Fußball: Dr. Peter Rohlmann beleuchtet die Folgen bei den Profis- und Amateuren
„Jeder Verein wird leiden“

kreis Steinfurt -

Wie wird die Corona-Pandemie den Fußball verändern? Gibt es danach weiter solch horrende Ablösesummen wie für Neymar und Co? Sportmarketingexperte Peter Rohlmann aus Rheine macht sich in einem Interview Gedanken zu diesem Thema.

Mittwoch, 01.04.2020, 15:22 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 13:20 Uhr
Der Rheiner Marketingexperte Peter Rohlmann plädiert für ein verkürztes Saisonende: „Es wäre fatal, die Vereine nicht zu belohnen.
Der Rheiner Marketingexperte Peter Rohlmann plädiert für ein verkürztes Saisonende: „Es wäre fatal, die Vereine nicht zu belohnen. Foto: Jens Keblat

Die Welt ist im Ausnahmezustand und führt uns die wahre Bedeutung unserer Bedürfnisse vor Augen. Deutlich wird: Trotz seiner Wirtschaftskraft und -macht spielt der Fußball nur eine Nebenrolle und steht hinter dem Kampf gegen die Pandemie zurück. Doch am Ende des sportlichen Shutdowns könnte auch eine neue Zeit stehen, die beispielsweise den irrwitzigen Ablösesummen für die Herren Neymar und Co. ein Ende setzt. Nicht nur in den Profiligen sind die Sorgen groß: Von der 3. Liga bis in den Amateurbereich kämpfen die Vereine wegen ausbleibender Ticketeinnahmen um ihre Existenz.

Peter Rohlmann beobachtet diese Entwicklung sehr genau. Der Rheinenser ist beim Thema Sportmerchandising ein europaweit gefragter Experte und nahm sich nun wissenschaftlich den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das sportliche Leben an. Inzwischen ist der 70-Jährige auch persönlich von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens betroffen: „Ich arbeite im Homeoffice“, macht sich der Inhaber des Beratungsbüros „PR Marketing“ so seine Gedanken, was aus dem Fußball wird.

Im Interview mit dem Fachmagazin „Kicker“ sagte Uli Hoeneß jüngst, dass die jetzige Situation dem Fußball auch eine Chance biete, „dass die Koordinaten etwas verändert werden können“. Der langjährige Manager des FC Bayern München könne sich „100-Millionen-Euro-Transfers in der nächsten Zeit nicht vorstellen“. Er glaubt: „Die Transfersummen werden fallen, die Beträge werden sich in den kommenden zwei, drei Jahren nicht mehr auf dem bisherigen Niveau bewegen können. Es wird sehr wahrscheinlich eine neue Fußballwelt geben.“

 

Geben Sie ihm Recht, Herr Rohlmann?

Peter Rohlmann: Das unterschreibe ich zu 100 Prozent. Ich glaube, alles wird vernünftiger werden. Alle Vereine werden leiden, die Finanzreserven schrumpfen. Ich sehe, dass die Vereine mehr Wert darauf legen, den Kontakt zu ihren Fans zu verbessern. So sind die Vereine, die digitale Medien gut bespielen und den Kontakt zu den Fans nicht abreißen lassen, zurzeit im Vorteil. Andere laufen Gefahr, dass die Emotionen zu den Fans erkalten.

Als vorbildlich ordnet er die „tolle Kampagne von RB Leipzig“ ein. Unter dem Motto „Was ist wichtiger als Fußball? #WirAlle!“ appelliert der Club an alle Fußball-Fans: In der Corona-Krise geht es nur gemeinsam. Und auch nur, wenn sich jeder an die Regeln hält! Dafür starten die Bullen täglich verschiedene Projekte: Auktionen, einen Blutspende-Aufruf, Spendenaktionen. Für die Kinder gibt es einen Malwettbewerb, Eltern können sich Bastelvorlagen und Spielideen herunterladen.

Der Marketing-Fachmann ist der festen Überzeugung, dass die Vereine künftig zu mehr Wirtschaftlichkeit angehalten sind: „Jeder Verein wird leiden und deshalb versuchen, seine Finanzen zu ordnen. Es wird nicht mehr so leichtfertig das Geld ausgegeben, wie es gemacht wurde, Vereine können das nicht mehr so leicht rechtfertigen.“

Die Fans würden in diesen Tagen sehr genau beobachten, was ihr Lieblingsclub macht. Auch der Deutsche Fußball-Bund stehe auf dem Prüfstand, mache aber nicht die beste Figur: „Der DFB sagt jetzt, er darf der 3. Liga nicht direkt helfen. Angeblich würde seine Gemeinnützigkeit auf dem Spiel stehen.“

Rohlmann wird deutlich: „Wir haben 25 000 Amateurvereine, denen steht das Wasser bis zum Hals. Wenn man dann bedenkt, dass die Amateurvereine vom DFB so gedrückt und gegängelt werden, dass sie schon bei nicht akkurater Bearbeitung des Spielberichtsbogens oder Nicht-Erfüllung der Schiri-Quote sofort ein Ordnungsgeld kassieren, ist das Wasser auf die Mühlen aller Kritiker. Nach meinem Verständnis sollte ein nationaler Verband für alle da sein.“

Wann ist denn Ihrer Meinung nach der Zeitpunkt erreicht, zu dem erste Vereine den wirtschaftlichen Überlebenskampf verloren haben?

