Fußball: 3. Liga
Gewaltiges Echo nach Rassismus-Vorfall im Preußenstadion

Münster -

Der Täter ist bereits ermittelt. Einem 29 Jahre alten Mann aus Steinfurt droht nun ein Prozess wegen Volksverhetzung. Nach der Beschimpfung des Würzburger Spielers Leroy Kwadwo werden auch Stadionverbote folgen. Preußen Münster reagierte schnell nach dem Rassismus-Vorfall im Heimspiel am Freitag – und erntete dafür Anerkennung. Der Spieler wird sich am Samstag (15.2.) als Gast im ZDF-Sportstudio zum Vorfall äußern.

Samstag, 15.02.2020, 11:18 Uhr aktualisiert: 15.02.2020, 18:31 Uhr
Fußball: 3. Liga: Gewaltiges Echo nach Rassismus-Vorfall im Preußenstadion
Leroy Kwadwo reagierte aufgebracht auf die Beleidigungen von der Preußentribüne. Foto: Jürgen Peperhowe

Der Mann ahnte wohl, dass er einen großen Fehler gemacht hatte, mehr als das. Kurz vor Ende der Partie zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers, die 85. Minute war angebrochen, wollte sich der 29-Jährige flugs aus dem Staub machen. Doch da hatte er im Umfeld seines Sitzplatzes im Preußenstadion bereits andere Zuschauer gegen sich aufgebracht. Weil: Er hatte den Kickers-Spieler Leroy Kwadwo mit Affenlauten bedacht und ihm wohl hinterhergerufen, dass er „in sein Loch zurück“ solle. Die Polizei schritt ein, informiert von anderen Tribünengästen, und hielt den Mann aus dem Kreis Steinfurt fest. Er wurde nicht festgenommen, sondern „nur“ festgehalten zur Aufnahme der Personalien und nach der Vernehmung durch den Staatsschutz wieder auf freien Fuß gesetzt. Fluchtgefahr bestand in diesem Fall nicht. Wie die Leitstelle der Polizei in Münster derweil mitteilte, war der Mann bislang polizeilich nicht aufgefallen.

Nach der Anzeige droht ihm ein Verfahren wegen Volksverhetzung, bei Verurteilung eine Geldstrafe und bis zu fünf Jahren Haft. Dass der SC Preußen Münster ein langes Stadionverbot aussprechen wird, scheint gewiss. Das gilt aktuell in schweren Fällen bis zu drei Jahren, wie es in den DFB-Regularien ersichtlich ist. Ein bundesweites Stadionverbot in einem dann vergleichbaren Zeitrahmen scheint gewiss. Der Verein SC Preußen, der das Stadionverbot sowohl lokal in Münster als auch bundesweit verhängen kann, wird dabei wohl nicht eine gerichtliche Aufarbeitung dieser Entgleisung abwarten. Zeitnah dürfte diese Sanktion von Vereinsseite ausgesprochen werden.

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Zudem kann der Club, weil die Personalien des Mannes festgestellt wurden, eine etwaige Strafe des DFB praktisch weiterreichen. Für den Fall, dass ein Stadionverbot ausgesprochen wird, kann der Beschuldigte bei der sogenannten Stadionkommission der Preußen eine Anhörung beantragen. In dieser Kommission finden sich neben Präsidiumsmitglied Burkhard Brüx auch der Sicherheits-Beauftragte sowie Fan-Vertreter wieder.

„Nazis raus“

Leroy Kwadwo rannte in der 85. Minute vom Spielfeld in Richtung der Haupttribüne im Bereich der Blöcke A und B, gestikulierend. Dann erstattete er Schiedsrichterin Katrin Rafalski Bericht, die das in einem Sonderbericht wiederum an den Deutschen Fußball-Bund schicken wird. Eine finanzielle Strafe für den SC Preußen ist praktisch sicher. Nach ein paar Momenten Stille im Stadionrund wussten die meisten Besucher, dass irgendein Vorfall mit rassistischem oder beleidigendem Hintergrund passiert sein musste. Prompt einigten sich die Menschen in einer Art gemeinsamem Konsens dazu, „Nazis raus“ zu skandieren. Es war ein starkes Zeichen, nicht organisiert, sondern spontan. „Die Reaktion war überragend im Stadion“, sagte SCP-Pressesprecher Marcel Weskamp. Und: „Eigentlich haben wir bei uns keine Nazi-Probleme, wobei ich den Vorfall auf keinen Fall bagatellisieren will.“

