Spiel der Könige: Blitzpartien im Netz
Gerhard Friederici hält das Virus in Schach

Senden -

Gerhard Friederici zählt zu den ganz wenigen Sportlern im Altkreis, denen der Corona-Erreger nichts anhaben kann. Seine Leidenschaft lebt der 49-jährige Sendener im Internet aus. Dort kommt es zu mitunter skurrilen Begegnungen.

Donnerstag, 26.03.2020, 18:35 Uhr aktualisiert: 31.03.2020, 14:36 Uhr
Was Viswanathan Anand (Indien) und der Russe Wladimir Kramnik (l.) hier tun, geht in Zeiten von Corona natürlich gar nicht. Gerhard Friederici (kl. Bild) weiß was Besseres.
Was Viswanathan Anand (Indien) und der Russe Wladimir Kramnik (l.) hier tun, geht in Zeiten von Corona natürlich gar nicht. Gerhard Friederici (kl. Bild) weiß was Besseres. Foto: dpa/red

Man muss sich Gerhard Friederici als glücklichen Menschen vorstellen. Während das Athletenleben im Altkreis praktisch stillsteht, kann der Sendener nahezu ungehemmt seiner Leidenschaft frönen. Trotz Kontaktsperre und selbstgewählter häuslicher Quarantäne. Das heißt: Eine kleine Einschränkung gibt es doch. Der Schachspieler des ASV Senden hätte in diesen Tagen als Bezirkspokalsieger am Wettbewerb auf Verbandsebene im Kreis Borken teilnehmen sollen. Ging natürlich nicht wegen der fehlenden sozialen Distanz. Was den Denksportler indes nicht daran hindert, das geliebte Hobby weiter auszuüben – nur eben bis auf Weiteres im Internet.

60 000 Gleichgesinnte

Schach hat Friederici schon immer fasziniert. Als Kind sei er gegen Vater und Bruder angetreten, seit zehn Jahren ist er im Verein aktiv. Irgendwann stieß er im Netz auf die Plattform Chess24. com. Dort sind 60 000 (!) Gleichgesinnte versammelt. Gezockt werde rund um die Uhr. Schon wegen der Zeitverschiebung: „Häufig verabrede ich mich mit Menschen aus Südamerika oder Indien zu einer Partie.“ Wenn er mal nachts nicht schlafen könne, sei das „eine wunderbare Beschäftigung“.

Gerhard Friederici

Gerhard Friederici

Meist spiele er Schnell- (15 Minuten) oder Blitzschach (fünf). Nur die Turbovariante (60 Sekunden) schenke er sich – nicht weil es dem Sendener an raschen Lösungen mangelt, sondern weil das sogenannte schnelle Internet bisweilen trödelt: „Dann läuft die Zeit runter – und ich beiße in die Tischkante.“

Keine Altersbeschränkung

 

Um die 10 000 virtuelle Begegnungen – auch auf anderen Portalen – seien so binnen weniger Jahre zusammengekommen. Abgesehen vom Gehirntraining reize ihn gelegentlich der Austausch mit den Kontrahenten: „Bei einigen Anbietern gibt es eine Chat-Funktion.“ Was nicht jedermanns Sache sei, auch er konzentriere sich in der Regel lieber auf die nächsten Züge. Ein Mal sei er aber doch stutzig geworden, als ihm sein Gegenspieler – vom anderen Ende der Welt – verriet, er kenne die Region, in der Friederici lebt. Stellte sich heraus: Der hochbetagte Neuseeländer war im Krieg in Deutschland verwundet und anschließend in einem Krankenhaus in Münster behandelt worden.

Das sei übrigens etwas, was diesen Sport so einzigartig mache: „Es gibt keine Altersbeschränkung.“ Er selbst ist 49, sein bisher jüngster Kontrahent war zwölf, der älteste weit über 80. Und jeder begegne jedem auf Augenhöhe. Unterliege er, in der reellen Welt, einem Teenager, „erzähle ich das natürlich keinem weiter“, scherzt der Sendener. Aber: „Nach der Partie reiche ich ihm selbstverständlich die Hand.“ Das gebiete der Respekt – selbst in Corona-Zeiten.

Eheprobleme einfach zu lösen

Apropos: Dass sich Friederici statt des Atemwegerregers beim nächtlichen Surfen andere, wenn auch weniger gesundheitsgefährdende Viren einfängt, ist eher unwahrscheinlich: Der Mann ist von Beruf Datenschutzbeauftragter in einem großen, international tätigen Unternehmen. Er weiß also mit Rechnern umzugehen.

Und noch etwas Positives kann der ASV-Akteur seiner Freizeittätigkeit abgewinnen – gerade in diesen Wochen, in denen das pausenlose Aufeinanderhocken den häuslichen Frieden gefährdet: „Ich habe irgendwo gelesen, dass die Zahl der Scheidungen in einer solchen Krise nach oben schnellen.“ Ihm könne das nicht passieren. Wann immer im Hause Friederici dicke Luft drohe, „setze ich mich an den Computer und spiele Schach“.

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