Sexuelle Gewalt in Sportvereinen
Saxonia Münster geht gegen die dunklen Seiten des Sports vor

Münster -

Anfangs war es ihr gar nicht so unangenehm, dass der Trainer oft nahe bei ihr stand. Sie empfand das als eine Art Wertschätzung. Erste flüchtige Berührungen nahm sie kommentarlos hin. Empfindlich sind Fußballerinnen nicht. Erst als sie die Hand des Trainers auf dem Po spürte, schreckte sie auf. „Heute bist du aber richtig zickig“, herrschte sie der Coach an. Und stand nach dem Training plötzlich in der Kabine. Sie hatte getrödelt beim Umziehen und war jetzt mit ihm alleine. – Dieses Szenario ist ausgedacht – aber leider keine Utopie. Saxonia Münster hat sich dem Thema „sexuelle Gewalt“ genähert und einen Maßnahmenkatalog entwickelt.

Freitag, 13.09.2013, 10:31 Uhr aktualisiert: 13.09.2013, 19:18 Uhr
Sexualisierte Gewalt im Fußball
Symbolbild: Das Vertrauensverhältnis von Jugendtrainern zu ihren Schützlingen birgt ein Risiko. Pädophile suchen sich ihre Opfer oft strategisch aus. Foto: Wilfried Gerharz

Vor zwei Jahren sah sich der TuS Saxonia Münster mit einem konkreten Fall von sexueller Belästigung konfrontiert. Es gab Vorwürfe gegen ein Vereinsmitglied. „Die beschuldigte Person hat sich einer Besprechung des Falls komplett verweigert“, erinnert sich die Vereinsvorsitzende Monika Urkötter .

Die Führungsriege beschloss nach ausführlichem Abwägen, die in Verdacht geratene Person mit Vereinsausschluss und einem Betretungsverbot der Platzanlage zu belegen. Monika Urkötter, die als Fachleiterin im Sozialwerk St. Georg auch als Präventionsbeauftragte in der Behindertenhilfe arbeitet, und ihr Team beließen es nicht dabei. „Wir mussten uns der Frage stellen, wie wir künftig miteinander umgehen, um solche Vorfälle erst gar nicht entstehen zu lassen.“ Inzwischen liegt ein Präventionskonzept zum Thema „Sexualisierte Gewalt“ vor, das die Mitgliederversammlung beschlossen hat und in einem mehrstufigen Prozess zur Umsetzung kommen wird. Der westfälische Verband hat in seiner Aktion „Zukunftspreis 2012“ bereits den Weg zum Ziel als preiswürdig erachtet.

Das Projekt steuern bei Saxonia (von links) Darren Wünneman aus der Jugendabteilung, die Präventionsbeauftragte Josefine Paul und die Vorsitzende Monika Urkötter.

Das Projekt steuern bei Saxonia (von links) Darren Wünneman aus der Jugendabteilung, die Präventionsbeauftragte Josefine Paul und die Vorsitzende Monika Urkötter. Foto: Thomas Austermann

Der TuS Saxonia berief Josefine Paul , Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/ Die Grünen , zur ersten Präventionsbeauftragten. Die jahrelang als Fußballerin aktive Politikerin bringt den gewünschten Blick von außen ins Thema und entlastet zugleich die Ehrenamtlichen, die schon im Vereinsalltag an ihre Grenzen stoßen. Ihr großes Netzwerk kann der Klub nutzen.

Infos zum Thema sexualisierte Gewalt

In der Kampagne „Schweigen schützt die Falschen“ bietet der Landessportbund NRW eine CD an, die Infos zum Thema „Sexualisierte Gewalt im Sport“ kompakt bündelt.Ein „Handlungsleitfaden zur Prävention und Intervention“ steht als PDF zum Herunterladen auf der Internetseite parat. Diese Informationen richten sich in erster Linie an die Verantwortlichen in Sportvereinen. Der Leitfaden will über die besondere Problematik bei einem Verdachtsfall aufklären. Und informiert über Vorgehensweisen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen.In dem zehn Punkte umfassenden „Aktionsprogramm“ aus dem Juni 2011 schreibt sich der LSB selbst seine Ziele fest.Weitere Infos (Ansprechpartner, erweitertes Führungszeugnis, Ehrenkodex) sind auf der Internetseite des Landessportbundes NRW erreichbar über diesen Link: http://www.lsb-nrw.de/fuer-vereine/sport-sexualisierte-gewalt/

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„Uns war klar, dass wir das Thema „Sexualisierte Gewalt“ enttabuisieren und im Verein erst einmal besprechbar machen mussten“, geht Monika Urkötter realistisch auf den neuen Weg. „Wirksamer Schutz und nachhaltige Präventionsarbeit können nur gelingen, wenn alle Ebenen des Vereins permanent in diesen Prozess eingebunden werden.“ Eingeführt wurde eine „Selbstverpflichtungserklärung“ für alle im Klub tätigen Menschen, die sich in diesem detaillierten Papier bekennen zum „reflektierten Umgang mit den ihnen anvertrauten Personen“ und sich verpflichten „zu einer angemessenen Thematisierung von Grenzverletzungen jeglicher Art.“ Bereits diese verbindliche Erklärung signalisiert, davon ist Monika Urkötter überzeugt, „nach außen und innen hin eindeutig, dass wir hier aufpassen.“

Der stellvertretende Leiter der Fußballjugend, Darren Wünneman, hat für Trainer und Trainerinnen im Juniorenbereich die DFB-Kurzschulung „Kinder stark machen“ organisiert. Experte Christian Arentz zeigte, wie altersgerechtes Training ablaufen kann – nicht nur in den Übungen, sondern auch in der Ansprache. „Die Schulung war ein Modul des Konzepts, ein Klima zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen“, beschreibt Josefine Paul. „Es ist wünschenswert, dass jeder ganz klar und offen sagen kann, was geht und was nicht geht.“ Sie weiß aus der Praxis, wie rüde bisweilen der Ton auf dem und am Platz ist. „Beleidigungen sind auch dann nicht cool, wenn man nach dem Spiel an der Theke steht.“

Monika Urkötter schätzt, „dass 99,9 Prozent derjenigen, die mit dem Sport zu tun haben, genau wissen, was richtig und falsch ist.“ Überhaupt spreche niemand einen Generalverdacht gegen Verantwortliche aus. „Wir möchten zum Nachdenken über das eigene Tun anregen und für breites Vertrauen sorgen. Wir wollen, dass sich alle aufgehoben fühlen.“

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