Kwadwo souverän

Wobei die Art und Weise, wie der Würzburger Spieler Kwadwo mit der Situation umging, noch beeindruckender war als alles andere. „Ich habe sowas wie Affenlaute aus dem Block mitbekommen und die Person sofort gesehen“, sagte er nach Spielende in der Mixed Zone des Stadions. „So etwas gehört nicht ins Stadion, ein bodenloses Beispiel.“ Kwadwo bedankte sich nach der Partie aber auch für die Unterstützung der anderen Zuschauer. Wenn beide Mannschaften sich torlos trennten, so gab es in diesem Moment doch auch Sieger. Kwadwo ging sehr souverän mit dem Vorfall um, die meisten Stadionbesucher auch. Das waren gute Reaktionen in einem wirklich miesen und anrüchigen Augenblick. ER wird sich zudem am Samstag (15.2.) als Gast im ZDF-Sportstudio (Beginn der TV-Sendung ist um 23 Uhr) zum Vorfall äußern.

Auch der SC Preußen Münster positionierte sich sofort. „Es gehört zu den Grundfesten des SC Preußen Münster und seiner Anhänger, sich klar und deutlich gegen jede Form von Diskriminierung und Ausgrenzung – sei es wegen der Hautfarbe, der religiösen Überzeugung, des Geschlechtes oder sonstiger Orientierung – zu stellen. Davon wird der Verein auch in Zukunft keinen Millimeter abrücken“, hieß es in einer Pressemitteilung. Der Club entschuldigte sich bei Leroy Kwadwo ausdrücklich und vielfältig, Würzburgs Trainer Michael Schiele lobte in der Pressekonferenz die sofortige Aufarbeitung durch den Verein.

SC Preußen Münster – Würzburger Kickers

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  • Luca Schnellbacher im Duell mit Sebastian Schuppan.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Fridolin Wagner behauptet sich gegen Robert Herrmann.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Schnellbacher macht beim Einlauf einem Balljungen die Schnürsenkel zu.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Schiedsrichterin Katrin Rafalski aus Baunatal, halber Weg zwischen Münster und Würzburg, pfeift die Partie.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Fridolin Wagner kämpft mit Luca Pfeiffer um den Ball.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Seref Özcan versucht, an Torwart Müller vorbeizukommen.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Rossipal und Özcan gegen Fabio Kaufmann.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Sehen Sie im Folgenden zahlreiche weitere Fotos der Partie.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Foto: Jürgen Peperhowe
  • Foto: Jürgen Peperhowe
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  • Foto: Jürgen Peperhowe
  • Foto: Jürgen Peperhowe

Wenige Tage nach dem Vorfall um Hertha-Spieler Jordan Torunarigha beim Gastspiel gegen Schalke 04 war dies ein weiterer rassistischer Vorfall bei einem Spiel im deutschen Profifußball. In allen großen Medien des Landes wurde der Vorfall von Münster aufgearbeitet. „Solche Leute wollen und brauchen wir hier nicht“, hatte SCP-Präsident Christoph Strässer direkt nach Spielende erklärt. Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete war schockiert von dem Verhalten des Zuschauers. Aber Strässer dürfte die prompte Reaktion gefallen haben.

Positive Netzreaktionen

Auch in den sozialen Medien war der Tenor nahezu einhellig. „Chapeau! Stadionzivilcourage“, wurde getwittert. Ein Anhänger des ewigen Rivalen Arminia Bielefeld schrieb, „auch wenn wir Fans von @Arminia die Preußen traditionell kacke finden müssen, dieser Umgang damit ist erstklassig“. Aus Portugal kam auch Lob: „Wow. … Tolle Reaktion der Fans gegen diesen Rassisten!“ Und ein Würzburger Fans ließ es sich nicht nehmen zu sagen: „Starkes Statement. Grüße von der Heimfahrt und hoffentlich bis nächstes Jahr in der 3. Liga“. Die Hastags #NoToRacism oder #NazisRaus erlebten – leider – mal wieder Hochkonjunktur im Netz. Die Reaktion des Vereins auf den Vorfall, das Statement des Clubs, wurde hundertfach in den Netzwerken geteilt, die Antworten darauf waren fast ausschließlich positiv.

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