Fußball: Regionalliga
Lotte in Oberhausen - zwischen Tränen und Triumphen

Lotte -

Es ist schon ein ganz besonderer Verein, bei dem die Sportfreunde Lotte am Freitagabend ein weiteres Auswärtsspiel bestreiten: Rot-Weiß Oberhausen hat im Niederrheinstadion das gesamte Spektrum des Fußballs erlebt - Triumphe und Tragödien, Auf- und Abstiege. Es ist ein Verein mit einer bewegten und bewegenden Vergangenheit.

Mittwoch, 19.02.2020, 20:44 Uhr aktualisiert: 20.02.2020, 17:27 Uhr
Oberhausener Fußball-Geschichten (von oben li., im Uhrzeigersinn: Nico Neidhart schießt die Sportfreunde Lotte am 30. April 2016 gegen RWO zur Meisterschaft, der heutige Tecklenburger Trainer Julian Lüttmann befördert Oberhausen mit seinem Treffer zum 2:0 am 31. Mai 2008 bei Union Berlin in die 2. Liga, der ehemalige Osnabrücker Publikumsliebling Willi Mumme am 5. Juni 1972 nach seinem Wechsel vom VfL zu RWO und Trainer Alfred „Adi“ Preißler mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Torjäger Lothar Kobluhn.
Oberhausener Fußball-Geschichten (von oben li., im Uhrzeigersinn: Nico Neidhart schießt die Sportfreunde Lotte am 30. April 2016 gegen RWO zur Meisterschaft, der heutige Tecklenburger Trainer Julian Lüttmann befördert Oberhausen mit seinem Treffer zum 2:0 am 31. Mai 2008 bei Union Berlin in die 2. Liga, der ehemalige Osnabrücker Publikumsliebling Willi Mumme am 5. Juni 1972 nach seinem Wechsel vom VfL zu RWO und Trainer Alfred „Adi“ Preißler mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Torjäger Lothar Kobluhn. Foto: Imago images

Fußball-Kultur im Schatten von Hochöfen, mit Bratwurst und Bier, Triumphen und Tränen – wenn die Sportfreunde Lotte am Freitag ab 19.30 Uhr zum Punktspiel der Regionalliga West bei Rot-Weiß Oberhausen antreten, dann ist es zugleich ein Gastspiel in einem der traditionsreichsten Fußballstadien Nordrhein-Westfalens. Das 1926 erbaute Niederrheinstadion lieferte als Heimspielstätte der Rot-Weißen Geschichten grandioser Aufstiege, aber auch existenzbedrohender Niedergänge. Als die Oberhausener im Juni 1969 den Sprung in die Bundesliga geschafft hatten, spielten die Sportfreunde noch in der Bezirksklasse. Es ist wohl eines der krassesten Beispiele, wie sich Hierarchien im Fußball verändern.

Freilich haben die Sportfreunde anderes zu tun, als sich mit der älteren Geschichte des Traditionsvereins zu beschäftigen. Ihnen wird ein Blick in die Bilanz der jüngsten Vergangenheit reichen, zumal die Vergleiche in nunmehr fünfjähriger gemeinsamer Liga-Zugehörigkeit für den heimischen Club sprechen.

Bemerkenswert ist, dass es in den neun Spielen zwischen den Sportfreunden und Rot-Weiß kein Unentschieden gab. Fünf Spiele gewann Lotte, vier Oberhausen – bei einem Torverhältnis von insgesamt 12:7 für Lotte. Schon zwei Mal, in den Spielzeiten 2013/14 und 2014/15, entführte der TE-Club drei Punkte aus dem Niederrheinstadion.

Der Erfolg, der jedoch am ehesten dazu taugt, zumindest vereinsintern in die Geschichte einzugehen, gelang den Sportfreunden am 30. April 2016. Damals schoss Nico Neidhart das Team von Trainer Ismail Atalan zu einem 1:0-Sieg bei den „Kleeblättern“, womit sich Lotte vorzeitig die Meisterschaft sicherte und wenige Wochen später in die 3. Liga aufstieg.

