Wie Fitnessstudios der Pandemie trotzen: Ein Ortsbesuch im Deltha Fitness Club
Schwitzen vor dem Bildschirm

Greven -

Viele Gewerbetreibende plagen große Sorgen angesichts der aktuellen Corona-Pandemie und des damit verbunden Lockdowns. Die Grevener Fitness-Studios machen da keine Ausnahme.

Donnerstag, 21.01.2021, 11:00 Uhr
Sport-Streaming dank ausgefeilter Technik (v.l.): Sport- und Fitnesskauffrau Vanessa Juszczak, Deltha-Inhaber Marco Schellnock und Techniker Rafael Brinkel.
Sport-Streaming dank ausgefeilter Technik (v.l.): Sport- und Fitnesskauffrau Vanessa Juszczak, Deltha-Inhaber Marco Schellnock und Techniker Rafael Brinkel. Foto: Sven Thiele

Wie andere von der Pandemie besonders stark betroffene Branchen haben Betreiber von Fitnessstudios längst Alarm geschlagen. Mit Blick auf die nicht enden wollenden Beschränkungen bangen viele von ihnen mehr denn je um ihre Existenz. Und suchen nach Lösungen. Ein Hoffnungsschimmer liegt in der Digitalisierung, mit deren Hilfe Studios ihre Mitglieder nicht nur in Bewegung, sondern auch bei Laune halten wollen.

Noch würden die meisten zur Stange halten, berichtet Marco Schellnock, Inhaber des Deltha Fitness Clubs. Er und sein Team suchen den persönlichen Kontakt zu ihren Mitgliedern, leihen Geräte für das Training daheim aus und setzen auf Streaming-Angebote.

Ein Ortsbesuch: Die vielen Ausdauer- und Fitnessgeräte stehen in der Halle an der Bövemannstraße seit Anfang November unbenutzt herum. Das Studio von Marco Schellnock ist verwaist. An diesem trüben Mittwoch im Januar halten alleine der Geschäftsführer und die Sport- und Fitnesskauffrau Vanessa Juszczak die Stellung. Ein Großteil des 15-köpfigen Teams, das sich sonst um die Fitness ihrer rund 1000 Mitglieder kümmert, ist dagegen zum Nichtstun verdonnert.

So wie ihnen ergebt es im Moment bundesweit etwa 200 000 Beschäftigten in rund 10 000 Fitnessstudios, die im Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) organisiert sind. Dessen Präsidentin Birgit Schwarze hat bereits Anfang Januar die Verlängerung des Lockdowns als „genau das falsche Signal zur Gesunderhaltung der Bevölkerung“ bezeichnet.

Fehlende Sportmöglichkeiten werden in den Augen der obersten deutschen Fitness-Repräsentantin Folgen haben: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Arbeit, Sofa und Fastfood der Beginn aller Zivilisationskrankheiten sind und in keiner Weise dem physischen und psychischen Wohlergehen der Menschen dient.“

Studiobetreiber wie Marco Schellnock haben derweil ihr Angebot auf die neue Situation ausgerichtet. Statt in neue Fitnessgeräte hat der 32-Jährige in Video- und Übertragungstechnik investiert. Weil die Sportler im Moment nicht ins Studio kommen dürfen, kommt das Studio zu ihnen nach Hause. Per Live-Stream. „Seit November bieten wir alle Kurse online an“, berichtet Schellnock, der vor drei Jahren den Deltha-Fitness-Club übernommen hat.

Seine Anstrengungen scheinen sich zu lohnen. „Diejenigen, die bisher schon regelmäßig Kurse belegt haben, nehmen das Angebot sehr gut wahr. Mitunter sind Kurse sogar voller als vorher“, ist er zufrieden mit der Resonanz seiner Kunden. „Viele, die sich vorher noch nicht in einen Kurs getraut haben, probieren das jetzt auch einfach mal aus“, sieht er zudem auch Vorteile in dem Online-Angebot, das über die Pandemie hinaus die Fitness-Landschaft ändern könnte. Für Marco Schellnock steht fest: „Wir werden auch in der Zukunft mehr online anbieten.“

Im hier und jetzt hofft er gleichwohl auf ein baldiges Ende der Beschränkungen. „Wirtschaftlich haben es inhabergeführte Studios besonders schwer“, meint Schellnock, der davon abhängig ist, ob die zahlenden Mitglieder trotz der eingeschränkten Leistungen weiterhin bereit sind, ihre Beiträge zu leisten. Einen Anspruch darauf hat er nicht.

Laut Verbraucherzentrale Hamburg gilt der Grundsatz: „Keine Leistung, Kein Beitrag“. Online-Angebote seien dabei kein Ersatz für den tatsächlichen Besuch im Studio. Es sei also möglich, den Anbieter zu einer Erstattung aufzufordern.

Das ist auch ein Grund dafür, warum Schellnock das Gespräch mit seinen Mitgliedern sucht. „Ich bin sehr dankbar, dass die meisten uns die Treue halten“, betont er. Beim überwiegenden Teil würden die Mitgliedschaften entweder weiter laufen und die Beiträge gespendet oder ruhen gelassen. Das Studio bietet im Gegenzug Verzehrgutscheine oder die Möglichkeit an, Geräte für daheim auszuleihen und bei einem späteren Besuch einen Angehörigen mitzubringen.

Überdies gibt es Kunden, die andere Wege ausprobieren, um aktiv zu bleiben: Fitness-Apps werden immer beliebter, Personal-Trainer sprechen von deutlichem Zulauf und Trainingsgeräten wie Hanteln oder Sportmatten landen immer öfter im digitalen Einkaufswagen. Der Verkauf von Heim- und Kraftsportartikel sei um 200 Prozent gestiegen, berichtet der Versandhändler Otto.

„Noch können wir uns halten, doch mit jedem Monat wird es schwieriger“, stellt Schnellnock fest. Nach Angaben des Branchenverbandes haben die Studios bundesweit im vergangenen Jahr ein Umsatzminus von einer Milliarde Euro gemacht. „Seit März 2020 konnten praktisch keine Neukunden geworben werden. Und normalerweise sind nun November bis Februar die Monate, in denen die allermeisten Neukunden geworben werden. Fällt dieser Zeitraum weg, ist die Basis für das Geschäftsjahr 2021 ganz erheblich beeinträchtigt“, klagt die Präsidentin des Fitness-Verbandes.

Die fehlende Möglichkeit, Neukunden für sein Geschäftsmodell zu werben, hält auch Marco Schellnock für ein großes Problem. Selbst wenn es ihm gelingt, den Lockdown zu überstehen, sind die wirtschaftlichen Aussichten alles andere als rosig: „Unsere umsatzstärksten Monate sind normalerweise der Januar und Februar.“ Verschenkte Monate, soviel steht schon jetzt fest. So begründet sich auch seine düstere Prognose. „Bis zu 40 Prozent der Studios könnten wegfallen“, glaubt er.

In Greven gibt es im Moment fünf Fitnessstudios.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7776888?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F35341%2F
Nachrichten-Ticker