WN-Interview mit Orhan Boga von Fortuna Gronau
Fünf Freunde auf großer Fahrt

Gronau -

Als Junge habe ich die Bücher von Enid Blyton verschlungen. „Fünf Freude auf großer Fahrt“ zum Beispiel. Ein Band der Serie, dessen Titel vorzüglich zu dem passt, was gerade Orhan Boga mit seiner Clique erlebt hat. Ohne Timmy, dem Hund. Dafür am anderen Ende des großen Teichs in den Vereinigten Staaten. Und die Geschichte liest sich so:

Freitag, 20.03.2020, 15:07 Uhr aktualisiert: 22.03.2020, 17:49 Uhr
Fünf Freunde, das sind wir: Orhan Boga, Pascal Pätzold, Daniel Storost, Sven Radau und Robert Rost – ohne Timmy, dem Hund, dafür am Miami Beach in Florida.
Fünf Freunde, das sind wir: Orhan Boga, Pascal Pätzold, Daniel Storost, Sven Radau und Robert Rost – ohne Timmy, dem Hund, dafür am Miami Beach in Florida. Foto: privat

Eigentlich sollte der Flieger, der den Trainer von Fortuna Gronau und seine Kumpel nach Hause bringt, erst Samstagmittag in Amsterdam landen. Stattdessen hat das Quintett nun schon seit Freitag um 10 Uhr festen Boden unter den Füßen und ist sicher in Frankfurt angekommen. Keine Selbstverständlichkeit in diesen Tagen. Nichts ist eben mehr, wie es war, nachdem Boga vor zwei Wochen ins Flugzeug Richtung Florida eingestiegen war. Der Coach der Blau-Schwarzen wird auch Sonntag nicht wie ursprünglich geplant pünktlich in Lünten an der Seitenlinie stehen und Anweisungen aufs Spielfeld rufen. Denn weil das Corona-Virus mittlerweile die ganze Welt in Atem hält, ist an Fußball natürlich nicht zu denken.

NBA , Bahamas und Schüsse in Miami

Die Westfälischen Nachrichten haben mit Orhan Boga von Fortuna Gronau gesprochen. Und es gab viel zu berichten: vom letzten NBA-Spiel vor der Corona-Pause, vom ausgefallenen Trip auf die Bahamas und von Schüssen in Miami, als Boga und seine Mitstreiter nur wenige Meter entfernt standen. Wie war das noch mal im Intro der TV-Serie „Fünf Freunde“? Wann immer sich ein Abenteuer lohnt, Angst und Schrecken kennen wir nicht, denn das sind wir gewohnt.

 

Orhan, die wichtigste aller Fragen vorweg: Wie geht es euch?

Boga: Wir sind alle gesund. Waren aber auch nervös und angespannt, ob es mit dem Rückflug klappt und wir nach Hause kommen. Wir hatten mehrmals die Airline kontaktiert, konnten dann auch online einchecken. Am Flughafen gab es keine Komplikationen. Jetzt sind wir sicher zu Hause.

Wie kam euer Trip denn eigentlich zustande?

Boga: Das ist nicht der erste dieser Art. Alle ein, zwei Jahre unternehmen wir solch eine Reise. Die ist dann natürlich immer sehr lange im Vorfeld geplant. Dieses Mal ging es in den Südosten der USA nach Florida. Als wir vor zwei Wochen also in den Flieger stiegen, konnte wirklich niemand ahnen, welches Ausmaß das alles mit der Corona-Krise noch annehmen würde.

Die ersten drei Tage in Key West war von Corona nichts zu bemerken.

Orhan Boga

Wie habt ihr die Entwicklung der Pandemie in den Staaten erlebt?

Boga: Am Samstag sind wir gelandet. Die ersten drei Tage haben wir in Key West verbracht. Da war von Corona bis Dienstag gar nichts zu bemerken. Das Nachtleben hat getobt, in den Bars brummte es, die Stände waren geöffnet und voll. Danach sind wir weiter nach Miami gereist.

Wo auch noch alles in Ordnung war?

Boga: Zunächst schon. Am Mittwochabend haben wir ein NBA-Spiel besucht. Miami Heat gegen die Charlotte Hornets in der American Airlines Arena. Ein wirklich tolles Erlebnis. Als wir dann die Halle verlassen und unsere Smartphones gecheckt haben, machte da die News die Runde, dass die NBA wegen der Corona-Pandemie den Spielbetrieb erst einmal pausieren lässt. Also kein Basketball mehr. Wir haben praktisch mit das letzte NBA-Match bis dato gesehen. Und ab diesen Moment veränderte sich die Lage täglich.

Was war zu beobachten?

Boga: Vermutlich ähnliche Dinge wie sie gerade in Deutschland passieren. Für Donnerstag etwa besaßen wir für eine Pool-Party Tickets, die fand auch noch statt. Am Freitag hatten bereits viele Clubs ihre Tore geschlossen. Am Samstag machten die Restaurants bereits ab 22 Uhr zu. Für viele Events wurde die Teilnehmerzahl auf 50 oder weniger begrenzt. Und am Sonntag schließlich war auch South Beach leergefegt.

