Basketball: 2. Liga ProB
Gedankenaustausch mit US-Boy Malcolm Delpeche

Münster -

Malcolm Delpeche besitzt die englische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, im Herzen ist er aber auch längst Münsteraner: Aktuell ist der Spieler der WWU Baskets Münster in seiner Heimat jenseits des großen Teichs und erlebt vieles hautnah, was bei uns nur gedämpft ankommt.

Sonntag, 21.06.2020, 16:36 Uhr
Malcolm Delpeche
Malcolm Delpeche Foto: fotoideen.com

Malcolm Delpeche ist ein sehr guter Basketballer. Logisch, er ist ja auch ein Schwarzer. Und schon sind wir mittendrin im Thema: Alltagsrassismus ist leider keine Illusion, kein ferner Spuk von jenseits des großen Teichs, sondern auch in Deutschland ein manchmal fast unbemerktes, aber immer bedrückendes Thema, das durch die tragischen Tode in den USA derzeit zurecht ins Visier der öffentlichen Wahrnehmung gerät. Und ja: Malcolm Delpeche ist schwarz und er spielt gut Basketball. Und das ist okay. Aktuell hält sich der Spieler der WWU Baskets in den USA auf und ist zu Besuch in seiner Heimatstadt Wilmington. Die Baskets haben ihren Engländer mit US-amerikanischen Wurzeln im Bundesstaat Delaware aufgespürt und nach seinen Eindrücken und Empfindungen gefragt – nicht nur zum Thema George Floyd .

 

Malcolm, Sie sind kurz vor dem Lockdown in Deutschland in Ihre Heimat nach Delaware (USA) zurückgekehrt. Wie geht es Ihnen in Zeiten des Coronavirus und dem gewaltsamen Tod von George Floyd?

Malcolm Delpeche: Im Großen und Ganzen geht es mir gut. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich denke, dass ich, so unruhig die Zeiten auch sind, selbst sehr glücklich lebe, mit geliebten Menschen zu Hause zu sein. Ich glaube nicht, dass irgendjemand hätte planen können, was wir gegenwärtig erleben. Und ich glaube, dass wir uns jetzt mehr denn je an all die kleinen Dinge erinnern müssen, die wir bislang für selbstverständlich hielten und ihnen dankbar sein sollten.

Beschreiben Sie doch, wie sich das Leben in den USA derzeit für Sie anfühlt.

Delpeche: Es ist derzeit sehrsurreal. Als ich im letzten Jahr um diese Zeit zu Hause war, war es gefühlt ganz anders, im Vergleich zu heute wie Tag und Nacht. Es ist sehr stressig, hier zu leben – besonders als Schwarzer. Man kann weder den Fernseher einschalten noch online gehen oder Radiohören,ohne etwas über Coronavirus und George Floyd zu sehen. Es ist manchmal fast erdrückend. Ich musste eine Pause von den sozialen Medien einlegen, um meine seelische Gesundheit zu schützen, weil ich durch das, was täglich passiert, bemerkt habe, dass ich irgendwann depressiv werden könnte. Und solche Erfahrungen sind wahrscheinlich für viele normal, da die meisten Menschen aufgrund dieser Covid-19-Erfahrung mehr denn je zu Hause sind. Als schwarzer Amerikaner ermutigt mich jedoch, einige der Veränderungen zusehen, die sich seit den Protesten und Demonstrationen ergeben haben. Wir können etwas ändern!

Sprechen Sie viel mit Basketballspielern über den Fall George Floyd und Rassismus im Allgemeinen?

Delpeche: Ich persönlich habe mich nicht zu sehr mit Basketballspielern unterhalten, insbesondere was Rassismus und George Floyd betrifft. Ein Großteil der Kommunikation zu diesen Themen fand mit meiner Familie sowie engen Freunden und Angehörigen statt.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die landesweiten Proteste sehen?

Delpeche: Ich bin ehrlich gesagt ermutigt. Ich spreche für mich selbst: Mitunter kann es sich als schwarze Person oft sehr einsamanfühlen. So, als würde es niemanden interessieren und es wirklich so ist wie „Wir gegen die Welt“. Wenn ich jedoch so viele verschiedene Menschen unterschiedlicher Rassen und Ethnien sehe,die sich vereinen und einstimmig sagen: „Black Lives Matter“. Dann macht das Mut. Es ist wirklich erstaunlich und mächtig. Wir haben überall Verbündete – und das ist ein unglaubliches Gefühl.

Wie ist die Situation in Ihrer Heimatstadt Wilmington und im Bundesstaat Delaware?

Delpeche: Wilmington ist definitiv eine viel ruhigere Gegend geworden, es ist nicht unbedingt die Gegend der größten Unruhen wie New York City oder Philadelphia. Ich denke, dass die größten Veränderungen, die ich bemerkt habe, gerade die Reduzierungen des sozialen Lebens sind, wie es normalerweise von Familien und Freunden genossen wird. Die angesagtesten Bars und Einkaufsmöglichkeiten, die typischerweise junge Leute angezogenhaben, sind nahezu zum Stillstand gekommen. Viele Leute sind aufden Tennisplätzen im Freien, weil sie nicht den ganzen Tag im Haus festsitzen wollen. Leider wurden auch alle Basketballkörbe aus den Parks entfernt, was aus meiner Sicht sehr frustrierend ist. Vor kurzem gab es Proteste im Finanzdistrikt der Stadt, in denen auch die Polizei stark involviert war. Kleinunternehmer haben Vorsichtsmaßnahmen für potenzielle Plünderer getroffen, indem sie ihre Geschäfte und Fenster vernagelt haben.