Peter Rohlmann: Einige Mediziner sagen, wir werden dieses Virus nach zwei, drei Monaten im Griff haben. Andere glauben, dass es in diesem Jahr keinen Fußball vor Publikum mehr geben wird. Insofern ist die Frage kaum zu beantworten. Wir müssen sehen, dass die Saison zu Ende kommt. Es wäre fatal, die Vereine nicht zu belohnen, die eine gute Saison gespielt haben. Natürlich kann man aber auch niemanden, der auf einem Abstiegsplatz steht, zum Abstieg verurteilen. Ich glaube, dass es ein ganz komprimiertes Saisonende geben wird, vielleicht eine Art Playoff-Modus innerhalb einer Woche, damit man Ende des Jahres oder im Herbst mit der neuen Saison starten kann. Im Vergleich zum Amateurfußball erzielt Borussia Dortmund im normalen Bundesligabetrieb nur etwa zehn Prozent seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten. Bei anderen Clubs liegt der Anteil zwar oft höher, aber selten über 20 Prozent der Erlöse. Derzeit kalkuliert der BVB mit Einnahmeverlusten von etwa drei Millionen Euro pro Heimspiel ohne Zuschauer.

Rohlmann verweist auf Zahlen der Deutschen Fußball-Liga (DFL), wenn er die größere Unabhängigkeit von Heimspiel-Einnahmen (Ticketverkauf, Hospitality, Gastronomie) anführt. Diese schlagen bei einem durchschnittlichen Bundesligisten mit 12,9 Prozent zu Buche, während sie bei Zweitligavereinen (16,8 Prozent) und Drittligisten (21 Prozent) höher ausfallen. Sein Schluss daraus: „Je höher die Spielklasse, desto weniger ist der Posten Heimspiel-Zuschauer wichtig für die Gesamteinnahmen. Diesen Vereinen wird mehr oder weniger nichts passieren.“

Die zunehmende Kommerzialisierung in vielen anderen Bereich fange vieles auf. Für ihn ist das Fluch und Segen zugleich: „Ich komme vom Marketing, aber es kann nicht darum gehen, den letzten Grashalm und das Toilettenhäuschen zu vermarkten. Ich plädiere immer für eine zurückhaltende Preispolitik, weil jeder Fan mit den Artikeln als Botschafter des Clubs herumläuft. Merchandising sollte nur kostendeckend arbeiten.“

Vertreter fast aller Fußballvereine plädieren dafür, die Saison in Form von Geisterspielen zu Ende zu führen. Der Sky-Kunde wird sich vielleicht freuen, der typische Stadionbesucher schaut in die Röhre. Was sagt der Marketingexperte zu diesem Ansinnen?

 

Rohlmann: Kein Fan will das sehen. Aber den Vereinen geht es um ihre Anspruchsberechtigung. Bei Nichtleistungserfüllung des Fernsehvertrages fließt kein Geld. Ich halte es auch für besser, wenn gespielt und der Meister auf dem Platz ermittelt wird, aber die Ärzte sollten das letzte Wort haben.

Rohlmann schätzt die Lage so ein, dass die meisten Erstligaclubs weniger Probleme haben. Schlimmer sei es europaweit in den zweiten Ligen, wobei die 2. Bundesliga im internationalen Vergleich noch zu den gut ausgestatteten Ligen gehört. In seinem aktuellen Merchandising-Newsletter geht der Marketingexperte davon aus, dass mit absteigender Spielklasse die Abhängigkeit von den Spieltageseinnahmen zunimmt.

Wie stark sind insofern Oberligavereine wie z.  B. der FCE Rheine von der unbefristeten Fußballpause betroffen?

Rohlmann: Die Vereine kämpfen mit der Situation, dass sie jetzt keine Einnahmen haben. Selbst wenn wir unterstellen, dass nicht alle Sponsoren ihre Zuschüsse zurückfordern, kann ich nur appellieren, sich darüber Gedanken zu machen, wie man in diesen Zeiten Einnahmen generieren kann. Der FCE könnte über seine Homepage und andere soziale Kanäle schon jetzt mit Rabatt Dauerkarten für die neue Saison anbieten, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Oder man bietet über die Homepage Schmuckzertifikate in etwa mit dem Wortlaut an: „Ich habe in der schwierigsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg den Verein XY gerettet“.Rohlmann nennt das Beispiel St. Pauli, der Ende der Saison 2002/03 an der Klippe zur Insolvenz stand. Dank der breit angelegten „Retter-Kampagne“ habe der Kiezclub Fans mobilisiert, die sonst vielleicht nie mit dem FC St. Pauli in Kontakt gekommen wären. Seinen Berechnungen nach könnte der europäische Profifußball unter Berücksichtigung der Maximalverluste in den fünf Top-Ligen bis an die fünf Milliarden Euro Verlust verbuchen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7352455?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F35344%2F
Nachrichten-Ticker