Frauenfußball: Interview
„Ich bin da halbwegs entspannt“ – Behmenburg über Jubiläum und Corona

Seppenrade -

50 Jahre Frauenfußball: eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Zumal im Kreis Ahaus/Coesfeld, nirgendwo im Verbandsgebiet kicken mehr Damen und Mädchen. Feierstimmung kommt bei Christel Behmenburg (Fortuna Seppenrade) trotzdem nur bedingt auf. Aus Gründen.

Freitag, 06.11.2020, 18:12 Uhr
Fördert seit vielen Jahren – auf Vereins- wie auf Kreisebene – den weiblichen Nachwuchs: Christel Behmenburg.
Fördert seit vielen Jahren – auf Vereins- wie auf Kreisebene – den weiblichen Nachwuchs: Christel Behmenburg. Foto: flo

41 Damen-Teams, 83 Juniorinnen-Mannschaften: Damit ist der Kreis Ahaus/Coesfeld (K 1) westfalenweit auf Platz eins. Eine, die seit vielen Jahren den Frauen- und Mädchenfußball auf lokaler Ebene anschiebt, ist Christel Behmenburg . Unser Redaktionsmitglied Florian Levenig hat mit der Frau aus dem Rosendorf gesprochen.

 

Was machen Ihre Mitstreiter und Sie anders oder besser als die Nachbarkreise?

Behmenburg: Gute Frage. Ich denke, dass zum einen meine und unsere Vorgänger bereits hervorragende Arbeit geleistet haben. Zudem sind wir hier im ländlichen Raum, wo die Vereinsbindung noch eine größere Rolle spielt als in den Ballungsgebieten. Und: Frauenfußballs erfährt in den Gremien eine erfreuliche Akzeptanz – auch und gerade vonseiten der männlichen Kollegen.

Trotzdem fristen die Damen, selbst nach 50 Jahren, in manchen Vereinen weiter ein Schattendasein.

Behmenburg: Das mag man so sehen. Andererseits haben uns zu Beginn des Jubiläumsjahres auf Einladung des Verbandes Pionierinnen erzählt, wie das damals war, 1970. Was für ein Kampf das war, dass sie überhaupt spielen durften. Wie die Männer die Autos am Spielfeldrand geparkt und die Scheinwerfer angestellt haben, damit ihre Frauen abends beim Training was sehen. Insofern sind wir 2020 dann doch ein ganzes Stück weiter.

In der Wirtschaft kommt – in der Regel von Männern, die um Macht und Einfluss fürchten – oft der Vorwurf, Frauen scheuten davor zurück, Verantwortung zu übernehmen. Gibt es tatsächlich weniger Damen, die ein Funktionärsamt, eine Trainertätigkeit oder dergleichen anstreben?

Behmenburg: Ich denke nicht, dass sie die Verantwortung scheuen. Nur ist es häufig so, dass ihnen aufgrund ihres Jobs und privater Verpflichtungen schlicht die Zeit für ein solches Ehrenamt fehlt. Die hören, anders als die Männer, oft schon mit Mitte 20 auf – und kommen, wenn überhaupt, erst dann zurück, wenn die eigenen Kinder mit dem Kicken beginnen.

Dabei wäre die ausgleichende Art, die ihnen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft immer wieder bescheinigt wird, doch ein Segen für den Sport.

Behmenburg: Keine Frage. Frauen haben einen anderen Blickwinkel auf das Geschehen als Männer. Was ich nicht wertend meine. Beide ergänzen einander im Idealfall vortrefflich. Weshalb wir in Seppenrade versuchen, sämtlichen Jugendteams je eine Frau und einen Mann zur Seite zu stellen.

Sie sind im Vorstand des K 1 für die Kreis- und Vereinsentwicklung zuständig. Wird in den kommenden Jahren aufgrund des demografischen Wandels die Zahl der Spielgemeinschaften oder sogar Fusionen weiter steigen?

Behmenburg: Davon gehe ich aus, ich ermutige die Beteiligten sogar dazu. Ich weiß um die besondere Rivalität, die mancherorts zwischen den Klubs herrscht. Die gehört ja auch ein Stück weit dazu. Aber wenn das dazu führt, dass Altersklassen nicht mehr besetzt werden, dass Mädchen andernfalls ihr Hobby aufgeben müssten, dann führt an derlei Kooperationen kein Weg vorbei. Schon jetzt nimmt die Zahl der Neuner-Mannschaften alarmierend zu.

Zum Feiern ist Ihnen trotz des runden Geburtstags – Stichwort Corona – kaum zumute. Wie fatal ist es, dass der Trainings- und Spielbetrieb ruht? Dass es keine Hallenrunde für den Nachwuchs gibt. Es heißt ja, dass es – sportartübergreifend – viel schwerer sei, Mädchen bei der Stange zu halten als Jungs.

Behmenburg: Ich bin da halbwegs entspannt. Da wir an der frischen Luft sind, treffen uns die Schutzmaßnahmen weniger hart als die Hallensportler. Sollte die Zahl der Infizierten irgendwann sinken, wäre es relativ unproblematisch, den Betrieb hochzufahren. Auch ist mir kein Verein bekannt, bei dem es zuletzt reihenweise Abmeldungen gegeben hätte. Ein Problem gibt es aber.

Welches?

Behmenburg: Die Arbeit an den Stützpunkten – sowohl in den Kreisen als auch in Kaiserau – ist nahezu zum Erliegen gekommen. Es ist ja was anderes, ob ich mit dem Rad zum Platz komme oder viele Kilometer im Auto zurücklegen muss. Noch dazu, wenn man keine Fahrgemeinschaften bilden darf. Für unsere talentiertesten Spielerinnen ist es schon dramatisch, dass sie sich nicht mit den besten Gleichaltrigen messen können.

Schauen wir 50 Jahre voraus: Dass Männer wie Frauen im Profibereich dasselbe verdienen, dass Alexandra Popp so viele Instagram-Follower hat wie Neymar, dass die Stadien in der Frauen-Bundesliga ausverkauft sind: Vorstellbar?

Behmenburg: Nein, dazu ist der Männerfußball einfach zu übermächtig und wird es auf absehbare Zeit auch bleiben. Ich sehe das ja an mir selbst: Würden Sie mich nach bestimmten Nationalspielerinnen fragen, käme ich unter Umständen schon ins Schwitzen. Und den meisten Mädels geht es ähnlich: Die eifern eher Messi oder Ronaldo nach als einer erfolgreichen Berufsfußballerin.

Zur Person

Christel Behmenburg hat – wie sich das für eine gebürtige Gummersbacherin gehört – viele Jahre leistungsmäßig Handball gespielt. Das blieb auch nach dem Umzug ins Münsterland zunächst so. Fußball war für die heute 59-Jährige lange nurmehr ein Zeitvertreib – bis die Töchter irgendwann für den Nachwuchs des SV Fortuna Seppenrade die Stiefel schnürten (und später noch gemeinsam mit der Mama kickten). Trainerlizenzen und Fortbildungen ebneten den Weg in Richtung Funktionärslaufbahn. Seit 2019 gehört Behmenburg dem Vorstand des Kreises Ahaus/Coesfeld an, bei der Fortuna amtiert sie als Jugendgeschäftsführerin. (flo)

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