Fußball
Schiedsrichter im Visier der Pöbler

Schöppingen/Kreis -

Die zunehmenden verbalen und auch tätlichen Attacken von Zuschauer und Spieler gegenüber Schiedsrichtern haben deutlich zugenommen, findet Paulo Goncalves, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses Ahaus-Coesfeld. Unter anderem ist ein Schöppinger für eine solche Tat für zehn Monate gesperrt worden.

Dienstag, 12.11.2019, 10:04 Uhr
Der Vorsitzende des KSA Ahaus-Coesfeld, Paulo Goncalves, sieht in den Attacken gegenüber den Unparteiischen ein gesellschaftliches Problem.
Der Vorsitzende des KSA Ahaus-Coesfeld, Paulo Goncalves, sieht in den Attacken gegenüber den Unparteiischen ein gesellschaftliches Problem. Foto: Verband

In einem Rundbrief hat sich der Deutsche Fußball-Bund an seine bundesweit etwa 80 000 Schiedsrichter gewandt. Auslöser waren die zuletzt gehäuft auftretenden verbalen und tätlichen Gewalttaten gegenüber Unparteiischen – von Seiten der Spieler, aber auch der Zuschauer. Unrühmlicher Höhepunkt war der Zwischenfall bei einem Fußballspiel in Hessen, als ein Spieler den Schiedsrichter bewusstlos geschlagen hat. Der Vorsitzende des Kreisschiedsrichterausschusses (KSA) und Schiriobmann des Fußballkreises Ahaus-Coesfeld, Paulo Goncalves , klärt im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten auf, wie es in dieser Hinsicht im hiesigen Fußballkreis ausschaut.

Dabei legt er Zahlen vor, die mindestens nachdenklich stimmen. Zum Ende der Saison zählte der Fußballkreis noch 300 Schiedsrichter, aktuell sind es 220. Allein 45 Nachwuchsreferees haben die Pfeife wieder abgegeben. Goncalves ist seit April im Amt. In diesem halben Jahr haben 21 junge Schiris den Dienst quittiert. „Davon 16 aufgrund von Beleidigungen“, sagt er. „Sie haben keine Lust, sich beschimpfen zu lassen.“ Der Weg von verbaler zu körperlicher Gewalt sei nicht weit.

Nach einigen Spielen geben die jungen Schiedsrichter auf.

Paulo Goncalves

So auch am 29. September in einem Kreisliga-D-Spiel zwischen SW Holtwick III und dem ASC Schöppingen III. Die Partie leitete ein 15-jähriger Schiedsrichter – sein erster Auftritt bei den Senioren. Er zeigte einem Schöppinger die Gelb-Rote Karte, der ihn daraufhin vor die Brust stieß. „Der Spieler versuchte die Aktion anschließend zu beschönigen und herunterzuspielen und lieferte abstruse Ausflüchte“, schildert Goncalves.

Ein Schiedsrichterbeobachter und mehrere Spieler belasteten den ASCler, der vom Sportgericht jetzt für zehn Monate gesperrt worden ist. „Das Gute ist, der Schiedsrichter hat das gut weggesteckt und sich entschieden, weiterzumachen. Er möchte noch mehr Seniorenspiele pfeifen“, so Goncalves.

In seinem Brief betont der DFB, dass es ohne Schiedsrichter nicht geht und die Unparteiischen nicht allein gelassen werden sollen: „Genau wie die Spieler sollten auch die Referees mit einem Gefühl der Vorfreude den Einsätzen entgegenfiebern.“ Die Jungschiris starten im Nachwuchsbereich und bekommen erfahrene Spielleiter als Paten an die Seite gestellt. Doch bereits dort sind sie Anfeindungen ausgesetzt. „In der Regel durch die Eltern der Spieler“, sagt Goncalves. „Nach einigen Spielen geben die jungen Schiedsrichter auf.“

Es muss ein Dialog stattfinden. Nur zu bestrafen bringt gar nichts.