Nudeln bunkern die Amerikaner offenbar auch gerne.

Orhan Boga

Und die Regale in den Supermärkten?

Boga: Fisch gab es logischerweise für diese Region immer und jederzeit. Beim Fleisch sah das schon anders aus. Nudeln bunkern die Amerikaner offenbar auch ganz gerne. Und um die nächste Frage gleich vorwegzunehmen: Auf Toilettenpapier habe ich nicht geachtet (lacht).

Wo seid ihr in Miami denn unterkommen?

Boga: Wir hatten eine richtig schöne Unterkunft über Airbnb gebucht. Dort ließ es sich gut aushalten, wenngleich mittlerweile das öffentliche Leben immer stärker eingeschränkt war und das Coronavirus dann unseren Urlaub komplett im Griff hatte.

Was war denn noch geplant?

Boga: Wir wollten eigentlich noch ab Dienstag auf die Bahamas. Mittlerweile war dort aber auch eine infizierte Person gemeldet worden. Niemand konnte uns mehr garantieren, dass wir von dort aus am Ende unseres Urlaubs wieder zurückgekommen wären. Also haben wir diesen Teil schweren Herzens gecancelt. Zum Glück konnten wir unseren Aufenthalt in der Unterkunft erst einmal kurzfristig verlängern.

Gab es denn Vorbehalte der Einheimischen euch Europäern, Deutschen gegenüber?

Boga: Nein. Davon war nichts zu merken. Unsere Vermieterin allerdings bat um Verständnis, dass sie sich nicht von uns persönlich verabschieden würde. Sicher sei sicher. Und wir haben dann die Zeit genutzt, oder besser gesagt: nutzen müssen, uns um einen früheren Rückflug zu bemühen. Das war alles gar nicht so einfach. Frankfurt sollte eigentlich nur der Zwischenstopp Richtung Amsterdam sein. Aber wir haben uns von dort abholen lassen. Wer weiß, ob wir sonst noch in den Niederlanden gestrandet und nicht mehr weitergekommen wären.

Auf einmal geriet eine große Menschenmenge in Panik. Alle rannten, wir dann auch. Ich glaube, so schnell hat man mich noch nie auf einem Fußballplatz gesehen.

Orhan Boga

Es bleibt also eine Reise, an die ihr euch noch lange erinnern werdet?

Boga: Oh ja! Zumal es noch ein Erlebnis am letzten Samstag gab, das nach wie vor kaum zu greifen ist. Wir hatten gehofft, abends noch in einen Club am Ocean Drive zu kommen. Dann waren wir etwas zu früh dran und warteten. Auf einmal geriet eine große Menschenmenge in Panik. Alle rannten, wir dann auch. Ich glaube, so schnell hat man mich noch nie auf einem Fußballplatz gesehen. Hinterher war zwar nichts über das Motiv zu erfahren, aber es hat eine Schießerei zwischen einem Polizisten und einem bewaffneten Mann gegeben. Der wurde angeschossen ins Krankenhaus geliefert. Obwohl wir nur wenige Meter vom Geschehen entfernt standen, haben wir das gar nicht so bewusst wahrgenommen. Das war alles sehr unwirklich. Wie in einem schlechten Film. Bis die Menschen um uns herum die Flucht ergriffen haben, instinktiv wir dann auch. Der Schreck darüber sitzt uns allen in den Gliedern. Ich bin jetzt wirklich froh, dass ich wieder zu Hause bin.

Boga glaubt nicht ans Weiterspielen

Als Orhan Boga vor zwei Wochen in Florida landete, wurde noch Fußball gespielt. Und zähneknirschend nahm Boga die Mitteilung seines Trainerkollegen Alexander Buning zur Kenntnis, dass Fortuna Gronau mit 2:4 beim Tabellenletzten der Kreisliga A1, Eintracht Stadtlohn, verloren hatte. „Ich konnte das nicht fassen. Wieder ein Rückfall in alte Zeiten“, so der Coach der Blau-Schwarzen. „Als sich dann die Corona-Krise verschärfte, war ich natürlich auch im ständigen Austausch mit Alex und mit dem Vorstand. Es war schnell klar, dass zumindest eine Spielpause unumgänglich war – Trainingsbetrieb inbegriffen.“ Und Orhan Boga geht noch einen Schritt weiter: „Ich glaube nicht, dass wir so schnell wieder Fußball spielen. Wir können froh sein, wenn die kommende Saison regulär starten kann. Und auch da ich bin ehrlich und realistisch: Damit rechne ich weniger. Ich befürchte eher, das Coronavirus und die daraus resultierenden Einschränkungen werden uns noch bis in den Herbst hinein beschäftigen.“

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