Titus Dittmann soll Skateboard olympia-fit machen
Mann über Board

Münster -

Skateboard-Papst Titus Dittmann hat eine neue, nicht unbedeutende Aufgabe: Als World-Chairman des Weltverbandes FIRS (Federation Internationale de Rollersports) soll er die unangepasste Szene in die wohl strukturierte olympische Bewegung eingliedern.

Freitag, 13.11.2015, 05:11 Uhr

Titus Dittmann. Foto: Griebel
Titus Dittmann ist ein Visionär, der viele seiner Visionen schon verwirklicht hat – Olympia zählte aber nie dazu. Dennoch soll der Skateboard-Pionier seinen Sport jetzt ins Reich der Ringe einführen. Foto: Ansgar Griebel

Die Olympischen Spiele buhlen um die rollenden Bretter: 2020 in Tokyo soll es im Zeichen der Ringe erstmals Medaillen für Skateboarder geben. Doch während andere Sportarten seit Jahrzehnten vergeblich von olympischen Weihen träumen, herrscht bei den Skateboardern Skepsis ob der aus ihrer Sicht durchaus zweifelhaften Ehre.

Skateboard braucht Olympia nicht, aber Olympia braucht Skateboard.

Titus Dittmann

Ausgerechnet Titus Dittmann aus Münster soll die wilde Horde ins brave olympische Korsett zwängen, wo doch Zwang eines der größten Tabus der Skatergenerationen ist und war. Dittmann sagt: „ Skateboard braucht Olympia nicht, aber Olympia braucht Skateboard.“

Skate-Aktion von Titus mit Flüchtlingen

Der 66-jährige Titus Dittmann kennt eigentlich keine Grenzen: Er bringt Skateboards nach Afghanistan und in syrische Flüchtlingslager, „damit die Jugendlichen dort ihre Selbstbestätigung finden können, statt zu den Waffen zu greifen.“ Dort machen die Boards Sinn, in Japan weniger. Ausgerechnet Titus Dittmann soll die Bretter nun zu den Olympischen Spielen nach Tokyo bringen, soll als World-Chairman des Weltverbandes FIRS (Federation Internationale de Rollersports) die unangepasste Szene in die wohl strukturierte olympische Bewegung eingliedern.

Jugendbewegung gesellschaftsfähig gemacht

Selber Schuld, könnte man sagen. Der Münsteraner hat mit viel Ausdauer und gegen heftige Widerstände über Jahrzehnte hinweg eine Jugendbewegung gesellschaftsfähig gemacht, die sich im Grunde aus Rebellion und Protest speist – und plötzlich Teil eben dieser Gesellschaft ist, gegen die sie immer angerollt ist.

1978 brachte der Pädagoge Dittmann das Brett ins Rollen – im Schulunterricht. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, ein Jahr nachdem die Skateboards und ihre Fahrer noch hoch offiziell als Staatsfeind gegeißelt wurden. „Ich habe die Bilder noch genau vor Augen, als 1977 der Tagesschausprecher dem deutschen Volk verkündet hat, dass die Bundesregierung darüber nachdenkt, das Skateboardfahren in Deutschland flächendeckend zu verbieten“, erinnert sich Dittmann. „Weil es nicht zumutbar sei für das deutsche Volk, dass eine solche Gefahr auf die Jugend zukommt.“

Skateboarden ist kein Sport, hat aber natürlich sportliche Komponenten. Ich spreche von bewegungsorientierter Jugendkultur.

