Fußball: Kleinfeld-WM
Tigin Yaglioglu feiert als Kapitän den Weltmeister-Titel

Münster -

Als Deutschland vor wenigen Tagen Fußball-Weltmeister wurde, nahm das kaum jemand im Land zur Kenntnis. Die Schlagzeilen gehören eben dem Team von Bundestrainer Joachim Löw. Den Titel holte auch nicht der DFB, sondern der DKFV. Und Kapitän war ein Münsteraner und Ex-Preuße: Tigin Yaglioglu.

Mittwoch, 17.10.2018, 18:14 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 17.10.2018, 14:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 17.10.2018, 18:14 Uhr
Stolz reckt er den Weltpokal in den Nachthimmel von Lissabon: Tigin Yaglioglu. Im Hintergrund feiert die deutsche Meute.
Stolz reckt er den Weltpokal in den Nachthimmel von Lissabon: Tigin Yaglioglu. Im Hintergrund feiert die deutsche Meute. Foto: Lukas Mengeler

Eine Horde „explodierender“ Amateurfußballer zählt runter. Zehn, neun, acht ... der Countdown läuft. Bei null angekommen, ergießt sich ein Konfettiregen über die Meute, im Hintergrund schießt ein Feuerwerk in den Nachthimmel. Ein junger Mann mit Zier-Bärtchen reckt immer und immer wieder den Pott in die Höhe. So, als wolle er der Welt sagen: „Das Ding kann uns keiner mehr nehmen.“ Augenblicke, die keiner Worte bedürfen. Weltmeisterliche Ekstase.

Der Praça do Comércio ist einer von den drei wichtigen und großen Plätzen in der neu gebauten Innenstadt Lissabons. Vor dem verheerenden Erdbeben von 1755 stand hier der alte Königspalast, der einst vollständig durch die Naturgewalt zerstört wurde. Ein Ort voller Geschichte. Und einer, an dem jetzt eine völlig neue geschrieben wurde. Protagonist: die deutsche Kleinfeld-Nationalmannschaft.

Bei der WM in Portugal steigt sie nach einem 1:0-Finalsieg über Polen zur goldenen Generation auf. 4500 Zuschauer im extra für das Spektakel gebauten Stadion sind außer sich. Und mittendrin statt nur dabei als Kapitän mit den Händen am Pokal: Tigin Yaglioglu. 27 Jahre jung, gebürtiger Münsteraner. „Ich habe das alles erst realisiert, als ich daheim war. Unfassbar.“

Inzwischen ist der eigentlich so ruhende Pol der deutschen Auswahl wieder in seiner Wahlheimat Köln. Dort an der Sporthochschule studiert er Sportmanagement und -kommunikation in der finalen Phase. Dass er noch immer büffeln muss, ist seinem zeitintensiven Hobby geschuldet. „Das in Lissabon war mein siebtes großes Turnier“, führt er als Erklärung an. Irgendwie korreliert die Prüfungsphase immer mit den sportlichen Herausforderungen. Seit 2013. Damals wurde er über das Uni-Team für die Nationalelf gesichtet und durfte mit zur Europameisterschaft nach Kreta. Mit Rang drei setzten die Deutschen gleich ein Zeichen. Und Yaglioglu? Empfahl sich mal eben als wertvollster Spieler des europäischen Kräftemessens. Der Wahnsinn war geboren. 70 Spiele hat der Student seitdem schon für sein Land absolviert.

In der Kernsportart hat es für ihn indes nie zum ganz großen Sprung gereicht. Die Voraussetzungen waren da. Yaglioglu kickte für die Preußen in der A-Junioren-Bundesliga und hoffte ein Jahr lang als U-23-Spieler auf einen Anruf des damaligen Profi-Trainers Marc Fascher – vergebens. „Manchmal frage ich mich, ob ich nicht gut genug war oder ob schlicht das Glück gefehlt hat.“ Vielleicht von beidem etwas. Aktuell spielt er in der Landesliga für den VfL Rheinbach.

Profikicker nicht erlaubt

Der Deutsche Kleinfeld-Fußball-Verband (DKFV) wurde 2012 in Göttingen gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, Kleinfeldfußball national und international zu entwickeln sowie Hobby- und Freizeitfußballern eine Plattform zu bieten, um gerade das informelle Sporttreiben zu unterstützen. Gleichwohl gibt er mit der Teilnahme an Welt-und Europameisterschaften Amateurkickern die Chance, für die Farben ihres Landes zu spielen und sich auf sportlich anspruchsvollstem Niveau zu messen. Fußballer mit einem Profivertrag sind nicht spielberechtigt. Gespielt wird im Kleinfeld mit fünf Feldspielern und einem Tormann. Das Feld hat in etwa eine Länge von 45 und eine Breite von 25 Metern. Gespielt wird über zwei Mal 20 Minuten. „Eine smarte Sportart“, sagt Nationalspieler Tigin Yaglioglu.

...

Dass er überhaupt ein Faible für den Fußball entwickelt hat, scheint ob seiner Familiengeschichte ein kleines Wunder. Papa Suha Sami hat in der zweiten Hälfte der 80er Jahre unter anderem die Bundesliga-Volleyballerinnen des USC Münster trainiert, Mama Yurdagül war mehr als 60 Mal für die türkische Nationalmannschaft am Ball. Und Schwester Tilbe? Sie ahnen es – spielt Volleyball, in den Staaten. Steht möglicherweise vor einer ebenso großen Zukunft wie die Mutter. „Ja“, sagt Tigin mit einem Lächeln, „ich schlage da etwas aus der Art.“

Gelogen. Denn seit geraumer Zeit hat auch er sich dem Netzsport verschrieben – als Nachwuchskoordinator beim Westdeutschen Volleyball-Verband und als Co-Trainer der Zweitliga-Volleyballerinnen von Bayer Leverkusen. Diverse Türen dürften ihm in der Zukunft offen stehen.

Und wer weiß, wohin es ihn mit der Kleinfeld-Nationalmannschaft noch spült. 2019 auf alle Fälle nach Kreta. Zur WM. Eine Rückkehr an jenen Ort, an dem er 2013 bei der EM seine erste Sternstunde erlebte. „Ich bin erst 27, da ist noch vieles denkbar“, weiß er. Was aber ist größer als der Weltmeister-Titel? Vielleicht die Verteidigung des sensationellen Titels. Abwarten. Jetzt muss Yaglioglu erst mal sein Studium wuppen. Und all die Eindrücke aus Lissabon verarbeiten. Die kann ihm keiner nehmen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6128729?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F62183%2F
Mehr als eine halbe Million Übernachtungen
 
Nachrichten-Ticker