Friederike Möhlenkamp bereitet sich in Köln auf die Olympischen Spiele in Brasilien vor
Der Traum vom Zuckerhut

Saerbeck -

Rio de Janeiro ist ihr großes Ziel. Dort möchte sie olympische Atmosphäre aufsaugen. In vier Jahren will die Leichtathletin Friederike Möhlenkamp, die in Saerbeck alle nur Fritzi nennen, bei den Olympischen Spielen dabei sein. Im 200-Meter-Lauf. Und vielleicht in der Staffel. Mit dem Adler auf dem Trikot und dem Falken im Herzen.

Donnerstag, 18.10.2012, 09:10 Uhr

Derzeit steht sie an einem Wendepunkt ihres Lebens. Wieder einmal. Denn nach ihrem Abitur, das sie im Sommer am Martinum in Emsdetten mit Auszeichnung absolvierte, tritt sie in die Fußstapfen ihrer Eltern und Brüder. Fritzi will Ärztin werden. Ein Beruf, der ein sehr langwieriges Studium voraussetzt. Kann man da überhaupt noch Leistungssport betreiben? Fritzi sagt „Ja“. Sie sei gut organisiert. „Durch den Sport bin ich so geworden wie ich bin“, sagt sie und schickt jedem Satz ein Lächeln hinterher, das die Bedeutung ihrer Aussage die Tragweite nimmt, ihr Flügel und damit eine größere Leichtigkeit verleiht. Disziplin – wieder so ein Wort, bei dem viele zusammenschrecken – habe sie unter ihrem Trainer, dem Berufssoldaten Peter Seiffert gelernt. „Ich musste auch Rückschläge hinnehmen, habe aber gelernt, sie zu meistern“, sagt sie. Sie habe fast alles dem Sport zu verdanken. Und ganz besonders ihrem Trainer. „Ich kann Eltern nicht verstehen, die ihre Kinder nicht zum Leistungssport schicken wollen“, sagt Seiffert, hier lernen Kinder, Rückschläge in Kauf zu nehmen, sich neu zu motivieren, zu organisieren, zu disziplinieren, damit sie nicht nur den Sport, sondern auch den Alltag in den Griff bekommen“. Rückschläge hat Fritzi viele hinnehmen müssen. Knieprobleme in der Wachstumsphase, dann ein Schienbeinkantensyndrom. Alles hat sie weggesteckt. Dann wurde es wirklich kritisch, als bei ihr 2010 Morbus Crohn, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, festgestellt wurde. Dabei war sie gerade Deutsche Hallenmeisterin geworden. „In dem Jahr hat sie kein 200-Meter-Rennen verloren“, sagt Seiffert stolz. Sie war auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere, hatte gerade den U20-Länderkampf in Acona / Italien gewonnen. Und dann die niederschmetternde Diagnose. „Da war ich nahe am Ausstieg. Ohne Sport und vor allem ohne Peter hätte ich den Mut verloren“, sagt sie im Rückblick. Ein dreiviertel Jahr hat sie sich Tag für Tag wieder herangekämpft. „Man muss sich vor Augen halten, dass ich zu diesem Zeitpunkt praktisch auf dem Höhepunkt meiner Leistungen, diese niederschmetternde Diagnose erhielt.“ Dann lernte sie den Stabhochspringer Fabian Schulze kennen, auch Morbus-Crohn-Patient. Und sie schöpfte neue Kraft. Nach 15 Monaten Wettkampfabstinenz durfte sie wieder starten. Und sie wusste, bei wem sie sich bedanken musste. „Danke, ich bin wieder zuhause“, habe sie damals zu ihrem Trainer, der nicht nur ihr Coach in Sachen Sport und Leichtathletik ist, gesagt. 2011 war sie auf dem Weg zur Junioren-Europameisterschaft, als eine Entzündung der Kniesehne eine Trainingspause notwendig machte. Deshalb war sie nicht fit, als die Qualifikationswettkämpfe zur EM liefen und sie kein Ticket für Tallin bekam. Aber sie war fit und lief gleichzeitig bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften in Kassel. Und ihre Zeit war besser als die von ihrer Kollegin bei den Europameisterschaften in Tallin. Eine Genugtuung? „Nein, aber eine Bestätigung meiner Leistung“, sagt Fritzi. „Da wusste ich, dass ich von zehn Treppenstufen, die ich nach meiner Verletzung hinaufgehen musste, die letzte genommen hatte.