Dittmann

Umstrittene Examensarbeit

1978 schrieb Dittmann seine Examensarbeit mit dem Titel „Skateboarding im Unterricht“. „Das war eine revolutionäre Tat. Ich habe Disziplinarverfahren am Hals gehabt. Ich bin ausgelacht und beschimpft worden“, sagt Dittmann. Widerstände, die sich durch die folgenden Jahre zogen – und den Skateboard-Pionier in keiner Sekunde von seinem Weg abbrachten. Mit den Münster Monster Master­ships etablierte er das weltweit größte Skateboard-Event zunächst in Münster – und als die Provinzmetropole zu klein für dieses Event wurde in Dortmund. Die Weltstars der Szene trafen sich in Westfalen, weil es keinen Weg daran vorbei gab. „Das muss man sich vorstellen: Ein Tony Hawk, der große Star seiner Zeit, zahlte damals noch 100 Mark Startgebühr, um dabeisein zu können. Heute müsste man den Stars 100 000 Euro zahlen.“

Kein Wunder, dass die Olympische Bewegung jetzt auf den Zug aufspringen will. „Olympia braucht Skateboarden, die brauchen die Jugend, die brauchen Zuschauer – auch wenn immer noch gesagt wird, ,Dabeisein ist alles’.“ Darum, davon ist Dittmann überzeugt, geht es bei Olympia schon lange nicht mehr. „Das ist doch Quatsch. Olympia ist ein Riesengeschäft.“

Interview mit Titus Dittmann

Skateboarden ist die größte und bedeutendste Jugendkultur

Das Motto „schneller, höher, weiter“ gelte auch beim Skateboarden, da aber eben mit- und nicht gegeneinander. „Was wir machen, ist gar kein Sport, auch wenn es natürlich sportliche Komponenten gibt. Deshalb spreche ich von bewegungsorientierter Jugendkultur. Skateboarden ist die größte und bedeutendste Jugendkultur, die je aus dem Sport entstanden ist. Dem muss man Rechnung tragen. Auch und vor allem bei Olympia.“

Und damit den Skateboardern in den beklemmenden Olympischen Ringen ausreichend Bewegungsfreiheit bleibt, hat sich Dittmann bereiterklärt, auch gegen seine innere Überzeugung den Weg der Rollbretter nach Olympia zu ebnen.

Als der grundkonservative Weltverband FIRS nach bis dahin nicht existenter Skateboard-Kompetenz suchte, klopfte er als erstes beim Skateboard-Pionier Titus Dittmann in Münster an. „Die vom Weltverband sind auf mich zugekommen: ,Bitte Titus, mach das.‘ Ich hatte eigentlich gar keinen Bock auf den Stress. Ich habe ja mit mir selber Stress, weil ich im Grunde meines Herzens weiß, das Skateboarden nicht nach Olympia gehört.“ Aber: „Die Skateboarder werden es nicht verhindern können, es wird also Skateboarden bei Olympia geben. Und dann ist es das kleinere Übel, wenn Menschen, die in der Skateboard-Kultur groß geworden sind, das Heft in der Hand haben. Menschen, die Teil der ästhetischen Gesinnungsgesellschaft sind.“

Erster Ansprechpartner des IOC

Und so steht Titus Dittmann jetzt als World-Chairman an der Spitze des Verbandes, der inzwischen erster Ansprechpartner des IOC ist. Als 2012 erstmals Skateboards im Programm der Jugendspiele auftauchten, war mit der ISF (International Skateboard Federation) noch ein US-amerikanischer Verband federführend. „Wir machen die Party, während die Herren der FIRS in ihren Anzügen danebenstehen“, stichelte ISF-Chef Gary Ream seinerzeit.

Die Anzugträger haben sich verzogen und Titus Dittmann Platz gemacht, der zweifellos auch im fortgeschrittenen Alter die nötige Glaubwürdigkeit in Skaterkreisen verkörpert. Er ist jetzt erster Ansprechpartner des IOC. Aber immer noch stehen sogar zwei konkurrierende amerikanische Verbände Board bei Fuß. Für Dittmann kein Problem: „Ich sehe das ganz relaxt und entspannt. Wenn die FIRS sich durchsetzt gegen die zwei Ami-Verbände, dann ist es gut. Wenn die FIRS die Position verlieren würde, dann wäre das vor allem für die FIRS eine Katastrophe.“ Die nämlich warte seit Jahrzehnten darauf, dass eine ihrer Rollsportarten olympisch wird. Dittmann ist egal, welcher Verband die Fäden zieht – solange Skateboarder das Sagen haben. „Und dann muss es möglich sein, dem IOC beizubringen, dass Skateboarden ein bisschen anders zu behandeln ist als Hammerwerfen.“

