakteur Kristian van Bentem sprach darüber mit Andreas Wanninger , Stützpunkttrainer des Fußballkreises Ahaus/Coesfeld in Hochmoor.

Fassungslosigkeit herrschte nach dem WM-Aus bei den DFB-Kickern.

Fassungslosigkeit herrschte nach dem WM-Aus bei den DFB-Kickern. Foto: dpa

Das Problem ist vor allem, dass uns Stützpunkttrainern inzwischen alles vom DFB diktiert wird und wir kaum noch Freiheiten haben.

Andreas Wanninger

So schnell kann es gehen: Vom lachenden Weltmeister zur weltweiten Lachnummer. Auch die bislang bewunderte Nachwuchsförderung des DFB steht deshalb plötzlich in der Kritik. Können Sie das nachvollziehen. Und was ist schiefgelaufen?

Wanniger: Was Mario Basler und andere kritisieren, damit haben sie nicht unrecht. Das Problem ist vor allem, dass uns Stützpunkttrainern inzwischen alles vom DFB diktiert wird und wir kaum noch Freiheiten haben. Wir bekommen Trainingspläne, die für jeden Tag bis ins kleinste Detail vorschreiben, was trainiert werden muss. Das geht so weit, wann mit welchen Fuß welche Schussübungen zu machen sind. Wir sind inzwischen alle sehr unzufrieden. Denn so wird uns die Möglichkeit genommen, jeden Spieler individuell zu fördern – so wie das noch zu Beginn des Stützpunktkonzepts möglich war. Damals wurde auch noch mehr gespielt. Aber der DFB will das nicht. Stattdessen heißt es: trainieren, trainieren, trainieren!

Wir Trainer haben mehr Arbeit mit der Datenbank als mit dem Training selbst.

Andreas Wanninger

Mehmet Scholl sprach vor einiger Zeit von den „Laptop-Trainern“ . . .

Wanninger: Das betrifft auch uns Stützpunkttrainer. Vor 15 Jahren hat man uns zum Beispiel einfach noch geglaubt, ob alle beim Training waren oder nicht und was gemacht wurde. Inzwischen müssen wir alles dokumentieren, jede Trainingseinheit festhalten. Wir Trainer haben mehr Arbeit mit der Datenbank als mit dem Training selbst. Und die Kinder sind heute total gläsern, damit ja nicht von der Norm abgewichen wird. Alles wird in Bahnen gepresst, die Spieler in Zwangsjacken gesteckt, anstatt die Talente laufen zu lassen und ihre Individualität zu fördern.

In Deutschland haben wir ein Überangebot an hochklassigen Mittelfeldspielern, die aus den DFB-Stützpunkten hervorgehen. Und an Außenstürmern und der „falschen Neun“ mangelt es uns ganz sicher nicht. Aber wo bleibt die klassische Neun?

Wanninger: Es gibt sie nicht mehr. Wir bilden Sechser, Achter, Innenverteidiger aus, aber der Mittelstürmer kommt in den Trainingsprogrammen des DFB schlicht und einfach nicht mehr vor. Daran müssen wir dringend etwas ändern. Hätten wir Timo Werner und Julian Brandt außen und dazwischen einen echten Mittelstürmer gehabt, hätten wir Südkorea sicher klar besiegt. Andere Länder, wie England mit Harry Kane, haben erkannt, dass man diesen Spielertypen braucht – ebenso wie gute Standards –, um massive Defensivverbünde zu knacken. Ansonsten läuft man zumeist wie beim Handball um den Kreis herum. Dann ist es ja schön, wenn man wie „Rückpass-Toni“ 300 Pässe pro Spiel spielt – aber es bringt eben nichts.

Tatsächlich hat in Russland das schnelle Umschaltspiel über den viele Jahre dominanten Ballbesitzfußball triumphiert. Warum hat Deutschland die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Wanninger: Wir haben wohl gedacht: Wir sind ja Weltmeister – das geht so weiter! Dabei haben wir es versäumt, über den Tellerrand zu blicken und zu schauen, was andere Länder anders machen, um eine wirksame Antwort auf den Pep-Guardiola-Fußball zu finden, wie Spanien und Löw ihn praktiziert haben. 2016 hat es noch gereicht hat, um bei der EM zumindest ins Halbfinale zu kommen. Aber wir haben es verpasst, uns taktisch etwas anderes zu überlegen.

Natürlich dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen, alles in Frage zu stellen und die Entwicklung bei den anderen zu kopieren. Dann laufen wir nur hinterher.

Andreas Wanninger

Inwieweit muss darauf auch schon in der Nachwuchsförderung in den Stützpunkten reagiert werden?

Wanninger: Auch da sind wir zu starr und trainieren nur Ballbesitzfußball. In den Teams der D-Jugend bin ich gezwungen, partout im 3-2-3-System zu spielen, anstatt auch mal ein 3-3-2-System auszuprobieren. Natürlich dürfen wir jetzt nicht den Fehler machen, alles in Frage zu stellen und die Entwicklung bei den anderen zu kopieren. Dann laufen wir nur hinterher. Was wir brauchen, ist ein Plan B – mehr taktische Vielfalt und Individualität, um reagieren zu können, wenn Plan A nicht funktioniert.

Vor vier Jahren setzte Manuel Neuer mit seiner spektakulären, offensiven Interpretation des Torwartspiels neue Maßstäbe. Was ist von der damals zuweilen prognostizierten Entwicklung des Keepers als zwölfter Feldspieler geblieben?

Wanninger: Nicht viel. Das war 2014 wohl eine einmalige Erscheinung – was nicht nur daran liegt, dass Neuer mit Deutschland diesmal so früh ausgeschieden ist. Mannschaften, die keinen Ballbesitzfußball praktizieren, brauchen den Torhüter als zusätzlichen Feldspieler ja gar nicht.

Welche Auswirkungen hatte Neuers Torwartspiel auf die Ausbildung in den Stützpunkten?

Wanninger: Eigentlich keine. Was möglicherweise auch daran liegt, dass es dort kaum spezialisierte Torwarttrainer gibt, sondern sich einer der normalen Trainer mit darum kümmert. Man bräuchte dafür die B-Elite-Lizenz – und wer die hat, kann in den Leistungszentren der großen Vereine dreimal so viel verdienen. Die Torhüter der Stützpunkte hier in der Region können nur ein- bis zweimal im Monat in Hauenhorst gemeinsam an einem Spezialtraining teilnehmen. Da gibt es noch Potenzial.

Weg mit den Fesseln – und die Jungs wieder spielen lassen!

Andreas Wanninger

Apropos Potenzial: Deutschland hat sicher immer noch ein riesiges Reservoir an Talenten. Was muss in der Nachwuchsförderung passieren, um es wieder besser zu nutzen?

Wanninger: Es muss ganz oben anfangen. Wir sind alle gespannt, welche Erkenntnisse die angekündigte Fehleranalyse des DFB bringt. Und was das für uns als Stützpunkttrainer bedeutet. Ich persönlich sage: Weg mit den Fesseln – und die Jungs wieder spielen lassen. Aber wir müssen jetzt direkt damit anfangen, um in einigen Jahren davon auch in der Nationalmannschaft zu profitieren.

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