Der zehnte Vergleich findet am Freitag unter veränderten Vorzeichen statt. Die Sportfreunde reisen als Tabellenneunter an und richten den Blick in erster Linie auf den Klassenerhalt.

RW Oberhausen verharrt nach dem Abstieg aus der 3. Liga im Jahr 2012 in der Regionalliga West und wird es nach der jüngst erlittenen 0:1-Niederlage bei RW Essen wohl auch in diesem Jahr nicht schaffen, in die Drittklassigkeit zurückzukehren.

Dabei lechzen die Fußballfans aus der Großstadt im Herzen des Ruhrpotts nach hochklassigem Fußball. Den letzten großen Triumph feierten sie am 31. Mai 2008. Damals landete Rot-Weiß Oberhausen mit dem 3:0-Erfolg bei Union Berlin einen geradezu sensationellen Coup, der ihnen den Aufstieg in die 2. Liga bescherte. Maßgeblichen Anteil hatte Julian Lüttmann. Der heutige (Spieler-)Trainer des A-Liga-Spitzenreiters TuS Graf Kobbo Tecklenburg traf in der „Alten Försterei“ zum zwischenzeitlichen 2:0 und löste damit kollektiven Jubel unter den RWO-Fans aus. Drei Spielzeiten hielten sich die Oberhausener in Liga zwei, ehe sie binnen eines Jahres in die Regionalliga durchgereicht wurden.

Ältere Fans werden sich aber auch an die größte Zeit der „Kleeblätter“ erinnern. Die begann im heißen Sommer des Jahres 1969. Damals wurden die Aufsteiger zur Bundesliga noch in einer Aufstiegsrunde ermittelt, an die Meister und Vizemeister der Regionalliga-Staffeln Nord, West, Berlin, Südwest und Süd, aufgeteilt in zwei Staffeln, teilnahmen.

RW-Oberhausen hatte es in seiner Gruppe mit dem SV Alsenborn, dem VfB Lübeck, dem FC Freiburg (wohlgemerkt: FC, nicht SC) und Hertha Zehlendorf zu tun. Nur aufgrund des besseren Torverhältnisses gegenüber dem FC Freiburg qualifizierten sich die Oberhausener für die Bundesliga, während in Staffel 2 der zweite West-Vertreter, RW Essen, das Rennen vor dem VfL Osnabrück machte.

Aufstiegsgarant beim Club von Oberhausens Trainer-Legende Alfred „Adi“ Preißler war damals Lothar Kob­luhn. Der schaffte es im zweiten Jahr der Oberhausener Bundesliga-Zugehörigkeit sogar, dem „Bomber der Nation“, Gerd Müller vom FC Bayern, den Rang abzulaufen, weil er in der Saison 1970/71 24 Tore und damit mehr als der Münchener erzielt hatte. Erstaunlich war das auch deshalb, weil Kob­luhn kein Stürmer, sondern Mittelfeldspieler war.

Die vom Sportmagazin „kicker“ traditionell verliehene „Torjägerkanone“ wurde Kob­luhn jedoch nicht überreicht, weil die Oberhausener 1970/71 in den „Bundesliga-Skandal“ verwickelt waren. Dass ihm die Trophäe nicht übergeben wurde, habe ihn „genervt“, wie er 2010 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte: „Ich habe mir gesagt: Die können sich ihre Kanone sonstwo reinschieben. Ich habe das als schreiende Ungerechtigkeit empfunden. Ich wurde für Schiebereien bestraft, mit denen ich überhaupt nichts zu tun hatte.“ Erst zu seinem 65igsten Geburtstag im Jahr 2008 wurde ihm die „Torjägerkanone“ von einem Redakteur des „kicker“ ausgehändigt – nach 36 Jahren.

Lothar Kobluhn starb im Alter von 75 Jahren im Januar vergangenen Jahres. Er wird es nicht mehr mitbekommen, ob seine Rot-Weißen irgendwann noch einmal die Kurve kriegen und an alte, erfolgreiche Zeiten anknüpfen werden.

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