Fußball: Knifflige Regelkunde
In Bruchteilen von Sekunden

Baumberge -

Schiedsrichter müssen oft in Bruchteilen von Sekunden entscheiden. Und nicht immer ist die Regelfrage ganz klar. Einer, der es wissen muss, ist Christoph Dastig – Schiedsrichter-Lehrwart im Fußballkreis Ahaus/Coesfeld.

Sonntag, 27.12.2020, 20:01 Uhr aktualisiert: 29.12.2020, 14:35 Uhr
Schiedsrichter Christoph Dastig schaut als Spielleiter im Hintergrund zu. Gelegentlich muss er in Bruchteilen von Sekunden über knifflige Regelfragen entscheiden.
Schiedsrichter Christoph Dastig schaut als Spielleiter im Hintergrund zu. Gelegentlich muss er in Bruchteilen von Sekunden über knifflige Regelfragen entscheiden. Foto: Frank Wittenberg

Es war der Aufreger am zehnten Spieltag der Fußball-Bundesliga. Im Spiel zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart schießt Silas Wamangituka, nachdem er sich aufreizend viel Zeit ließ, zum 2:0 für die Gäste ein. Bremens Torwart Jiri Pavlenka kommt zu spät. Aber war das eine Unsportlichkeit, wie viele der Millionen Fußball-Experten am nächsten Tag urteilten?

Einer, der es wissen muss, ist Christoph Dastig . Er ist Schiedsrichter-Lehrwart im Fußballkreis Ahaus/Coesfeld. Aber ganz einfach fällt ihm die Antwort nicht. „Eine Unsportlichkeit ist immer subjektiv und liegt im Ermessen des Schiedsrichters“, sagt Dastig, ohne im Einzelnen auf die Szene aus dem Bundesliga-Spiel einzugehen. Zwischen den Zeilen wird aber deutlich: Für Dastig liegt in diesem Fall keine Unsportlichkeit vor. „Was anderes war es sicherlich vor Jahren mit Karl-Heinz Rummenigge, als dieser den Ball hochnahm und dann lässig einköpfte.“ (Den Treffer erzielte der Ex-Nationalspieler mit dem FC Bayern München in einem Testspiel 1988 gegen den FC Brügge, die Red.). Das würde heute sicherlich abgepfiffen, glaubt Dastig. Die Folge: Das Tor würde nicht zählen und der Spieler bekäme die Gelbe Karte gezeigt.

Schiedsrichter müssen oft in Bruchteilen von Sekunden entscheiden. Und nicht immer ist die Regelfrage ganz klar. Es gibt 17 Regeln. „Da ist aber nicht jeder Fall niedergeschrieben. Dann wäre das Buch ja auch dicker als die Bibel“, sagt Dastig und lacht. Vielmehr gebe es manchmal Interpretationsspielraum.

Wie bei einem Fußballspiel im asiatischen Raum. „Da gab es einen Strafstoß. Der Schütze lief an, drehte sich um 180 Grad und schoss den Ball mit der Hacke ins Tor.“ Der Torhüter sei so verdutzt gewesen, dass er in die falsche Ecke gesprungen sei und der Ball ins Tor trudelte. „Wir Schiedsrichter hier haben lange diskutiert, ob eine Täuschung des Torhüters vorlag und ob diese unsportlich war.“ Am Ende sei deutlich gemacht worden, dass dieses Manöver legal gewesen sei, weil der Strafstoßschütze nur seine Möglichkeiten genutzt habe.

„Ich sage immer: Erwarte das Unerwartete. Wir Schiedsrichter müssen immer auf alles gefasst sein.“ Dafür bereiten sich die Spielleiter in regelmäßigen Lehrabenden akribisch vor. „Wir haben natürlich auch ambitionierte Leute unter uns, die wir dann manchmal anders fördern als die Basis, da wir ja alle Leute unter einem Hut bekommen müssen.“

Vor gar nicht allzulanger Zeit habe es eine Szene in der hiesigen Oberliga gegeben, wo der Torwart eine Flanke abgefangen habe. Dann wollte dieser den Ball zu seinem Mitspieler werfen, doch der Abwurf misslang, weil der Ball wohl glitschig war. Die Kugel flog kerzengerade nach oben, der Stürmer rauschte heran. Um ein Tor zu verhindern, fing der Keeper den Ball – und war verdutzt, dass der Schiedsrichter auf indirekten Freistoß für den Gegner entschied. „Auch in höheren Spielklassen sind nicht allen Kickern immer alle Regeln bekannt und somit klar, dass der Torhüter den Ball nicht zweimal spielen darf. Auch wenn es hier sicher keine Absicht war.“ Das mache die Aufgabe des Schiedsrichters aber auch so anspruchsvoll und interessant.

Kleine Regelkunde: Hätten Sie‘s gewusst?

Beinahe bei jedem Fußballspiel werden die Entscheidungen des Schiedsrichters diskutiert. Um einmal eine Lanze für die hiesigen Unparteiischen zu brechen: Ihre Leistungen sind im Durchschnitt kein bisschen schlechter als die Darbietungen der Kicker. Dennoch glauben regelmäßig manche (zumeist laute) Zuschauer, dass sie es besser wüssten als der Schiri. Sie können sich an dieser Stelle einmal bei unserem kleinen Test hinterfragen. Folgende Situation: Nach einem Foulspiel unterbricht der Schiedsrichter (SR) das Spiel und ermahnt den schuldigen Spieler mündlich. Da der gefoulte Spieler eine Behandlung wünscht, erlaubt der SR dem Betreuer, das Spielfeld zu betreten. Nach einer kurzen Versorgung weist der SR nun den gefoulten Spieler aufgrund der Behandlung vom Spielfeld. Hat er sich richtig verhalten? Antwort: Ja, der Schiedsrichter hat sich korrekt verhalten. Grundsätzlich darf ein verletzter Spieler nicht auf dem Spielfeld behandelt werden. Er muss das Spielfeld verlassen und darf dieses auch erst nach der Spielfortsetzung wieder betreten. Eine Ausnahme gibt es unter anderem dann, wenn der Spieler durch ein Foulspiel verletzt wurde, für das der Gegenspieler eine Gelbe oder Rote Karte gesehen hat und die Behandlung schnell abgeschlossen wird. Da der schuldige Spieler hier nur mit Worten ermahnt wurde, greift diese Ausnahme allerdings nicht (Regel 5 – Schiedsrichter unter dem Stichwort „Verletzungen“). Hierzu gab es vor einiger Zeit eine Anpassung der Fußballregeln, um die Benachteiligung einer Mannschaft auszuschließen, die aufgrund eines körperlichen Vergehens des anderen Teams durch die Behandlung außerhalb des Platzes in Unterzahl gerät. Als „schnell“ gilt eine Behandlung dann, wenn sie innerhalb von 20 bis 30 Sekunden abgeschlossen wird. Bei einer schweren Verletzung des Spielers ist eine Behandlung auf dem Spielfeld natürlich auch erlaubt. Gleiches gilt bei Verletzung des Torhüters.

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