Fußball: 3. Liga
Preußen Münster zwischen Euphorie und totaler Erschöpfung

Münster -

Das war nichts für schwache Nerven, und am Ende kam es sogar im fast leeren Preußenstadion zu hitzigen Wortgefechten zwischen den Ehrengästen auf der Tribüne und den Gästen aus Zwickau. Lebenszeichen auf allen Ebenen ...

Donnerstag, 25.06.2020, 11:26 Uhr aktualisiert: 26.06.2020, 12:14 Uhr
Alle lieben Heinz: Angreifer Mörschel (2.v.l..) erhält die Gratulation seiner Mitspieler nach dem Doppelpack gegen Zwickau.
Alle lieben Heinz: Angreifer Mörschel (2.v.l..) erhält die Gratulation seiner Mitspieler nach dem Doppelpack gegen Zwickau. Foto: Jürgen Peperhowe

Spontan hatten sich rund 50 Fans vor dem metallenen Schiebetor am Kabinentrakt eingefunden. Abstand in Corona-Zeiten gewahrt, und „ Preußen Münster allez, Preußen Münster allez, Preußen Münster allez“ skandiert, Verneigung vor ihrer Mannschaft, Hut ab. Irgendwo von der Hammer Straße ertönte ein kurzes Hupkonzert, als hätte der SCP die Meisterschaft gewonnen. Im Stadion fetzen sich derweil Spieler aus Zwickau mit einigen der wenigen handverlesenen Preußen-Besucher auf der Tribüne verbal. Im Westen ging die Sonne wunderschön unter, der heimische Fußball-Drittligist war dem Abstieg noch einmal von der Schippe gesprungen.

Einmal Regionalliga und zurück

Einmal Regionalliga und wieder zurück in 90 Minuten. Tatsächlich hat der SCP in dieser Saison schon einige bemerkenswerte Niederschläge einstecken müssen, doch so dicht an der Viertklassigkeit waren die Adlerträger noch nie. Bergisch-Gladbach, Rödinghausen oder Lippstadt, wir kommen.

Ritt auf der Rasierklinge

Die Partie gegen Zwickau war wie ein Ritt auf der Rasierklinge. Anfangs ein Geduldsspiel, dann kam der Kampf dazu, später wild, verwegen, hoffnungslos, schmerzhaft und grandios. Das galt für beide Parteien, nur in unterschiedlicher Reihenfolge. Der Fußball-Drittligist aus Münster gewann mit 2:1 gegen den Tabellennachbarn FSV Zwickau, tauschte die Ränge, hat „nur“ noch zwei Zähler Rückstand auf den Chemnitzer FC auf Rang 16 – und fährt am Samstag nach Mannheim.

Dass der SCP überhaupt noch in der Lage ist, den Ligaerhalt eventuell an den letzten drei Spieltagen zu bewerkstelligen, hing mit vielen Faktoren zusammen, auch einer gewaltigen Leistungssteigerung nach der Pause – da musste keiner was schönreden, bis dahin war das teils schwer zu ertragen. Rumpelfußball.

Naja, meinte aber SCP-Coach Sascha Hildmann , das hätte vor allem damit zusammen gehangen, dass Zwickau die Spielanlage des SCP „gespiegelt“ hätte. Wie schon Eintracht Braunschweig vier Tage zuvor. Außer Standards hätten die Gäste doch nicht so viel zu bieten gehabt bis zur Führung. Was aber im Auge des Betrachters noch deutlich mehr war, als der SCP vor der Pause anbot.

Matchwinner Mörschel

Aber vor allem lag es an Heinz Mörschel und Joel Grodowki, die nach dem 0:1-Rückstand durch Gerrit Wegkamp (59.) das Ende der Geschichte neu verfassten. Nach 78 Minuten „staubte“ Mörschel ab, als FSV-Keeper Johannes Brinkies eine Grodowski-Flanke nicht kon­trollieren konnte. Aber selbst ein Unentschieden hätte den Preußen nicht auf die Beine geholfen – die Hypothek von vier Zählern Rückstand auf das rettende Ufer wäre nicht schulterbar gewesen.

Das Restprogramm im Abstiegskampf

KFC Uerdingen (13./-13 Tore/46)

36.: KFC – Chemnitz (16.)

37.: Rostock (6.) – KFC

38.: KFC – Köln (12.)

1. FC Magdeburg (14./+6 Tore/43)

36.: FCM – G’aspach (19.)

37.: Ingolstadt (6.) – FCM

38.: FCM – Münster (17.)

Hallescher FC (15./-2 Tore/43)

36.: Duisburg (5.) – Halle

37.: Halle – K‘lautern (11.)

38.: Würzburg (3.) – Halle

Chemnitzer FC (16./-7 Tore/40)

36.: Uerdingen (13.) – CFC

37.: Zwickau (18.) – CFC38.: CFC – Rostock (6.)

Preußen Münster (17./-10 Tore/38)

36.: Mannheim (7.) – SCP

37.: SCP – Meppen (8.)

38.: Magdeb. (14.) – SCP

FSV Zwickau (18./-7 Tore/37)

36.: FSV – B’schweig (2.)

37.: FSV – Chemnitz (16.)

38.: Mannheim (7.) – FSV

...

Dann kam erneut Grodowski, das Tackling von Brinkies an ihm führte zum Strafstoß, und den verwandelte Mörschel eiskalt zum 2:1-Endstand. Die dreiminütige Nachspielzeit war zu diesem Zeitpunkt abgelaufen. Trainer Hildmann hatte keine Elfmeterschützen fest benannt, Maurice Litka zeigte Interesse, Mörschel, der 22-jährige Jungspund, ließ sich das nicht nehmen. „Ich hatte ein gutes Gefühl“, erzählte er nach der Partie, so, als ob das irgendein Testspiel in Kattenvenne gewesen wäre. Die Moral sei top.

Jetzt freue er sich auf ein gutes Essen, müsse viel schlafen, ach ja, die Eistonne zur Regeneration sei auch nicht zu verachten. Denn: „Wir wussten, dass drei Punkte gegen Zwickau ganz wichtig sind. Das gibt uns Kraft, viel Kraft.“

Bis zur völligen Erschöpfung

Alle Kraft schien aus Coach Hildmann am Ende gewichen, nach dem Elfmeterpfiff hätte er „sich kurz hinsetzen müssen“. Die Dramatik hatte auch ihn, den Dauer-Optimisten, umgehauen. Denn: „Am Ende hat man gemerkt, wie viel Stress beide Mannschaften hatten.“

Nach 504 Minuten endete auch mit dem 1:1 endlich die Torflaute der Preußen, die jetzt Viertletzter sind. Das reicht noch nicht zum Klassenerhalt, aber wenn nicht aus diesem, aus welchen Siegen soll eine Mannschaft sonst Mut schöpfen? Vielleicht war es eine Initialzündung, Mörschel sei dank.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7467332?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F216%2F
Nachrichten-Ticker