Fußball: Atze Grämer – die Torwart-Trainer-Legende
Weiter – immer weiter. . .

Reckenfeld -

Eigentlich ist jedes Jahr das letzte für Torwart-Trainer-Legende Dietmar Gämer. Doch „Atze“ bekommt irgendwie nicht genug davon, die Schnapper möglichst sinnvoll während der Trainingseinheiten zu beschäftigen.

Freitag, 08.01.2021, 11:00 Uhr
Torwart-Trainer-Legende Atze Grämer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit seinem Lieblingshobby.
Torwart-Trainer-Legende Atze Grämer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit seinem Lieblingshobby. Foto: Stefan Bamberg

Alles begann mit einer Frikadelle. Eine allerletzte lag noch auf dem Teller für die dritte Halbzeit, und Atze – der da noch Dietmar hieß – griff beherzt zu. „Atze hat ‚se!“, dichtete ein Mannschaftskollege. Und Dietmar Grämer hatte damit nicht nur kurzfristig was gegen seinen Appetit getan, sondern langfristig einen Spitznamen. Heute steht das T in „Atze“ für: Torwarttrainer. Den ziemlich sicher bekanntesten der ganzen Stadt. Ein Torwarttrainer, der selbst nie Torwart war.

Vor kurzem hat Atze alles auf Papier verewigt. 100 Seiten, komplett handschriftlich, das Wichtigste farbig hervorgehoben. Ein Dreivierteljahr hat es gedauert, all die Memoiren, Namen und Statistiken festzuhalten. In der Jugend der DJK Greven geht es los, im Jahr 1965. Und als junger Erwachsener im Betriebssport weiter, für den es früher eigene Ligen gab. „Da waren einige starke Kicker dabei“, erinnert sich Grämer – und flachst: „Ich selber gehörte nicht dazu.“

Es kam ihm im Grunde ganz gelegen, dass sie beim SC Reckenfeld was anderes mit ihm vorhatten. Der damalige Chefcoach Jürgen Büscher bat Atze im Sommer 1987, doch bitte „was mit den Torhütern“ zu machen. Irgendwas halt. Die Position des Torwarttrainers gab es seinerzeit quasi nicht im Amateurfußball. Grämer entdeckte in der Aufgabe unverhofft seine Leidenschaft.

1995 gelang es Emsdetten 05 im zweiten Versuch, ihn vom SCR loszueisen. Bei seiner ersten Einheit in der Nachbarstadt legte er sich ein Lehrbuch an die Seite, als Notfall-Spickzettel sozusagen – und fürchtete kurz, dass seine Schützlinge ihn deshalb auslachen würden. Er brauchte weder das Buch noch Angst zu haben. Denn Atze befand sich als Torwarttrainer längst in seinem Element. Er wurde immer besser.

2004 war er auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt, Emsdetten 05 stieg in die Oberliga auf. Und Atze, der – noch mal – niemals selbst Torwart gewesen war, trainierte die Keeper in der vierthöchsten deutschen Spielklasse.

Was auch ein paar Großen der Fußballszene nicht verborgen blieb: Mit Uli Stein zum Beispiel, im Spätherbst seiner Karriere noch Schnapper bei Fichte Bielefeld, fachsimpelte Atze übers Torwartspiel. Zusammen mit Gerd Müller – hauptberuflich Bomber der Nation, nebenberuflich dereinst Co-Trainer bei den Bayern-Amateuren – organisierte er ein Spontan-Testspiel. Bei Ralf Rangnick handelte Atze für seine damalige Nummer eins ein Probetraining auf Schalke raus – wozu es leider nicht kam, weil Rangnick vier Tage später entlassen wurde.

Atze und die Fußball-Promis: Sein Buch enthält eine komplette Elf mit aktuellen und ehemaligen Profis, denen er begegnet ist. „Uli Stein war mir der Liebste – weil er sagt, was er denkt“, meint Grämer. „Genau wie ich.“

Atze, der zwischendurch auch kurz für BG Gimbte und Greven 09 arbeitete, ist bei seinen Keepern bekannt für sein jederzeit offenes Ohr – aber eben auch fürs offene Wort. Und für seinen Hang zum Ungewöhnlichen: Mal legte er den kompletten Strafraum mit Plastikfolie aus, setzte diesen Versuchsaufbau unter Wasser und drosch die Bälle aufs Tor, die auf dem rutschigen Untergrund natürlich pfeilschnell und unberechenbar wurden. Und, apropos unberechenbar: Einmal an Pfingstsonntag schaltete er das Flutlicht ein, und ließ seine Keeper um Mitternacht trainieren.

Die Inhalte eines solchen Trainings bleiben im Langzeitgedächtnis, allein der besonderen Uhrzeit wegen – eine Sternstunde im wahrsten Sinne des Wortes.

Eigentlich jedoch ist es nicht das eine Ereignis, das ganz oben steht. Obwohl er sonst doch so einige Hitlisten in seinem Buch hat: die schönsten Stadien der Oberliga, die weitesten Auswärtsfahrten, solche Sachen. Nein, mehr als ein halbes Jahrhundert Fußball – das ist eher ein Gesamtkunstwerk.

Das, so viel ahnt Grämer, jetzt beim SC Reckenfeld so langsam die letzten sportlichen Pinselstriche erhält. 2010 diagnostizierten die Ärzte bei ihm Parkinson. Und Atze Grämer ist es wichtig, dass das jetzt auch ruhig alle wissen sollen. Er glaubt, dass der Fußball das Fortschreiten der Symptome verlangsamt habe: „Ich höre ja eigentlich seit zehn Jahren auf“, sagt der zweifache Opa. Doch eine Saison hängte er stets noch dran. Und noch eine, und noch eine: „Wenn die Krankheit kommt, laufe ich schneller.“ Atze macht weiter, immer weiter. Solange er kann.

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