Paulo Goncalves

Es komme auch vor, dass Schiedsrichter mit der Bitte an den Ansetzer herantreten, gewisse Spiele nicht zu leiten, da es im Vorfeld schon einmal zu Zwischenfällen gekommen ist oder eine Mannschaft sich einen zweifelhaften Ruf „erarbeitet“ hat. Nach Möglichkeit werden die Ansetzungen entsprechend angepasst. Auch kann ein Team für einen Schiri für bis zu zwei Jahre geblockt werden.

Vorfälle mit Beleidigungen und Beschimpfungen häufen sich seit dieser Saison. Dies habe wohl aber auch damit zu tun, dass die Unparteiischen mittlerweile dazu angehalten sind, jeden zu melden, so der Obmann: „Seit drei, vier Monaten haben die Vorfälle schlagartig zugenommen.“

Der KSA veranstaltet Monatsschulungen, bei denen der verbale Gegenwind regelmäßig thematisiert wird. „Doch es ist immer noch ein Unterschied zwischen Theorie und auf dem Platz“, sagt Goncalves. Er sieht das Grundproblem in der Verrohung der Gesellschaft und der zunehmenden Respektlosigkeit gegenüber Instanzen: „Im allgemeinen Leben bekommen diese Menschen offenbar viel Druck ab und lassen diesen am oder auf dem Fußballplatz wieder raus.“

Lob für RW Nienborg

Bei Rot-Weiß Nienborg haben sie eine Initiative gegen verbale Gewalt gestartet – als erster Verein im Fußballkreis, so Goncalves: „Das finde ich gut. Es muss ein Dialog stattfinden. Nur zu bestrafen bringt gar nichts.“ Der KSA verfolgt eine Null-Toleranz-Politik, wie die jüngst ausgesprochenen Geldstrafen und Sperren beweisen.

Zugleich bietet er aber auch das Gespräch an, um nach Lösungen zu suchen. In etwa zwei Wochen steht dazu eine Klausurtagung an. Ob Kampagnen mit Plakaten gegen die Gewalteskalation tatsächlich zu einem Umdenken verhelfen, bleibt abzuwarten.

Kommentar

Ständig wird geklagt, es gebe im Amateur-Fußball kaum Schiedsrichternachwuchs. Man kann sich leicht ausmalen, warum das so ist. Denn Hand aufs Herz: Wer würde es sich gefallen lassen, sich im Garten beim Beschneiden der Bäume, an seiner Arbeitsstelle oder sonst wo auf unflätige Art und Weise beleidigen zu lassen? Da kenne ich niemanden. Ist es mittlerweile ein Volkssport, sich am Sportplatz auf mehrere Bier zu treffen und Dampf abzulassen oder zu pöbeln? Sich das vermeintlich schwächste, da alleinige, Glied der Kette dafür auszugucken? Offensichtlich. Schiedsrichter sahen sich zuletzt immer häufiger solchen Anfeindungen gegenüber.Sicherlich gibt es auch Menschen an der Pfeife, die in ihrem Verhalten auf dem Platz schwierig sein können. Man ist mit ihm nicht einer Meinung? Geschenkt. Es wird emotional? Auch noch in Ordnung. Wird über das Versagen des Stürmers drei Meter vor dem Tor noch gelacht, ertönt aber bisweilen wüstes Geschimpfe, wenn der Unparteiische eine Aktion vermeintlich falsch bewertet. Sobald die Grenze überschritten ist, haben wir ein Problem.Es beweist Größe, sich seinen Fehlern zu stellen. Manchmal passiert dies nach dem Abpfiff, wenn alle Beteiligten frisch geduscht und die Gemüter abgekühlt sind. Spieler und Schiri sprechen sich aus und geben sich die Hand. So soll es sein. Der KSA geht einen richtigen Weg, gegenüber verbalen oder tätlichen Attacken an Schiedsrichtern oder Spielern null Toleranz zu zeigen. Die Einsicht allerdings muss von den Beteiligten auf und neben dem Sportplatz kommen. Alex Piccin

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