Badminton: Coronavirus
Wuhan weit weg? Kai Schäfer und Co. direkt betroffen

Lüdinghausen -

Infiziert mit dem Coronavirus wurde, nach allem, was man weiß, noch kein Spieler. Trotzdem hat die todbringende Krankheit längst die Sportart erreicht – mit gravierenden Folgen auch für die Akteure des Bundesligisten Union Lüdinghausen.

Montag, 24.02.2020, 17:37 Uhr aktualisiert: 25.02.2020, 11:48 Uhr
Mundschutz beim Badminton? So weit ist es in Mitteleuropa noch nicht. Trotzdem beschäftigt der Erreger auch hiesige Sportler.
Mundschutz beim Badminton? So weit ist es in Mitteleuropa noch nicht. Trotzdem beschäftigt der Erreger auch hiesige Sportler. Foto: dpa

Die Chinesen sind da. „Irgendwo in England“ sollen sie sich aufhalten, hat Martin Kranitz , Sportdirektor des Deutschen Badminton-Verbandes, mitbekommen. Noch strenger abgeschirmt als üblich. Schließlich befinden sich die Nationalspieler, die samt und sonders zu den Besten der Welt zählen, in Quarantäne. Stichwort Coronavirus. 14 Tage Kontaktsperre. Klingt dramatisch, ist aber im Grunde eine gute Nachricht. Denn nur so wird vermieden, dass die entscheidende Phase der Olympia-Quali vollends zur Farce gerät.

Eigentlich müssten die Asse aus dem Reich der Mitte nicht irgendwo in England sein, sondern in Lingshui, wo am heutigen Dienstag die China Masters hätten beginnen sollen. Doch das Turnier – mit Blick auf Tokio 2020 eines der wichtigsten überhaupt – wurde aus den naheliegenden Gründen abgesagt. Auch das Finale der Asienmeisterschaft im April in, ausgerechnet, Wuhan (von wo aus sich das Virus verbreitete) steht auf der Kippe.

Wettbewerbsverzerrung droht

Kranitz hatte kürzlich gegenüber der dpa einen Qualifikationsstopp ins Spiel gebracht: „Fallen die Chinesen über einen längeren Zeitraum aus, droht eine arge Wettbewerbsverzerrung.“ Dass, ganz aktuell, auch Südkorea betroffen sei, mache die Sache nicht besser.

Jeder Kontinent entsendet eine bestimmte Anzahl an Spielern nach Tokio. So gesehen wäre es für Kai Schäfer nicht von Belang, was gerade in Asien passiert. Ist es aber doch: Weil vergangene Woche reihenweise Spieler aus Fernost aufgrund der Reisebeschränkungen ihre Teilnahme an den Spain Masters abgesagt hatten, rutschte die Lüdinghauser Nummer eins automatisch ins Hauptfeld – und machte im „Race to Tokyo“ vorentscheidenden Boden gut.

Juristisches Nachspiel?

Schön für Schäfer? Nun ja. Klar gilt für den 26-Jährige dasselbe wie für jeden anderen Spitzensportler auf der Welt: Olympia sei das Größte. Nur wäre es ihm lieber, „wenn darüber ausschließlich die Leistungen auf dem Court entscheiden“. Kranitz befürchtet derweil, „dass das Thema die Justiz beschäftigen könnte. Dass jemand klagt, weil er die Norm für Tokio wegen der besonderen Umstände knapp verpasst.“

Immerhin: Weil die Chinesen rechtzeitig ausgereist sind, dürfen sie sowohl an den All England – einem der prestigeträchtigsten Wettbewerbe im Badminton weltweit – als auch kommende Woche an den German Open teilnehmen. Ein Hauch von Normalität. Ebenfalls in Mülheim am Start: die Unionisten Schäfer, Linda Efler, Jelle Maas, Iris Wang und Yvonne Li.

Letztere ist, herkunftsbedingt, „doppelt betroffen“. Die Familie der Deutschen Meisterin ist einst aus China emigriert. Der Virus und seine Folgen: Am Bundesstützpunkt und auf Turnieren sei das inzwischen „ein Dauerthema“. Zum Glück werde sie aufgrund ihres Aussehens nicht in Sippenhaft genommen: „Den Handschlag hat mir bislang noch keine Gegnerin verweigert.“

Weltverband in der Zwickmühle

Kai Schäfer zählt im europäischen Badminton-Verband zu den Athletensprechern. In diesen Tagen, in denen ein Virus eine ganze Sportart lahmzulegen droht (siehe oben), ist der Lüdinghauser ein gefragter Mann. Aber auch zu anderen Themen bezieht der 26-Jährige dezidiert Stellung.

Ehe er in die Kommission berufen wurde, sei er mit den üblichen Vorurteilen konfrontiert worden: „Anzugträger, die von unserem Sport wenig Ahnung haben.“ Das Gegenteil sei der Fall: „Die haben fast alle selbst auf höchstem Niveau gespielt.“ Schäfer fühlt sich im Verband als Aktiver gut aufgehoben: „Auch wenn man besser nicht darüber nachdenkt, dass, während man in der Ukraine an einem Turnier teilnimmt, 100 Kilometer entfernt Krieg herrscht.“

Ob der Weltverband BWF auch so fürsorglich mit den Athleten umgehe? „Gute Frage“, sagt Schäfer. Er hätte erst kürzlich an einem Challenge-Wettbewerb im Iran an den Start gehen sollen. Punkte sammeln auf dem Weg nach Tokio. Er ist dann doch besser in Deutschland geblieben. Abgesehen davon, dass man ja eher ungern in ein Land reist, in dem soeben versehentlich ein Passagierflugzeug abgeschossen wurde: „Schwierig“ findet der Unionist zudem, „dass dort kein Mixed auf dem Programm stand, da Männer und Frauen aus religiösen Gründen nicht gemeinsam Sport treiben dürfen.“

Oder die Hongkong Open, an denen Unionistin Linda Efler teilnahm: Hohes Preisgeld, viele Weltranglistenpunkte. Aber eben auch: Menschen, die auf der Straße sterben, weil sie für ein bisschen Demokratie demon­strieren. Die BWF-Verantwortlichen seien da in einer Art Zwickmühle, weiß Schäfer: „Sie wollen natürlich, dass Badminton überall auf der Welt präsent ist.“ Auch in Krisenregionen? „Letztlich muss jeder Spieler, in Absprache mit Trainern und nationalen Funktionären, selbst entscheiden, ob er da mitmacht oder nicht.“

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