Menschen protestieren weltweit gegen Rassismus – auch Sportler. NBA-Spieler Dennis Schröder glaubt an einen großen Einfluss der Athleten im Kampf gegen Rassismusinder Gesellschaft. Wie beurteilen Sie das?

Delpeche: Ich glaube, dass Sportler viel Kraft und Einfluss haben. Unabhängig vom Wettbewerbsniveau werden Athleten zu jeder Zeit von Zuschauern und Fans beobachtet und ihre Meinung gehört. Das allein bringt sie auf eine Plattform und eine Position, um mögliche Veränderungen herbeizuführen. Besonders die Stimmen so namhafter Athleten wie Dennis Schröder oder Lebron James werden von Millionen von Menschen durch so banale Dinge wie einen Instagram-Post gehört und respektiert. Ihre Stimmen und ihre Wertschätzung haben mehr Gewicht als die eines normalen Menschen. Sie haben größeren Einfluss im Kampf gegen den Rassismus.

Ihr ehemaliger Teamkollege bei den WWU Baskets, Marco Porcher Jimenez, hat vor kurzem eine Demonstration in Münster organisiert. In einem Fernsehinterview sagte er, dass er zum ersten Mal in diesen Tagen das Gefühl habe, dass sich etwas ändern könne. Wie ist Ihre aktuelle Wahrnehmung und Ihr Ausblick?

Delpeche: Es ist seltsam, aber ich glaube, dass COVID-19 eine einzigartige Gelegenheit für Veränderungen geschaffen hat, möglicherweise wäre dies nicht so, wenn das Leben „normal“ laufen würde. Eine Realität ist, dass viele Menschen, die ansonsten arbeitslos wären, nun zu Hause im Home Office arbeiten. Sie können nicht mehr ausgehen, sie haben ihre Freunde nicht gesehen, sie können nicht in ihre Lieblingsbars gehen. Die Leute sind seit Monaten frustriert. Jetzt haben wir hier im nationalen TV rund um die Uhr den Mord an George Floyd. Die Leute sind darüber empört, über diesen regelrechten Mord, den sie vor Augen geführt bekommen. Dies hat den Teil der Bevölkerung ermutigt, er ist jetzt wütend auf das, was er gesehen hat. Jetzt sind Menschen, die lange zu Hause waren, bereit, ihr Haus zu verlassen und eine ehrenvolle Sache zu unterstützen und eine Veränderung herbeizuführen. Ich denke, mehr denn je ist jetzt der perfekte Zeitpunkt, an der Veränderung mitzuwirken, von der wir glauben, dass sie möglich ist.

Wie werden die Demonstrationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern in den USA beobachtet?

Delpeche: Wir betrachten die Demonstrationen und Proteste als Formen demonstrierter Solidarität. Sie werden als ein Schrei nach Veränderung in den USA, aber auch nach Veränderung innerhalb der anderen Gesellschaften bewertet.

Basketballlegende Michael Jordan spendet im Kampf gegen Rassismus. In den nächsten zehn Jahren werden 100 Millionen US-Dollar an Organisationen gehen, die sich für Gleichstellung, soziale Gerechtigkeit und Bildung einsetzen. Wie sind die Reaktionen hierauf in den USA?

Delpeche: Ich denke, dass dies ein großer Schritt für die Bewegung ist. Finanzielle Unterstützung wird ebensobegrüßt und erwünscht wie die gewaltige Unterstützung durch Worte. Michael Jordans großzügige Spenden wurden mit Gnade entgegengenommen.

Spieler und Manager der Basketball-Bundesliga positionierten sich sehr klar, als ihr Geschäftsführer für Irritation sorgte, weil er keinen politischen Protest akzeptierte. Die 2. Basketball-Bundesliga gab mit allen Pro-A- und Pro-B-Vereinen ebenfalls eine geschlossene Erklärung ab: „Nein zum Rassismus. Ja zur Vielfalt“. Warum können Liga-Organisationen auch Vorreiter sein? Warum der Basketball im Besonderen?

Delpeche: Liga-Organisationen können Vorreiter sein aus den gleichen Gründen, aus denen Sportler im Einzelnen Vorreiter sein können. Die Menschen achten auf die Liga. Die Liga hat eine Plattform, mit der sie ihren Einfluss und ihre Wirkung nutzen kann, um eine positive Veränderung herbeizuführen. Millionen schauen sich gerne BBL-Spiele an, so dass dies eine perfekte Möglichkeit ist, eine Botschaft zu vermitteln. Basketball ist der perfekte Weg dafür, denn Basketball ist Vielfalt. Schwarze Athleten haben das Basketballspiel so erfolgreich gestaltet und zu dem gemacht, was es heute ist. Schwarze und Farbige zu unterstützenbedeutet also, Basketball zu unterstützen.

Die NBA steht auch vor einem Restart ihrer unterbrochenen Saison. Wird sie, werden ihre Spieler mit ihrer jeweiligen Strahlkraft handeln?

Delpeche: Ich glaube, dass die Athleten bereits gehandelt haben. Sie warten nicht darauf, dass der NBA-Basketball wieder startet, um Maßnahmen zu ergreifen. Ich hoffe jedoch, dass sie weiterhin ihre Stimme und ihren Einfluss einsetzen, um die Diskussionen über die Rassenproblematik in den Staaten fortzusetzen.

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