Fußball: Kreis Steinfurt
Zu viele „Titeltrainer“ im Nachwuchs

Altenberge -

In seinem Buch „Ausgespielt? Die Krise des deutschen Fußballs“ geht Autor Dietrich Schulze-Marmeling den Ursachen nach, weshalb Nationalmannschaft und Bundesliga gegenüber der ausländischen Konkurrenz an Boden verloren haben. Die Ursachen sind vielschichtig.

Donnerstag, 16.05.2019, 15:22 Uhr aktualisiert: 17.05.2019, 15:37 Uhr
Dietrich Schulze-Marmeling analysiert in seinem Buch Gründe, warum der deutsche Fußball international an Konkurrenzfähigkeit eingebüßt hat.
Dietrich Schulze-Marmeling analysiert in seinem Buch Gründe, warum der deutsche Fußball international an Konkurrenzfähigkeit eingebüßt hat. Foto: Thomas Strack

Mit dem 3:2-Sieg in den Niederlanden setzte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum Auftakt der EM-Qualifikation ein positives Zeichen. Ist der deutsche Fußball nach dem WM-Trauma 2018 wieder konkurrenzfähig? Das schwache Abschneiden der deutschen Vereinsmannschaften in der Champions- und Europa-League-Saison 2018/19 lässt eher vermuten, dass der Wendepunkt noch nicht erreicht ist. Dietrich Schulze-Marmeling ist in diesen Wochen vielerorts ein gefragter Mann. Denn in Vorlesungen und Seminaren liest er aus seinem Buch „Ausgespielt?“ und bezieht Stellung zur Krise des deutschen Fußballs.

Es ist der dynamischen Entwicklung des Fußballs geschuldet, dass der Buchautor aus Altenberge mit seinem jüngsten Werk solch nachhaltige Resonanz erzeugt. Als ob die verkorkste WM 2018 mit dem historischen Aus schon nach der Vorrunde nicht genug Ansatzpunkte lieferte, um den Niedergang des deutschen Fußballs zu dokumentieren, wird Schulze-Marmelings Diagnose nur wenige Monate später durch das schwache Abschneiden der deutschen Vereinsmannschaften (mit Ausnahme von Eintracht Frankfurt) in den europäischen Pokalwettbewerben bestätigt.

Immerhin können der FC Bayern und der BVB für sich in Anspruch nehmen, gegen die späteren Finalteilnehmer FC Liverpool und Tottenham Hotspur ausgeschieden zu sein. Aber schon im Achtelfinale aus dem Wettbewerb zu fliegen? Das kann weder der Anspruch des FC Bayern noch der des BVB sein.

Schulze-Marmeling beleuchtet in seinem Buch die deutschen Zustände, widmet sich in einem Kapitel der Bundesliga. Grundsätzlich gehe es ihm „um eine nüchterne Bestandsaufnahme“, wie er sagt. Vieles sei richtig gemacht worden nach der Europameisterschaft 2000, die für das DFB-Team nach Niederlagen gegen England und Portugal sowie einem Remis gegen Rumänien in einem Desaster endete.

Zu jener Zeit entstanden Nachwuchsleistungszentren (NLZ), in den Talente ausgebildet wurden. Lange Zeit fruchtete das Konzept. 2009 gewann die deutsche U-21-Nationalmannschaft durch ein 4:0 gegen England in Schweden den EM-Titel. Mit dabei: sechs Akteure, die 2014 Weltmeister in Brasilien wurde. Schulze-Marmeling hält das Fördersystem für überarbeitungs- und verbesserungswürdig, weil viele Nationen inzwischen aufgeholt hätten. Ein neuer Reformschub, so der Altenberger, sei erforderlich.

In besonderem Maße beklagt der Autor, dass es im Nachwuchsfußball zu viele „Titeltrainer“ gebe, denen es oftmals weniger um Ausbildung, sondern um Ligazugehörigkeit, Tabellenplatz und Trophäen gehe. Häufig werde nur primär das Mannschaftsergebnis gesehen und bewertet, weniger die Entwicklung des einzelnen Spielers. Unterstützung findet Schulze-Marmeling in diversen Beiträgen von Peter Hyballa, ehemaliger Juniorentrainer von Bayer Leverkusen, und Hermann Hummels, Vater von Ex-Nationalspieler Mats Hummels und früherer Jugendtrainer beim FC Bayern.

Übrigens: Als das – überaus lesenswerte – Buch auf den Markt gekommen war, zierte ein enttäuschter Thomas Müller das Cover. Da das Foto anklagend gegen den WM-Teilnehmer gewirkt haben könnte, entschloss sich der Buchautor, das Foto gegen Marco Reus auszutauschen.

Dietrich Schulze-Marmeling: Ausgespielt? Die Krise des deutschen Fußballs. Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 2019. 16,90 Euro.

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