Ein Samstag im September
Ein Jahr nach dem Sprengstoffanschlag in Osnabrück mit 39 Verletzten

Osnabrück -

Es war kein Böller, sondern ein Sprengsatz. Es war kein Knall, sondern eine Explosion. Und es war kein Spaß, sondern blutiger Ernst: 39 Menschen wurden am 10. September 2011 zum Teil schwer verletzt, weil bei einem Fußballspiel ein 25-Jähriger Ultra aus Münster einen Sprengkörper in Richtung des Osnabrücker Fanblocks warf. Die 10. Große Strafkammer des Landgerichts Osnabrück verurteilte Juri C. am 23. März 2012 zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe.

Freitag, 14.09.2012, 11:09 Uhr

Ein Samstag im September : Ein Jahr nach dem Sprengstoffanschlag in Osnabrück mit 39 Verletzten
Der Preußen-Fanblock am 10. September 2011: Mehrfach stieg viel Rauch auf, ein Sprengsatz verletzte 33 Menschen. Foto: Jürgen Peperhowe

Am Samstag, 371 Tage nach dem Anschlag, spielen die Vereine der Friedensstädte Osnabrück und Münster wieder gegeneinander – unter verschärften Sicherheitsbedingungen. Wir sprachen mit einem der Opfer und dem Täter.

Tinnitus, Dienstunfähigkeit und Schmerzensgeld

Was ist schlimmer – eine offene Wunde oder dieses unsichtbare Pfeifen im Kopf? „Ganz klar, ich habe Schwein gehabt“, sagt Ulrich Klus . Der 55-Jährige Kriminalkommissar stand zwei, drei Meter neben dem Sprengkörper, und weil er bei der Detonation genau darauf schaute, prallte die Druckwelle nicht direkt auf ein Ohr. Ihm riss es das Bein auf, drei Splitter mussten aus der Wunde geholt werden, die lange nicht richtig verheilte. „Aber ich konnte am nächsten Morgen wieder richtig hören.“

Ganz klar, ich habe Schwein gehabt.

Ulrich Klus

Einige Kollegen leiden bis heute unter einem Tinnitus, wie das Pfeifen medizinisch genannt wird. Die psychische Belastung ist hoch, die Heilungschancen sind gering. Einer der Polizisten, die am 10. September im Einsatz waren, ist immer noch nicht dienstfähig; andere fielen lange aus und mussten sich Spezialbehandlungen unterziehen. 39 Menschen wurden verletzt; 22 Polizisten, Sanitäter, Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und auch fünf Kinder. 17 Nebenklägern wurde Schmerzensgeld zugesprochen. Die Chance, davon jemals etwas von dem mittellosen Täter zu bekommen, ist verschwindend gering.

Vor einem Jahr

Vor einem Jahr war er im Stadion. Stand in der Fankurve des SC Preußen . Kletterte mit bloßem Oberkörper auf den Zaun. Reckte in Triumphgeste einen Schal in die Höhe. „Ultra liberi“ – Freiheit für die Ultras. Feuerte seine Mannschaft an.

Eine Woche später wurde Juri C. festgenommen. Und gestand. Der Sprengkörper war von seiner linken Hand geworfen worden. Auf dem Dach des alten Spielertunnels gelandet. Runtergefallen in den Gang. Und explodiert.

Fünf Jahre Haft

Seit dem Tag seiner Festnahme ist Juri C. kein freier Mann mehr. Und seit dem 23. März 2012 weiß er, dass das noch lange so bleiben wird. „Als der Richter fünf Jahre sagte, war das ein Schock. Das war der schlimmste Moment meines Lebens“, sagt der 25-Jährige.

In dieser Woche ist er aus der Untersuchungshaft in Osnabrück nach Lingen in die JVA Kaiserstraße verlegt worden; in der normalen Strafhaft sind die Bedingungen nicht so restriktiv. Der Traum allerdings vom offenen Vollzug wird wohl noch lange ein Traum bleiben.

In Osnabrück hatte er eine Einzelzelle; in der Küche hatte er einen Job als Spülhilfe. Zweimal hat ihn sein Vater besucht, doch oft kann sich die Familie aus Neapel die Anreise nicht leisten. Die Freunde von der ehemaligen Curva Monasteria waren da, das hat ihn gefreut, wie er sagt.

Zukunftspläne

Aber er sagt auch, dass er sich von der Gruppe und der Tat distanziert. „Ich will keine Transparente für mich. Ich will nicht als Held gefeiert werden. Dafür gibt es keinen Grund.“ Was will er dann? Wie stellt er sich sein Leben vor? „Ich will arbeiten, damit ich zahlen kann an die Opfer.“

Wenn er die Strafe verbüßt hat, will Juri C. nach Münster zurückehren und arbeiten . „In Italien habe ich keine Zukunft“, erzählt er. Er will ein normales, kleines Leben führen. Er will wieder ins Fußballstadion gehen, „aber ich fasse nie wieder einen Böller oder so etwas an“.

Niemand soll am Samstag Bengalos zünden oder Böller werfen.

Juri C.

Er distanziert sich von den Aktionen der berüchtigten Curva Monasteria, er sagt: „Niemand soll am Samstag Bengalos zünden oder Böller werfen.“ Er klingt dabei so unbeteiligt wie vor Gericht, als er sich entschuldigte, arm an Gestik und Mimik. Eine echte Gefühlsregung ist auch hier, im Besucherraum des Untersuchungsgefängnisses, nicht zu erkennen.

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