Titus Dittmann

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  • „Ich muss Leidenschaft spüren. Das ist die Hauptvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. Um andere begeistern zu können, muss man selbst begeistert sein. Ansonsten kann man es besser lassen.“

    Foto: Titus
  • "'Das Herz muss brennen.' oder „'Man muss Leidenschaft für etwas haben.'“ Das sind Sachen, die eigentlich jeder weiß. Ich versuche, dafür zu sorgen, dass sie umgesetzt werden."

    Foto: elb motion pictures GmbH
  • Titus Dittmann: „Eigentlich warte ich heute immer noch darauf, dass ich endlich den Mund aufmachen darf und endlich groß werde.“

    Foto: Titus
  • „Es gibt ein gutes Gefühl, wenn man etwas kann, das andere nicht können. Das übertragen wir auch auf unsere Arbeit mit Jugendlichen und Kindern etwa in Afghanistan,“ sagt Dittmann, der sich mit seinem Team und seinen Fans über den 2. Platz bei dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring freut.

    Foto: Pascal Höfig
  • Titus Dittmann sagt: „Autorennen ist wie Skateboard fahren. Beides ist ein ganz erhabenes Gefühl.“

    Foto: titus
  • „Sich in Grenzbereichen zu bewegen und ein Gerät zu beherrschen, ist großartig", meint Titus Dittmann übers Autorennen.

    Foto: Pascal Höfig
  • "Wir sind nicht die Schnellsten, aber dafür die Geilsten.“

    Foto: Pascal Höfig
  • Titus Dittmann: „Ich kann einfach nicht aufgeben. Das erlaubt mein Innerstes nicht. Also kämpfe ich so lange, bis es klappt.“

    Foto: Aurig
  • "Ich fühle mich immer für alles auf dieser Erde verantwortlich. Das ist ein hoher Anspruch an einen selbst und nicht immer einfach."

    Foto: Thomas_Diekmann
  • Titus Dittmann wird 2013 mit dem Sonderpreis des Deutschen Gründerpreises ausgezeichnet.

    Foto: Jörg Carstensen
  • "Die Skateboardkultur entwickelt ähnlich soziologische Prozesse wie Religion: Sie ist sinn-, identitäts- und gemeinschaftsstiftend, wirkt hoch integrativ und legt eine Gruppe auf bestimmte Werte fest. Wie Respekt. Akzeptanz. Individualismus. Ein bisschen Rebellion, zum Zwecke der Persönlichkeitsbildung."

    Foto: Bernd Thissen
  • Skate-aid: In Afghanistan hat Titus Dittmann mit Rupert Neudecks Grünhelmen e.V. einen Skatepark an einer Schule für 7000 Kinder gebaut.

    Foto: Maurice Ressel
  • „Wenn ein Mensch etwas besser kann als alle anderen, ist das selbstwirksam, sinn- und identitätsstiftend und dadurch extrem persönlichkeitsbildend“, begründet Titus Dittmann seine Projekte etwa in Palästina oder Afghanistan.

    Foto: Thomas_Diekmann
  • "Jedes dieser Projekte muss ich genauso aufbauen wie ein Unternehmen. Das muss strukturiert sein. Da muss eine Strategie vorhanden sein. Dafür ist ein Markenaufbau notwendig."

    Foto: Titus
  • "Skateboard fahren ist auf jeden Fall gesünder als mit Kalaschnikows zu spielen."

    Foto: Titus
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