Fußball: Diskussion um neue Regelauslegung / DFB will mehr Respekt für die Schiedsrichter
„Vielleicht geht es nur mit Strenge?“

Tecklenburger Land -

Die gelb-rote Karte für den Gladbacher Alessane Plea im Spiel gegen TB Leipzig hat heftige Diskussionen ausgelöst. Wir haben uns mal bei ein paar Schiedsrichtern im Tecklenburger Land umgehört.

Mittwoch, 05.02.2020, 18:36 Uhr aktualisiert: 06.02.2020, 18:50 Uhr
Schiedsrichter Tobias Stieler erteilt Mönchengladbachs Alassane Plea (M) die Gelb-Rote Karte, Leipzigs Christopher Nkunku (l) steht daneben. Plea musste vom Platz, weil er zu viel meckerte. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa -
Schiedsrichter Tobias Stieler erteilt Mönchengladbachs Alassane Plea (M) die Gelb-Rote Karte, Leipzigs Christopher Nkunku (l) steht daneben. Plea musste vom Platz, weil er zu viel meckerte. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa - Foto: Robert Michael

Den Fußball-Fans dürften die Szenen am vergangenen Wochenende noch allgegenwärtig sein. Der Gladbacher Bundesliga-Profi Alessane Plea handelt sich durch eine vermeintlich abfällige Handbewegung die gelb-rote Karte ein. Ähnlich ergeht es dem Bremer Kapitän Niklas Moisander, der wegen Reklamierens die Ampelkarte sieht. Heftige Diskussionen folgen mit dem Ergebnis, dass beide Platzverweise in der Hinrunde wohl nicht verhängt worden wären. Grund ist die strengere Regelauslegung, die der Deutsche Fußball-Bund ( DFB ) den Schiedsrichtern in der Winterpause aufoktroyiert hat. Demnach sollen die Referees Unsportlichkeiten konsequent ahnden. „Das wird für mich auch höchste Zeit“, stellt der langjährige Schiedsrichter Bernward Pinke aus Laggenbeck klar.

Hintergrund der strengeren Regelauslegung sind Vorkommnisse in den unteren Ligen, in denen Schiedsrichter oft wie Freiwild behandelt wurden und der Respekt gegenüber dem Unparteiischen fast gar nicht mehr gegeben ist. „Was passiert denn, wenn bald keiner mehr Schiedsrichter sein will“, fährt Pinke fort. „Dann können wir den Laden dichtmachen“.

Für Rudelbildung habe ich kein Verständnis.

Leopold Klaus

Spieler und Trainer sind indes mit der neuen konsequenten Vorgehensweise der Referees nicht einverstanden. Vor allem Gladbachs Trainer Marco Rose und Schalke-Coach David Wagner können die Entscheidung nicht nachvollziehen. „Ich blicke den Zusammenhang nicht zwischen dem, was im Amateurfußball passiert, was absolut zu verurteilen ist, und dem, wie sich die Spieler in der Bundesliga verhalten“, erklärte Wagner gegenüber dem Sportmagazin Kicker. „Ich glaube auch nicht, dass es runterzubrechen ist, wenn ein Spieler für eine – in seinen Augen – Fehlentscheidung die Arme hebt, mal abwinkt oder sich aufregt.“ Entsprechende Jagdszenen gebe es in der Bundesliga nicht. Deshalb müsste man nicht „irgendeiner Vorbildfunktion gerecht werden“.

Dann können wir den Laden dichtmachen.

Bernward Pinke

Doch genau diese Vorbildfunktion schreibt der DFB den Profis zu und fährt deshalb jetzt auch in der Bundesliga die Linie, die die UEFA schon lange vorschreibt. Einen Fehler von Schiedsrichter Tobias Stieler, der Plea die Ampelkarte gezeigt hat, kann Florian Visse nicht erkennen. Der ranghöchste Referee des Tecklenburger Landes, der Spiele bis zur Regionalliga pfeift und als Assistent in der 3. Bundesliga aktiv ist, sagt, dass Fingerspitzengefühl wichtig sei, erklärt aber auch, „dass viel zu häufig Entscheidungen angezweifelt werden“. Der Respekt gegenüber dem Unparteiischen sei nicht gegeben. Um für mehr Akzeptanz zu sorgen, geht er einen Schritt weiter: „Es klingt drastisch, aber es scheint nur mit Strenge zu gehen.“

Es muss gegenseitiger Respekt her.

Florian Visse

Dass er mit dieser Einschätzung gar nicht so sehr daneben liegt, zeigt ein Blick auf andere Sportarten wie Basketball oder Handball. Hier ist der Respekt vor den Unparteiischen gegeben, Entscheidungen werden hingenommen, Lamentieren oder gar Rudelbildungen gibt es nicht.

„Im Handball ist alles schon lange ganz klar geregelt“, verdeutlich Leopold Klaus , der gemeinsam mit Timo Ortmeyer Spiele in der Frauen-Landesliga und Männer-Bezirksliga sowie A-Jugend-Oberliga pfeift. „Das haben die Spieler kapiert und halten sich an die Vorgaben. Für Rudelbildungen habe ich überhaupt kein Verständnis. Emotionen gibt es im Handball auch. Da wird der Pfiff dennoch akzeptiert und der Ball sofort auf den Boden gelegt, damit das Spiel weitergehen kann.“ Der Schiedsrichter der ISV schränkt ein, dass eine Fehlentscheidung im Fußball ein ganzes Spiel entscheiden könne. Das sei im Handball nicht unbedingt so. Dennoch müsse der Respekt da sein, der sich im Lauf der Zeit durch eine strenge Regelauslegung entwickelt habe. „Dass die Schiedsrichter im Handball hart durchgreifen, hat sich bewährt“, ist Leopold Klaus überzeugt.

Florian Visse sieht es genauso. Er meint, dass Schiedsrichter und Spieler nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten sollen und können. „Durch die Ampelkarte gegen Plea wollte Stieler ja kein Exempel statuieren, er hat nur die Vorgaben umgesetzt. Dennoch greift jeder den Schiedsrichter an. Keiner hinterfragt, warum sich Plea zu der abfälligen Handbewegung hat hinreißen lassen. Es geht nicht darum, die Emotionalität aus dem Fußball herauszunehmen, sondern gegenseitigen Respekt zu erzeugen.“

Auch Pinke nimmt Stieler in Schutz. „Ich kann nur sagen, endlich gibt es diese strenge Regelauslegung“, erklärt der Referee, der einst Spiele bis zur Verbandsliga geleitet hat. „Ich habe schon seit Jahren so gehandelt, wie es Stieler jetzt getan hat. Es wird sicher Zeit brauchen, bis das jeder akzeptiert hat. Im Basketball und Handball funktioniert es aber auch. Wichtig ist jedoch, dass von oben bis unten durchgehend gleich gepfiffen wird, die Handhabung die gleiche ist. Wenn in der Bundesliga streng, aber in der Kreisliga lax gepfiffen wird, wird es immer Probleme geben.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7241345?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F35349%2F
Nachrichten-Ticker