Fußball: Can Bayindir von Vorwärts Ahlen
Gehörloser unter Hörenden: Taub, aber keinesfalls stumm

Ahlen. -

Es ist ein bemerkenswerter Schritt. Aber er ist auch ein bemerkenswerter junger Mann. Der 27-jährige Can Bayindir ist seit Sommer Spieler bei Vorwärts Ahlen in der Kreisliga. Das allein wäre keine Nachricht wert. Doch Bayindir ist taub. Andere Gehörlose will er ermutigen, es ihm gleichzutun.

Dienstag, 03.11.2020, 16:06 Uhr
Bei Vorwärts Ahlen und seinem Trainer Oliver Glöden (rechts) fühlt sich Can Bayindir rundum wohl. An der Kommunikation wird noch gefeilt.
Bei Vorwärts Ahlen und seinem Trainer Oliver Glöden (rechts) fühlt sich Can Bayindir rundum wohl. An der Kommunikation wird noch gefeilt. Foto: Henning Wegener

Treffpunkt Ostenmauer, unmittelbar vor der Redaktion in Ahlen. Kurze Blicke werden aus der Ferne getauscht. Dann haben sich die beiden Männer, die sich bisher nie gesehen haben, gegenseitig erkannt. Ein paar Schritte gehen sie aufeinander zu. Der Redakteur und der Fußballer tauschen einen coronakonformen Faustgruß aus – gesprochen wird aber kein Wort.

Und während der Ältere von beiden noch kurz etwas zu gestikulieren versucht, dann den Versuch betreten abbricht, zeichnet sich bei dem Jüngeren ein breites Grinsen unter der Maske ab. Er tippt in sein Handy und hält es seinem Gegenüber hin. „Die Dolmetscherin kommt aus Münster, ist gleich da“, steht dort geschrieben. Zum Glück.

Bayindir bricht die Mauer mit Souveränität und Freundlichkeit

Can Bayindir, der junge Mann mit dem Handy, kennt solche Situationen wohl schon zur Genüge. Die leichte Verunsicherung von Menschen, die ihm zum ersten Mal begegnen, scheint ihn aber nicht zu stören. Zumindest weiß er ihr mit bemerkenswerter Souveränität und Freundlichkeit zu begegnen – man könnte auch Nachsicht sagen.

Den 27-Jährigen vermag ohnehin so schnell nichts aus der Ruhe zu bringen. Vielleicht muss das so sein bei einem Vater von drei kleinen Kindern. Vielleicht liegt es auch an seiner besonderen Situation. Denn Can Bayindir ist seit seiner Geburt taub.

„Stumm – das klingt, als habe ich keine Stimme.“

Obwohl Can Bayindir (links) gehörlos ist, spielt er seit dem Sommer für Vorwärts Ahlen in der Kreisliga. In die Zweikämpfe geht er dabei wie jeder andere auch.

Obwohl Can Bayindir (links) gehörlos ist, spielt er seit dem Sommer für Vorwärts Ahlen in der Kreisliga. In die Zweikämpfe geht er dabei wie jeder andere auch. Foto: Henning Wegener

„Das ist okay so. Das gehört zu mir. Das bin ich“, sagt er wenig später in Gebärdensprache. Im gleichen Atemzug erklärt er, warum ihm der soeben gefallene Begriff „taubstumm“ nicht gefällt. „Stumm – das klingt, als habe ich keine Stimme. Als habe ich nichts zu sagen. Und das stimmt nicht.“

Den schönen Satz muss man wirken lassen. Dass er stimmt, hat der begeisterte Hobby-Fußballer zu diesem Zeitpunkt längst klargemacht. Seit dem Sommer spielt er in der ersten Mannschaft von Vorwärts Ahlen, vermutlich ligaweit als einziger Gehörloser unter Hörenden. Doch wenn es nach Bayindir geht, bleibt er das nicht für alle Zeit. „Auch im Kreis Warendorf gibt es viele Gehörlose. Vielleicht liest es ja jemand und traut sich dann auch“, lautet seine Hoffnung.

Erste Schritte unter Hörenden waren Herausforderung

Ein bisschen Mut für den Schritt sei natürlich nötig, dass weiß der Ahlener aus eigener Erfahrung nur zu gut. „Das erste Mal war schon schwer. Da brauchte es sogar ziemlich viel Mut“, gesteht er. 2007, als damals noch ganz junger Mann, wagte er sich zu einem „normalen“ Verein. Zum VfR Wellensiek nahm er zunächst einen guten Freund zum Dolmetschen mit.

