Lokalsport Münster
Reichsbahn als Preußen-Schreck

Freitag, 25.02.2011, 19:02 Uhr

Münster - Tono Hemesath hält einen roten Ordner in der Hand, der mit über 50 Jahren Fußballhistorie von Münster gefüllt ist. Jedes Bild auf diesen Seiten ist eine Geschichte, jeder Artikel eine Erinnerung. Hemesath zieht ein Foto aus einer Klarsichtfolie hervor, das eine Eisenbahnstrecke im Vordergrund und das Stadion von Partizan Belgrad am Horizont zeigt. Eisenbahn und Fußball - für Hemesath war das miteinander verknüpft, als er selber noch für den Reichsbahn SV Münster gegen den Ball trat, den Vorgänger des ESV. 1961 befand sich der Verein von der Siemensstraße fußballerisch in seiner Blütezeit, weil er damals in die höchste Amateurklasse aufstieg und kurz zuvor sogar die renommierte Oberliga-Mannschaft von Preußen Münster mit 2:0 aus dem DFB-Pokal warf. „Das war schon unser größter Erfolg“, erinnert sich der 75-Jährige gerne an die glorreichen Jahre, als der RSV mit talentierten Feierabendspielern von der Bezirksklasse in die Verbandsliga düste.

Hemesath spielte in der Mannschaft als Mittelläufer, was mit der Libero-Position zu vergleichen ist. 1958 stand er noch vor einer Unterschrift beim VfL Osnabrück, „doch nach einer Verletzung wurde ich wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen“. So zog es ihn zurück zu seinem Heimatverein RSV, wo er nach dem Krieg das Fußballspielen lernte und später einen Aufstieg im ICE-Tempo erlebte. „Dabei waren wir eine reine Amateurmannschaft.“ Pro Spiel wurden nur 14,50 Mark als Aufwandsentschädigung erlaubt „und nur selten gezahlt“. Die Fußballschuhe mussten noch aus der eigenen Brieftasche bezahlt werden, die meisten Spieler waren bei der Bundesbahn angestellt, trainiert wurde nur zweimal in der Woche. Aber die starke Jugendarbeit beförderte den Klub nach oben. So sorgten im Sturm alleine die jungen Pohlschmidt-Brüder Manfred, Bernhard und Helmut für reichlich Treffer. Manfred wurde später Torjäger beim Hamburger SV und Schalke 04, Berni spielte sich in die Herzen der Preußen-Fans.

Mit so viel Qualität in den Reihen gelang dem Außenseiter von der Siemensstraße auch die Pokalsensation gegen den großen Nachbarn von der Hammer Straße. „Wir hatten damals schon ein Freundschaftsspiel gegen die Preußen 4:2 gewonnen“, lächelt Hemesath, der später für die alten Herren der Adlerträger noch über 400 Spiele bestritt. „Die haben uns damals wütend als Holzer beleidigt und uns beim Wiedersehen sechs Gegentreffer angedroht.“ Kurz darauf führte die Auslosung beide Mannschaften wieder zusammen. Doch der Underdog behielt nach Toren von Manfred und Berni Pohlschmidt vor 4000 Zuschauern erneut die Oberhand. Das veranlasste auch den „kicker“ zu einer Geschichte über das junge Überraschungsteam. „Uns scheint, im münsterischen Fußball ist man sich der Spielstärke der Reichsbahnmannschaft vor diesem großartigen Sieg gar nicht bewusst gewesen“, schrieb das Fachmagazin.

Einige Monate nach diesem Triumph gelang der Aufstieg in die Verbandsliga. Das entscheidende Spiel in Rheine war hart umkämpft, weil der Stammkeeper erst gar nicht antreten wollte. „Wir haben dann aber mit der Mannschaft in einer 10:0-Abstimmung in der Kabine entschieden, dass wir mit unserem zweiten Torwart spielen.“ Der Ersatzmann flog zwar nach einigen Minuten an einer Flanke zum Rückstand vorbei, am Ende feierte Reichsbahn aber mit einem 3:1-Sieg den nächsten umjubelten Erfolg.

Nach dem ersten Jahr in der Verbandsliga, wo die junge Garde aus Münster noch in der Spitzengruppe mitmischte, begann aber der Absturz. „Leider waren wir ein reiner Betriebssportverein. Der Verein wollte nicht die Lizenz für die 2. Bundesliga beantragen“, bedauert Hemesath. So wechselten Manfred und Bernhard Pohlschmidt zu den Preußen. Die Erfolgsfahrt des RSV war vorbei.

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