Lokalsport Münster
Durchgeboxt

Dienstag, 18.05.2010, 20:05 Uhr

Münster - Am Abschiedsabend ließ Gajo Wagner die Finger fliegen. Er, der Deutsche Meister der Junioren im Faustkampf, bot das Kontrastprogramm in Bad Blankenburg, dem Austragungsort der Titelkämpfe. Er spielte den Türkischen Marsch von Mozart auf dem Klavier. Ein gute Show, zumal der 16-Jährige so nebenbei erwähnte: „Ich kann keine Noten lesen, das Klavierspielen habe ich mir so beigebracht.“ Was?

Kaum zu glauben. Kaum zu glauben ist auch seine Story im Boxen zwischen Höhenflug und Talfahrt, zwischen rasantem Aufstieg und plötzlichem Fall und Comeback. Bei Telekom Post SV hat eines der größten deutschen Nachwuchstalente den Weg zum Sport zurückgefunden. Bundestrainer Hans Birka freut das, er hält große Stücke auf Gajo Wagner. Das tut Vereinstrainer Farid Vatanparast auch, aber er kennt nun mal die gesamte Geschichte. Sein Supertalent verspricht, die Lektionen gelernt zu haben, und: „Ich will bei der Jugend-Europameisterschaft eine Medaille. Und ich will mich in der Schule weiter verbessern.“

Farid Vatanparast hört zu und nickt ein wenig zustimmend mit dem Kopf. Kleine Gesten, die wichtig für den boxenden Schützling sind. „Seine Eltern stehen voll hinter ihm, wir hatten Anfang des Jahres ein ernsthaftes Gespräch. Seitdem ist er voll dabei. So muss er dranbleiben an der Sache. Aber wir stehen erst am Anfang.“

Am Dienstag verkündete nun der Boxverband, dass Wagner endgültig für die EM in der Ukraine (20. bis 27. Juni) nominiert ist. Vor zwei Jahren mit 14 Jahren deutete Wagner bei den Kadetten bereits seine Qualitäten an, gewann Bronze bei der DM, rückte in den D-Kader, wurde zu Lehrgängen und internationalen Turnieren eingeladen. Doch ein wenig stand er im Schatten von seinem Cousin Angelino Jörling, der es zur Deutschen Meisterschaft und EM-Bronze zur gleichen Zeit brachte. Doch dann, im vergangenen Jahr, nahm Vatanparast seinen Zögling Wagner aus dem Ring. Beide umschreiben es mit Disziplinlosigkeiten, parallel dazu hagelte es schlechte Noten für den Realschüler von der Geschwister-Scholl-Schule - bei Vatanparast bedeutete das Trainingsverbot, Ausschluss aus der Trainingsgemeinschaft bei Telekom, der DM-Startplatz war futsch. Erst Ende des Jahres wurde die Eiszeit beendet, Wagner tastete sich Stück für Stück heran, musste allerdings erst Sporen im allgemeinen Training zurückerlangen.

Erst als in der Schule eine Wende stattfand und im täglichen Übungsalltag Kontinuität einkehrte, nahm Vatanparast Wagner wieder voll auf. „Ich brauche die Schule als Absicherung, falls es mit dem Sports nichts wird“, klingt Wagner heute fast schon zu erwachsen, mit 1,90 Meter Körpergröße bei 70 kg Gewicht ist er es optisch sowieso schon. „Naja, er hat sich in der Schule verbessert, ein Wunschzeugnis sieht anders aus, aber wir arbeiten daran“, sieht Vatanparast die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Damit der Deutsche Meister bei der EM im Juli starten darf, muss er eine Reihe von Wochen-Lehrgängen im Mai und Juni bestreiten. Doch in der Realität dürfte nur eine Freistellung erfolgen, wenn die Noten passen. Er wird wohl noch mehr büffeln und das Training weiter intensivieren müssen. Wagner denkt sogar an mehr: „Wenn ich die Qualifikation in der Realschule schaffe, dann will auch das Abitur machen.“ Mathematik und Deutsch sind seine Lieblingsfächer.

Aber er will auch ein besserer Boxer werden, er, der auf Felix Sturm und den zurückgetretenen Prince Naseem Hamed steht. Ein bisschen Show, im Ring im Mittelpunkt stehen gefällt dem 16-Jährigen, es ist sein ganz persönlicher Stil, doch alles ist auch noch ausbaufähig. Wagner, der bei der DM alle drei Kämpfe in Windeseile gewann, möchte im nächsten Jahr die ältere Jugendklasse bei den nationalen Meisterschaften aufmischen und in der Oberliga für ein Team antreten. 2012 dürften die Olympischen Jugendspiele ein Ziel sein.

Und dann träumen Vatanparast und Wagner von 2016 und den Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro/ Brasilien. Mit 22 Jahren wäre Gajo Wagner im besten Alter für einen Amateurboxer. Er muss dafür auf dem eingeschlagenen Weg bleiben, dann hat er eine Chance. Ein kleine.

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