Lippen lesen kann Bayindir zwar auch. „Trotzdem war das eine schwierige und anstrengende Situation für mich, weil ich einfach vieles nicht mitbekommen habe“, sagt er heute. „Ich habe viel überlegt, wie ich da überhaupt in der Mannschaft ankommen kann.“ Zumal die Welt der Hörenden für ihn, der auf eine Gehörlosenschule gegangen ist, eine fremde war. „Ich wusste gar nicht, wie die sich verhalten. Auch heute merke ich noch, dass es nicht für alle normal ist, zur Kontaktaufnahme angefasst zu werden“, sagt Bayindir. Für ihn ist es oft die einzige Möglichkeit.

Kontaktaufnahme zum Trainer im Kindergarten

Herausfordernd bleibt die Verständigung auf dem Platz. Selbst gerufene Anweisungen von Trainer Oliver Glöden (Bild) helfen da natürlich nicht.

Herausfordernd bleibt die Verständigung auf dem Platz. Selbst gerufene Anweisungen von Trainer Oliver Glöden (Bild) helfen da natürlich nicht. Foto: Marc Kreisel

Trotz aller Schwierigkeiten zu Beginn hat ihn der Fußball mit Hörenden seit seinen ersten Schritten nicht mehr losgelassen. „Ich finde das taktische Niveau bei ihnen besser. Das ist für mich spannend“, sagt der Maler. Lange spielte er dennoch parallel in einem Gehörlosenverein. Zuletzt war er in Essen aktiv, bis ihm die langen Anfahrten wegen der Familie zu zeitintensiv wurden.

Bei einem Elternabend im Kindergarten seiner Tochter kam dann die Gelegenheit, die er beim Schopfe griff: Vorwärts-Trainer Oliver Glöden , der dort als Kindergärtner arbeitet, war auch zugegen. Bayindir hatte zum Glück seine Gebärdendolmetscherin dabei und suchte den Kontakt. Sein heutiger Trainer erinnert sich daran mit einem Schmunzeln: „Er hat sich plötzlich vor mich hingestellt und mir erklärt, dass er gerne bei uns Fußball spielen würde“, sagt Glöden. „Ich war ehrlich gesagt im ersten Moment etwas perplex, habe dann aber gleich zugesagt.“

Taktische Anweisungen per Whatsapp

Die Entscheidung haben beide nicht bereut. „Es ist immer wieder eine Herausforderung“, gesteht Glöden. „Aber im Großen und Ganzen klappt es ganz gut.“ Er ertappe sich selbst und seine Spieler noch oft dabei, wie sie auf dem Platz etwas in Bayindirs Richtung rufen. „Aber das ist wohl normal. Im nächsten Moment weiß man dann wieder, dass man hinlaufen und zeigen muss“, sagt Glöden. Taktische Anweisungen vor dem Spiel hat er seinem Rechtsverteidiger gerade schon oft per Whatsapp geschickt. Im Spielgeschehen zu korrigieren, sei dagegen schwer. „Taktisch ist Can aber ziemlich gut ausgebildet und zudem in jedem Training hochmotiviert“, lobt der Coach.

Bayindir will „bis zur Rente“ bleiben

Sein Spieler kann das Kompliment nur zurückgeben. „Oliver gibt sich wahnsinnig viel Mühe.“ Und auch bei Spielern und Schiedsrichtern treffe er auf viel Verständnis, wenn er beispielsweise einen Pfiff des Unparteiischen erst einige Sekunden später durch die Reaktion der anderen wahrnehme. „Das klappt aber meistens. Ich gucke wie ein Huhn immer überall hin. Bei Gehörlosen ist der Sehsinn geschärft.“

Für alles andere, wie etwa die Abstimmung mit den Mitspielern, brauche es auch Zeit. „Vorwärts hat aber eine sehr junge Mannschaft, die da super mit umgeht. Ich fühle mich total wohl“, sagt Can Bayindir. Wenn es nach ihm geht, bleibt er deshalb „bis zur Rente bei Vorwärts“. Gerne dann aber mit noch mehr Gehörlosen in der Liga.

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