Fußball: Jahr der Schiedsrichter
„Manches verdrängt man vielleicht“ – Referees 2019 im Fokus

Senden -

Schiedsrichter-Bashing war im zu Ende gehenden Jahr so eine Art Volkssport. Im Großen wie im Kleinen. Wie das bei den Unparteiischen ankam? Die WN haben sich mit drei Referees des VfL Senden unterhalten. Nicht alles war schlecht.

Donnerstag, 26.12.2019, 17:30 Uhr aktualisiert: 26.12.2019, 17:50 Uhr
Fußball: Jahr der Schiedsrichter: „Manches verdrängt man vielleicht“ – Referees 2019 im Fokus
Foto: Patrick Seeger/dpa (Symbolbild)

Kölner Keller, kalibrierte Linien und Handspiele in der Bundesliga, Pöbeleien, K.o.-Schläge und Kung-Fu-Tritte auf den Amateurplätzen. 2019 war auch und vor allem: Das Jahr der Schiedsrichter. Ebenso gut könnte man von einem annus horribilis sprechen, wenn man sich die entsprechenden Medienberichte dazu anschaut. Aber wie haben die hiesigen Unparteiischen die vergangenen zwölf Monate erlebt? Alles halb so wild? Am Ende noch viel schlimmer? Die WN wollten es genauer wissen und haben drei Referees des VfL Senden Sarah Obermeit , Christian Arends und Dirk Glischinski – in die Redaktion eingeladen. Um einerseits über deren persönliche Eindrücke in 2019 zu reden. Und andererseits in Erfahrung zu bringen, was sich dringend ändern muss, damit 2020 für die Frauen und Männer in Schwarz ein frohes neues Jahr wird.

Eines gleich vorweg: Alle drei üben ihr Hobby leidenschaftlich gern aus. Keiner aus dem Trio hat auch nur einen Moment darüber nachgedacht, im Zuge der Negativschlagzeilen die Schiedsrichterei aufzugeben. Und, das Wichtigste: Es gab keinerlei körperliche Angriffe auf die Sendener.   

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Schiedsrichter aus Überzeugung: Christian Arends (l.), Sarah Obermeit sowie Dirk Glischinski beim Besuch in der WN-Redaktion. Foto: flo (3)/heimspiel-online.de

Ton deutlich rauer

Veränderungen haben die VfLer aber sehr wohl wahrgenommen. Der Ton sei zuletzt definitiv rauer geworden, findet Glischinski. Am schlimmsten seien diesbezüglich die Zuschauer, bei Nachwuchsbegegnungen oft genug die Eltern der Spieler. Da würden hinter der Bande schon mal Worte fallen, die man kaum wiederholen könne, ohne gleich rot zu werden. Also bloß eine Frage der richtigen Erziehung? „Nein“, entgegnet Glischinski, „an dem Punkt sind gerade auch die Vereine gefragt“. Trainer, Betreuer, Funktionäre: „Die müssen den Spielern Grenzen setzen.“ Häufig passiere das exakte Gegenteil: „Die Betreffenden heizen die Stimmung von außen sogar zusätzlich an. Weil sie womöglich glauben, den Unparteiischen so beeinflussen zu können.“

Bei Glischinski sind sie da an der falschen Adresse. Bei Arends und Obermeit ebenfalls. Mit souveränem Auftreten und der passenden Ansprache könne ein Schiri knifflige Situationen rechtzeitig entschärfen, glaubt Ersterer. Helfen könne überdies, „dass wir selber aktiv waren und/oder als Trainer tätig sind. Die meisten Akteure auf dem Rasen wissen also, dass sie uns besser nicht für blöd verkaufen.“

Frauen benehmen sich besser

Und wenn bei einem Spieler doch mal alle Sicherungen durchbrennen? Hat Obermeit vielleicht eine Nahkampfausbildung gemacht, um sich im Zweifel gegen allzu übergriffige Fußballer zur Wehr zu setzen? „Nee“, lacht die Unparteiische, „das war bislang zum Glück nicht nötig.“ Sie leite ohnedies häufig Partien von Frauen, „die benehmen sich eigentlich ohne Ausnahme“.

„Manches verdrängt man vielleicht auch“, räumt Glischinski ein. Der routinierte Referee spricht da aus Erfahrung. Glischinski – stattlicher Typ, zackige Ansagen auf dem Platz, Beruf: Soldat – wirkt nicht so, als könnten ihm die Dinge entgleiten. Doch vor elf Jahren war der Sendener selbst Opfer. Nachdem er bei einem Bezirksligaspiel in Weddinghofen einem Spieler die rote Karte gezeigt hatte, rastete dieser aus. Beleidigte und schubste Glischinski, trat sogar die Tür zur Schiedsrichterkabine ein. Nur unter Polizeischutz konnte der VfL-Mann das Gelände verlassen.

Glischinski hat das nicht aus der Bahn geworfen, andere – gerade Jüngere – hätten so ein gravierendes Vorkommnis wahrscheinlich zum Anlass genommen, die Schiedsrichterei Schiedsrichterei sein zu lassen. Aus dem Kreis Ahaus/Coesfeld kamen zuletzt alarmierende Neuigkeiten. 80 von 300 Referees seien dort binnen eines Jahres weggebrochen, heißt es. Die meisten, weil sie Ähnliches erlebt haben wie Glischinski 2008. Im Kreis Münster, dem die Sendener angeschlossen sind, seien die Zahlen stabil – mit der Einschränkung, „dass wir viel zu wenige sind. Schon jetzt bleiben in den unteren Spielklassen und den Jugendligen etliche Partien unbesetzt“, so der Erfahrenste aus dem Trio.

Auch Schiris nicht frei von Fehlern

Immerhin: In der Domstadt macht man sich Gedanken darüber, wie man wenigstens die, die noch da sind, bei der Stange hält. Die Aufwandsentschädigung – 24 Euro bekommt, wer ein A-Liga-Spiel pfeift, also inklusive An- und Abreise vier, fünf Stunden vom Sonntag opfert – zu erhöhen, ist dabei eher kein Thema. „Ich kenne auch niemanden, der des Geldes wegen pfeift“, erklärt Arends.

„Sinnvoll“ findet der VfL-Beauftragte dagegen, dass Reinhard Zumdiek – früher Kicker, heute Kriminalkommissar – im Rahmen der Schiedsrichterfortbildungen künftig ein verpflichtendes Deeskalationstraining anbietet. Wobei man sich ja schon fragt, wie es im Fußball überhaupt so weit kommen konnte, dass es die Polizei braucht, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Zwei Sachen wollen die Besucher am Ende des gut einstündigen Gesprächs unbedingt noch loswerden. „Auch wir sind längst nicht immer die Guten“, erklärt Glischinski. Er habe schon Kollegen erlebt, die Spieler oder Trainer ähnlich ruppig angingen, wie das umgekehrt zuletzt so oft der Fall war. Und: „Insbesondere junge Schiris treten mir oft zu arrogant auf – womöglich, um die eigene Unsicherheit zu überspielen.“

Obermeit betont indes, „dass es ja nicht nur Kritik von allen Seiten hagelt“. Zu kurz komme ihr in den einschlägigen Berichten, „dass sich die Beteiligten regelmäßig bei uns bedanken, wenn sie der Meinung sind, dass wir ein Match gut über die Bühne gebracht haben.“ Für sie dabei die schönste Bestätigung: „Wenn das Lob aus dem Munde derer kommt, die die Begegnung verloren haben.“

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