Reiten: Physiotherapie und Osteopathie
Denise Gerling und das therapeutische Verhältnis zum Pferd

Vor einem Vierteljahrhundert haben Osteopathie und Physiotherapie sich bei der Behandlungen von Pferden durchgesetzt. Denise Gerling aus Hörstel, die ursprünglich im Humanbereich ihr „Handwerk“ erlernt hat, behandelt seit einigen Jahren erfolgreich die besten Freunde des Menschen – mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen

Donnerstag, 19.05.2016, 17:05 Uhr

Es wirkt wie eine innere Zwiesprache zwischen Mensch und Tier:  Von „Pferdeflüsterei“ will Denise Gerling aber nichts hören. Sie arbeitet bei ihren Behandlungen am körperlichen Wohlbefinden der Vierbeiner.
Es wirkt wie eine innere Zwiesprache zwischen Mensch und Tier:  Von „Pferdeflüsterei“ will Denise Gerling aber nichts hören. Sie arbeitet bei ihren Behandlungen am körperlichen Wohlbefinden der Vierbeiner. Foto: Sven Rapreger

Es hat schon etwas von inniger Zwiesprache, wenn Denise Gerling mit Pferden arbeitet. Vorsichtig greift die 35-Jährige nach dem Vorderfußwurzelgelenk des braunen Wallachs namens „Ole“ und testet es auf seine uneingeschränkte Beweglichkeit. Ganz unwillkürlich neigt sich der Kopf des mächtigen Pferdes sehr vertraut in Richtung der Physiotherapeutin und Osteopathin. Als ob das Tier darauf gewartet hätte, eine Botschaft ins Ohr geflüstert zu bekommen.

Denise Gerling – die Pferdeflüsterin? „Nein, mit dem Begriff kann ich mich nicht anfreunden“, lehnt die gebürtige Münsteranerin, die schon von Kindsbeinen an mit Pferden aufgewachsen ist, entschieden ab. Vergleiche mit dem berühmten Monty Roberts hinken für sie. „Es gibt Menschen, die sich ausschließlich mit der Kommunikation der Pferde und Problemen in deren Verhalten beschäftigen“, erläutert sie den Unterschied. Bei ihrer Arbeit geht es aber mehr um das körperliche Wohlbefinden der Reittiere, um die ganz praktische Arbeit am Bewegungsapparat der Vierbeiner.

Ohr und Auge aufmerksam

Was nicht heißt, dass Gerling die Psyche ihrer Patienten egal wäre. „Die seelische Situation beeinflusst natürlich auch das körperliche Wohlbefinden immens. Spannungen und Stress wirken sich beim Pferd genauso wie beim Menschen auch auf den Muskeltonus und auf die Spannung im gesamten Körper aus“, erläutert die freiberufliche Therapeutin, die bei ihrer Arbeit somit stets auch ein besonders aufmerksames Auge und dazu ein offenes Ohr für die Kommunikation mit den Tieren mitbringen muss.

Vom Freizeitpferd bis hin zum international startenden Sportpferd – Gerling ist viel unterwegs in der Pferderegion Münsterland , um sich um das Wohlbefinden ihrer vierbeinigen Patienten zu kümmern. „Die Besitzer rufen mich, wenn sie Probleme mit ihren Pferden haben. Oder auch, wenn sie schlicht deren Leistungsfähigkeit verbessern wollen“, schildert die Therapeutin, die ursprünglich ihre Ausbildung im Humanbereich zur Sport- und Physiotherapeutin absolviert hat, sich dann aber über Fortbildungen unter anderem beim Deutschen Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) auf die Physiotherapie an Pferden spezialisiert hat.

