Fußball: Schiedsrichter in Sorge
Referee wird 20 Kilometer mit dem Auto verfolgt

Münsterland -

Anfeindungen im Netz, Pöbeleien oder sogar physische Attacken auf dem Platz: Die Referees haben in diesen Tagen wenig zu lachen. Nur der Altkreis Lüdinghausen ist – noch – eine Oase für die Unparteiischen.

Freitag, 08.11.2019, 19:18 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 19:20 Uhr
Rote Karten nebst Rudelbildung gibt es nicht nur im Profifußball. Auch auf den hiesigen Amateurplätzen nehme die Zahl der Verfehlungen zu, wie Paulo Goncalves (kl. Bild) bestätigt.
Rote Karten nebst Rudelbildung gibt es nicht nur im Profifußball. Auch auf den hiesigen Amateurplätzen nehme die Zahl der Verfehlungen zu, wie Paulo Goncalves (kl. Bild) bestätigt. Foto: dpa/red

Die Gewalt gegen Schiedsrichter hat in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen. Der jüngste Vorfall – ein 22-jähriger Referee aus Hessen wurde in einer C-Liga-Partie von einem Spieler bewusstlos geschlagen – brachte das Thema wieder in die Öffentlichkeit. Auch im Fußballkreis Münster/Warendorf sind derlei Verfehlungen ein Thema. Hier drei Beispiele:

Vorfall eins: Ein Unparteiischer bekam von einem Spieler die Faust nach einer Entscheidung gegen den Betreffenden ins Gesicht.

Vorfall zwei: Nach einer Partie in Münster fuhr ein Schiedsrichter aus Warendorf mit dem Auto nach Hause und wurde von einem Spieler, der ihm auf dem Platz bereits gedroht hatte, über 20 Kilometer lang verfolgt. Er versteckte sich mit dem Pkw in einer Einfahrt.

V orfall drei: Per Telefon wurde ein Schiedsrichter bedroht – über mehr als eine Woche mehrfach täglich. Für den Unparteiischen war es eine psychisch mehr als nur belastende Situation.

Hagemann : „Sind sensibilisiert“

„Die Kontaktaufnahme von Spielern zu Schiedsrichtern im persönlichen Bereich nimmt zu“, bestätigt der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses, Philipp Hagemann, „ob per Telefon oder in den sozialen Netzwerken.“ Dort würden die Männer an der Pfeife immer wieder angeschrieben und beleidigt.

„Wir sind sensibilisiert“, so Hagemann. Mit Kriminalkommissar Reinhard Zumdick – selbst lange als Fußballer und Trainer aktiv – wird im Bereich Gewaltprävention und Konfliktmanagement eine entsprechende Fortbildung für Referees erarbeitet, die noch in diesem Jahr beginnen soll.

Verfehlungen auch im Kreis Ahaus/Coesfeld

Die Aussagen vom Kollegen im Kreis Münster/ Warendorf kann Paulo Goncalves, Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses (KSA) Ahaus/Coesfeld, nur bestätigen – „leider. Das sieht man schon an der Zahl der Verfahren. 2018/19 waren es 34 in der ganzen Saison, jetzt sind wir schon bei Aktenzeichen 30.“Jüngstes aufsehenerregendes Urteil: Ein Schöppinger Spieler, der einen erst 15-jährigen Spielleiter vor die Brust gestoßen hatte, erhielt eine zehnmonatige Sperre. B-Ligist RW Nienborg wurde derweil von der Verbandskammer zu einer Strafe von 1250 Euro verdonnert, weil RW-Fans Spieler der SG Gronau übel beleidigt hatten – laut Goncalves ein echtes Problem: „Spieler und Trainer können wir mit persönlichen Strafen belegen. Bei rassistischen oder sexistischen Entgleisungen der Zuschauer, die immer mehr zunehmen, fehlt uns die Handhabe vor Ort.“ Interessant: „Die schlimmsten Verfehlungen – sei es auf dem Feld, sei es am Rand – haben sich zuletzt im Nordkreis abgespielt.“ Wieso es im Altkreis Lüdinghausen vergleichsweise friedlich zugeht, kann sich der KSA-Chef kaum erklären.Eine Zahl, die Goncalves umtreibt: 80 von 300 Referees im Kreis hätten binnen 16 Monaten ihr Amt aufgegeben – „nicht nur, aber auch wegen der zunehmenden Anfeindungen. Und wie soll ich junge Leute überreden, zur Pfeife zu greifen, wenn sie lesen, dass andernorts Unparteiische bewusstlos geschlagen werden?“ Unmittelbare Folge: Den jüngsten Anwärterlehrgang musste der KSA-Vorsitzende mangels Interesse abblasen. (flo)

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