Peter Vennemeyer und der FC St. Pauli
Der Weltpokalsieger-Besieger

Greven -

„Das werde ich nie vergessen“, sagt Peter Vennemeyer und erinnert sich an bewegende Momente mit „seinem“ Kultklub FC St. Pauli.

Dienstag, 19.01.2021, 10:30 Uhr
Der besondere Klub aus dem Hamburger Stadtteil St. Pauli hat schon viele historische Erfolge gefeiert – wie hier gegen den Stadtrivalen Hamburger SV.
Der besondere Klub aus dem Hamburger Stadtteil St. Pauli hat schon viele historische Erfolge gefeiert – wie hier gegen den Stadtrivalen Hamburger SV. Foto: / Kay Nietfeld

Demnächst ist mal wieder Feiertag bei Peter Vennemeyer. „Der 6. Februar“, erklärt er, „der bleibt unvergessen.“ Und nun die Preisfrage für alle Fußball-Nerds: Welches Ereignis jährt sich da zum nunmehr 19. Mal? Exakt: Der historische 2:1-Triumph des FC St. Pauli über Bayern München . Die Großmutter aller Außenseiter-Siege in der Bundesliga.

Die Geschichte der „Weltpokalsiegerbesieger“, wie es der Klub danach freudetrunken auf T-Shirts druckte. Und nun die zweite Preisfrage: Wer war an diesem 6. Februar 2002 einer der 20700 Menschen im Stadion? Genau! „Es war alles nicht zu fassen“, blickt Vennemeyer zurück.

Aber von vorn: Der Rekordmeister kam mit Weltstars wie Kahn, Effenberg oder Pizarro. Dagegen St. Pauli mit Typen, die Stanislawski , Trulsen oder Rahn hießen. Und mit Thomas Meggle , der bis heute Vennemeyers Lieblingsspieler ist: Dieser Meggle drehte sich nach einer halben Stunde um die eigene Achse, viel schneller als an normalen Tagen, und schoss das 1:0.

Drei Minuten später das überraschende 2:0 durch Nico Patschinski, der nach seiner Karriere doch tatsächlich Paketbote wurde. Der Rest war Kampf – und Krampf: „In der Schlussphase konnte eigentlich keiner unserer Spieler mehr laufen“, erinnert sich Augenzeuge Vennemeyer.

Doch die Bayern schafften nur noch den Anschlusstreffer, dann war Feierabend! Und sie schrieben das mit den „Weltpokalsiegerbesiegern“ auf ihre Hemden: „Viele Spieler dieser Truppe waren in Hamburg verwurzelt – damit konnte sich das Publikum natürlich super identifizieren.“

Überhaupt funktioniere Fußball auf St. Pauli so: Wenn die Mannschaft fightet, die Fans mitnimmt, muss sie nicht unbedingt gewinnen. Diese Herangehensweise kannte der schon immer fußballbegeisterte Vennemeyer so vorher nicht: Früher hatte er gelegentlich auf der Dortmunder Südtribüne gestanden. Doch als er Anfang der 1990-er sein erstes Match im Millerntor-Stadion erlebte – dem alten mit den Holzbänken – beschlich ihn sofort das Gefühl, hier sein Fan-Zuhause gefunden zu haben: „Es ging gegen den VfL Bochum und übertraf einfach alles.“

Die Premiere war freilich mehr oder minder dem Zufall geschuldet: Den gebürtigen Münsterländer hatte es seinerzeit beruflich nach Hamburg verschlagen, wo er eines Abends in einer Kneipe mit Holger Stanislawskis Schwiegervater plauderte. Der organisierte ihm die erste Eintrittskarte, seither durchlebte Vennemeyer alle Hochs und Tiefs: Liga eins bis drei, ganz aktuell besteht akute Abstiegsgefahr. „Manche hängen ihre Fahne in den erstbesten Wind – doch die Liebe beweist sich erst, wenn der Wind zunimmt“, singt Popsänger Thees Uhlmann in seiner Hymne auf diesen besonderen Klub. Und das sieht auch Vennemeyer so: Einmal, als St. Pauli unten auf dem Rasen gerade in die Regionalliga abgestiegen war, schnappte er zufällig einen O-Ton zweier Grundschüler vor ihm auf: „Nicht schlimm – wir kommen auch bald in die dritte Klasse!“

Seinen eigenen Nachwuchs nahm der Teilzeit-Hamburger auch gerne mit zum Millerntor. Auch, weil „Hells Bells“ beim Einlauf der Teams und der St. Pauli-Totenkopf das einzig Schaurige blieben, was hier geboten wurde. Ansonsten: Fußball pur, mit sportlicher Rivalität – aber ohne Hass, Gepöbel und Häme. Man musste ja nicht ausgerechnet gegen den HSV hingehen.

Obwohl sie sich auch auf St. Pauli dem Kommerz nicht ganz verschließen, und das geflügelte Wort vom „Kult-Klub“, der „irgendwie anders“ ist, stets ein bisschen Gefahr läuft, zur platten Folklore zu verkommen: Die Zusammenarbeit mit sozialen Projekte auf dem Kiez und anderswo, die Beteiligung der Fans an der Vereinspolitik, der Einsatz gegen Rassismus und überhaupt jede Diskriminierung – möglicherweise ist die gesellschaftliche Erfolgsgeschichte des FC St. Pauli größer als seine sportliche: „Der Verein bedeutet für mich gelebte Vielfältigkeit“, schwärmt Vennemeyer, der bei Heimspielen öfter neben einer komplett tätowierten älteren Dame stand. Und selbst mal – auswärts in Osnabrück – in Anzug und Krawatte zwischen tausenden Trikot-Trägern: „Ich hatte vorher halt noch einen Termin.“

Obwohl Peter Vennemeyer in den vergangenen 13 Jahren bürgermeisterbedingt natürlich nur ziemlich selten ans Hamburger Millerntor fahren konnte – seine Dauerkarte besitzt er immer noch: „Und die gebe ich auch ganz sicher nicht ab.“

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