“ Und dann dieses Sensationsjahr 2011. „Ich habe ihr und ihren Eltern schon früher gesagt, dass sie eines Tages die Fähigkeit besitzen würde, bei den Junioren-Europameisterschaften zu laufen“, sagt Seiffert. Und er sollte Recht behalten. Dabei musste er zu Beginn mit Engelszungen reden, damit Fritz überhaupt an den Hallenkreismeisterschaften teilnahm. Bereits 2006 wurde sie Vize-Westfalenmeisterin über 200 Meter. Fritzi wurde 2011 Dritte bei den Junioren (U23) über 200 Meter, holte Silber bei den Junioren-EM U20 über 200 Meter und ebenfalls Silber mit der Gladbecker Staffel über 4x100 Meter, für den sie dort startete. Zudem holte sie bei den Frauen (!) mit der 4x100-Meter-Staffel Bronze. Jetzt also der Abschied aus Saerbeck hin zur Sporthochschule Köln , wo sie weiter trainieren wird. Obwohl: Von Abschied mögen die beiden nicht sprechen. Weil es sich so endgültig anhört. Das sei es aber nicht, sagen beide unisono. „Für mich geht eine Ära zu Ende, das tut sehr weh“, sagt Seiffert, „ Friederike war einfach ein Glücksfall für mich“. Er werde sie aber weiter unterstützen. In jeder Lebenslage. Nicht nur in der Leichtathletik. Aber auch dort. In den Semesterferien, wenn Fritzi ihre Heimat aufsucht, will sie wieder in der Falke-Trainingsgruppe trainieren. Und Spaß haben. Wie in den sechs Jahren zuvor. „Abschied ist nichts Endgültiges. Peter ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden, die Zeit hat uns zusammengeschweißt“, sagt sie. „Hätten wir uns beide nicht gehabt, wäre er nicht so ein guter Trainer und ich nicht so eine gute Leichtathletin geworden“. Seiffert hatte zunächst nur Laufgruppen trainiert und sich dann weitergebildet. Schritt für Schritt. Im Einklang dazu wurde Fritzi immer besser. „In all den Jahren hat sie immer nur Superlativen hingelegt“, sagt Seiffert und blickt stolz auf „seine“ Athletin. „Ich freue mich, dass sie in dieser Trainingsgruppe beim hauptamtlichen Trainer Andreas Genz einen Platz gefunden hat“, sagt Seiffert, „ich weiß, sie ist dort gut aufgehoben“. Fritz sieht auch andere Vorteile. „Die Veränderung ist nicht nur sportlich, sondern auch privat wichtig für mich. Es bringt mich weiter, wenn ich den Spagat zwischen Studium und Leistungssport schaffe.“ Das Drumherum in Köln sei auch wichtig. Die kurzen Wege zum Training, zum Arzt, zum Physiotherapeuten. „Sie hätte keine bessere Wahl treffen können“, sagt Seiffert, „und sie kennt ja meine Telefonnummer“. Die wird sie auch häufiger wählen. „Peter weiß genau, an welchen Knöpfen er bei mir drehen muss“, sagt sie, obwohl sie selbst einen genauen Plan hat, wie es weitergehen soll. „Manchmal werde ich meinen Hang zum Perfektionismus herunterschrauben müssen“, sagt sie selbstkritisch, „und ich werde mir mehr Geduld antrainieren müssen“. Seiffert sieht kein Problem für seine Lieblingsschülerin. „Es gibt Leistungssportlerinnen wie Sand am Meer. Doch erst wer Kopf, Herz und Beine in Einklang bringen kann, der wird ganz groß werden. Friederike wird es schaffen. Und dann kenne ich noch einen, der in vier Jahren nach Rio de Janeiro fährt. Als Fan. Als Freund. Als Mentor. Wie auch immer. Aber ich werde dabei sein.“ Darauf freut sich auch Fritzi. „Ich möchte Peter nie missen, auch wenn ich allmählich erwachsen werde.“

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