Vorsichtig Hand anlegen

Gespräche mit den Besitzern, eine Anamnese und Gangbildanalysen auf harten und weichen Böden – das steht für Gerling stets am Anfang einer Behandlung. Und dann legt sie vorsichtig Hand an. „Ich teste das Pferd komplett von Kopf bis Huf durch und überprüfe die Beweglichkeit“, schildert sie ihre Vorgehensweise. Verschiedene manuelle Techniken stehen ihr dabei zur Verfügung: Massage, Manipulation von Gelenken, Faszientechniken, Akupunktur oder die Behandlung von bestimmten Triggerpunkten – es gibt viele Ansätze, den Bewegungsapparat eines Pferdes wieder ans Laufen zu bekommen. Dass sie dabei kräftig Hand anlegen muss, zeigt der Blick auf ihre stark beanspruchten Finger. „Mit schönen Händen kann ich bei meinem Beruf nicht dienen“, scherzt sie.

Die Pferde zeigen einem durch ihre Reaktionen bei der Behandlung sehr deutlich, wo die Problembereiche sind.

Denise Gerling

Seit 2008 übt die Therapeutin ihren Beruf selbstständig aus, wobei sie bei sich selber eine gewisse Entwicklung wahrgenommen hat. „Am Anfang habe ich mich sehr darauf konzentriert, jedes Gelenk durchzutesten, um nur ja nichts zu vergessen“, erinnert sie sich. Mittlerweile hat sie aber längst eine Art sechsten Sinn entwickelt für das, was dem Pferd tatsächlich fehlt. „Ich sehe die Tiere, fasse da einmal drüber, mache mir ein Bild aus der Ganganalyse – und dann weiß ich meist schon sehr genau, wo das Hauptproblem des Pferdes liegt“, sagt sie. Im Laufe der Jahre sei ihr Tastsinn deutlich besser geworden. Und auch die Kommunikation mit dem Tier – hier lässt Gerling dann doch schon fast den Begriff der „Pferdeflüsterei“ gelten – ermöglichen es, wirksam helfen zu können. „Die Tiere zeigen einem durch ihre Reaktionen bei der Behandlung sehr deutlich, wo die Problembereiche sind. Oft weisen sie mir den Weg, den die Behandlung nehmen soll“, betont sie.

Zur Person

Denise Gerling (35), geboren und aufgewachsen in Münster, lebt heute auf einem Bauernhof in Hörstel, von wo aus sie freiberuflich als Pferdephysiotherapeutin und Pferdeosteotherapeutin münsterlandweit tätig ist. Von 1999 bis 2006 absolvierte sie Ausbildungen zur staatlich geprüften Sport- und Gymnastiklehrerin, zur Sporttherapeutin mit den Schwerpunkten Orthopädie, Rheumatologie und Traumatologie und zur Physiotherapeutin an der Timmermeister-Schule in Münster. Von 2006 bis 2008 bildete sie sich zur Pferdeosteopathin am Deutschen Institut für Pferdeosteopathie in Dülmen weiter und bestand 2009 die Prüfung zur FN-Pferdephysiotherapeutin mit dem Schwerpunkt Pferde-Osteopathie bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung.

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Die ergänzende Behandlung eines Pferdes durch einen Physiotherapeuten oder Osteopathen gibt es noch nicht so lange. „Seit etwa 25 Jahren“, schätzt Denise Gerling und fügt hinzu: „Dabei ist bekannt, dass man in der Antike schon Pferde massiert hat.“ Gelegentlich stößt sie mit ihrer Arbeit auch auf Argwohn. „Das kann schon mal passieren, dass man belächelt wird“, weiß sie, dass es zum Beispiel noch einige Tierärzte „vom alten Schlag“ gibt, die die qualifizierte therapeutische Vorgehensweise für Hokuspokus halten.

Ich teste das Pferd komplett von Kopf bis Huf durch und überprüfe die Beweglichkeit.

Denise Gerling

Gelernt hat sie die Physiotherapie am Menschen, was sie heute aber überhaupt nicht mehr vermisst. „In den wenigsten Fällen fehlt mir, dass Pferde nicht sprechen können“, meint sie und schmunzelt. In der Regel sei es für den Therapeuten viel einfacher, non-verbal zu kommunizieren. „Mit Pferden ist es meist sogar einfacher, weil sie eine viel ehrlichere Rückmeldung geben. Menschen sind meist viel zu sehr mit dem Kopf dabei und deuten ihren Körper nicht richtig“, betont Denise Gerling.

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